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Am Boden: Flugzeuge der Lufthansa stehen geparkt auf dem Frankfurter Flughafen. 

Flugverkehr

Lufthansa auf Stand-by

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Die Fluggesellschaft hat nur noch wenige Maschinen in der Luft. Beschäftigte müssen zu Hause bleiben. Konzernchef Carsten Spohr stellt sich auf Verkleinerung ein.

Die Corona-Pandemie wird auch für die Lufthansa immer dramatischer. Mittlerweile fliegt die Airline, wie Vorstandschef Carsten Spohr am Donnerstag auf der Jahrespressekonferenz sagte, nur noch rund fünf Prozent ihres eigentlichen Flugplans. Insgesamt heben täglich nur noch 50 Jets ab, 30 davon in Frankfurt, zehn in München und weitere zehn von der Lufthansa-Tochter Swiss in Zürich. Pro Woche gibt es nur noch zwölf Langstreckenflüge nach Nordamerika, Asien und Afrika. „Das entspricht unserem Flugplan von 1955. Das zeigt, wie dramatisch die Situation ist“, umschreibt Spohr die Lage. Derzeit gibt es praktisch keine Buchungen mehr.

Aktuell ist Lufthansa mit etlichen Jets noch unterwegs, um gestrandete deutsche Urlauber im Auftrag der Bundesregierung nach Hause zu holen. Allein für die Karibik seien dafür acht Jumbos vorgesehen. Spohr zufolge verdient die Lufthansa damit aber nicht viel Geld. Ist diese, so Spohr, „beispiellose“ Rückholaktion abgewickelt, dürfte der Flugplan noch dünner werden.

Trotz der nie dagewesenen Krise verliert der Lufthansa-Chef nicht die Zuversicht. „Wir glauben, dass wir gut gerüstet sind. Wir haben Erfahrungen mit Krisen. Unsere Beschäftigten haben ihre Krisenfestigkeit in der Vergangenheit in herausragender Form unter Beweis gestellt.“ Lufthansa sei ein „Fels“ in der Branche, das Unternehmen stehe auf solidem Fundament.

Spohr verweist auf die liquiden Mittel in Höhe von 4,3 Milliarden Euro, auf nicht genutzte Kreditlinien in Höhe von 800 Millionen Euro und unlängst neu aufgenommene Mittel von 600 Millionen Euro. Außerdem seien 86 Prozent der rund 700 Flugzeuge im Besitz des Konzerns. 90 davon seien unbelastet. Das stelle einen Gegenwert von zehn Milliarden Euro dar, den man als Sicherheit einsetzen könne. Damit sei man besser aufgestellt als die Wettbewerber. Staatshilfen sind für Spohr aktuell kein Thema. „Das ist heute noch nicht notwendig. Aber wenn es notwendig wird, werden wir uns darum bemühen.“ Je länger die Krise dauere, desto mehr steige der Druck.

Staatshilfen gefordert 

Der Weltluftfahrtverband IATAhat an die Regierungen weltweit appelliert, Fluggesellschaften nach dem beispiellosen Einbruch des Geschäfts mit Milliardenhilfen vor dem Aus zu bewahren. Global liege der Bedarf bei bis zu 185 Milliarden Euro Nothilfe, berichtete die IATA am Donnerstag in Genf. Die Fluggesellschaften brauchten Direkthilfen, um Liquiditätsengpässe zu vermeiden, Darlehen und Steuererleichterungen.
Privatjetssind für Geschäftsreisende und wohlhabende Menschen derzeit offenbar eine beliebte Alternative, um weiterhin fliegen zu können. „Wir haben einen starken Anstieg der Nachfrage nach Businessjet-Charterdiensten festgestellt“, so der Vertriebsleiter der Charterfirma Luna Jets, Allain Leboursier. „In den letzten Tagen sind die Anfragen um 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.“ (dpa/FR)

Lufthansa dreht Spohr zufolge an allen Kostenschrauben. Dabei habe der Schutz der weltweit rund 140 000 Beschäftigten höchste Priorität. Entlassungen sollen unter allen Umständen vermieden werden. „Gleichwohl wächst die Verunsicherung“, räumt Spohr ein. Die Personalstärke werde nach Überwindung der Krise kaum zu halten sein. Demnächst gehen 31 000 Beschäftigte vom Piloten bis zum Bodenpersonal in Kurzarbeit. Der Vorstand und das Management verzichten auf 20 Prozent ihrer Grundgehälter, Boni werden erst einmal nicht ausgezahlt oder über Lufthansa-Aktien gewährt. Mit Airbus und Boeing steht die Airline in engem Kontakt, um die Auslieferung von Flugzeugen zu verschieben oder Bestellungen zu stornieren. Eigentlich wollte Lufthansa in diesem Jahr fast 40 neue Jets in Dienst stellen. Nachdem die Tochtergesellschaft Austrian Airlines den Flugbetrieb mittlerweile komplett eingestellt hat, wird das auch bei der Tochter Brussels ab dem Wochenende der Fall sein. Eurowings fliegt ebenfalls nur noch fünf Prozent des normalen Angebots.

Allein durch den radikal gekappten Flugplan sinken die Kosten bei Lufthansa nach Angaben von Finanzvorstand Ulrik Svensson um rund 60 Prozent. Generell aber sind rund 30 Prozent fix, vor allem die Personalkosten. Hier sollen Kurzarbeit, Abbau von Überstunden, unbezahlter, aber auch erzwungener Urlaub helfen. Nicht sicherheitsrelevante Trainings werden gestoppt, das Marketing heruntergefahren und Investitionen geschoben. Ohnehin gilt schon seit Wochen ein Einstellungsstopp. Obwohl die Lufthansa mit gut zwei Milliarden Euro im vergangenen Jahr das drittbeste Ergebnis ihrer Geschichte einfliegen konnte, wird es für die Aktionäre keine Dividende geben. Die Politik fordert Spohr auf, staatliche Gebühren zu verschieben und von der Luftverkehrssteuer abzusehen.

Spohr zufolge wird es mittlerweile auch zu einem Problem, die Flugzeuge zu parken. In Frankfurt wird nun die Nordwestlandebahn gesperrt und als Parkplatz genutzt. Sie wird derzeit ohnehin nicht benötigt, da die Zahl der Reisenden stark gefallen ist. Daneben werden Jets in München, Berlin-Schönefeld und Wien geparkt, die Swiss in der Schweiz nutzt Militärflughäfen.

Für eine gewisse Entlastung sorgt die Frachtsparte. „Unsere Flotte ist ausgelastet, der Bedarf steigt überall und das täglich“, sagt Spohr. Die Lufthansa wolle ihren Beitrag leisten, die Lieferketten aufrechtzuerhalten und vor allem auch medizinische Ausrüstung zu transportieren. Mittlerweile gebe es Anfragen aus Osteuropa. Frachtmaschinen sollen den Transport von Gütern per Lkw ersetzen. Lufthansa erwägt mittlerweile auch große Passagiermaschinen wie den Jumbo für Fracht einzusetzen. In normalen Zeiten transportiert die Lufthansa die Hälfte des Frachtaufkommens in Passagiermaschinen.

Spohr zufolge wird die Branche nach Überwindung der Krise eine völlig andere sein. Der Normalzustand wie vor Corona werde nicht wiederkommen. Die Weltwirtschaft werde schrumpfen und damit auch die Airline-Industrie. „Es wird dann auch eine kleinere Lufthansa-Gruppe geben.“ Veränderungen sieht Spohr vor allem im Geschäftsreiseverkehr. „Der Privatreiseverkehr wird aber ein starkes Standbein sein.“ Insofern dürfte sich die schon vor längerem eingeleitete verstärkte Orientierung der Lufthansa in diese Richtung auszahlen. Wie stark die Lufthansa und die Zahl der Beschäftigten und der Jets nach der Krise schrumpfen werden, ist für Spohr noch nicht absehbar. „Jetzt steht das kurzfristige Krisenmanagement im Fokus.“ Normale Verhältnisse sieht er auch im Sommer nicht. Auch dann werde es einen Sonderflugplan geben müssen.

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