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Löhne steigen - aber nicht für alle

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Von: Stefan Sauer

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Große Sprünge sind nicht zu erwarten.
Große Sprünge sind nicht zu erwarten. © dpa

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung geht von einer weiter wachsenden Ungleichheit bei der Lohnentwicklung in Deutschland aus. Der Abstand zwischen der Hochlohnbranche und Niedriglohnjobs wird immer größer, warnen die Autoren.

Der Abstand zwischen hohen und niedrigen Arbeitseinkommen in Deutschland wird in den kommenden Jahren weiter wachsen. In einer Studie zur Gehaltsentwicklung bis 2020 sagt die Bertelsmann-Stiftung für Beschäftigte in Hochlohnbrachen um bis zu sechsmal höhere Entgeltsteigerungen voraus als in einigen Dienstleistungsberufen. Zudem werden für Singles und kinderlose Paare höhere Zuwächse prognostiziert als für berufstätige Eltern und Alleinerziehende.

Zwar seien auch in den weniger gut bezahlten Bereichen reale Einkommenssteigerungen zu erwarten: Im Schnitt könnten die Arbeitnehmer bis 2020 mit einem Stundenlohnplus von zwei bis drei Euro brutto rechnen. Die wachsende Lohnkluft aber nehme zugleich Besorgnis erregende Ausmaße an, heißt es in der 50-seitigen Veröffentlichung.

Zwischen Beschäftigten in der Chemie- und Pharmaindustrie, die sich am oberen Ende der Tabelle finden, und den Kollegen in der Nahrungsmittel, Tabak- und Getränkebranche tuen sich Welten auf. Für erstere wird für den Zeitraum 2012 bis 2020 ein Reallohnanstieg von 6200 Euro pro Jahr vorher gesagt, für letztere sind es gerade 1000 Euro.

Gesundheits- und Sozialberufe stehen mit 1050 Euro an vorletzter Stelle, im Bereich Erziehung und Unterricht sieht es mit real 1350 Euro pro Jahr zusätzlich nicht viel besser aus. Kein Zufall also, dass gerade diese Bereiche derzeit stark von Streiks betroffen sind, die substanzielle Lohnsteigerungen zum Ziel haben.

Der große Unterschied zwischen Industrie und Dienstleistungssektor schlägt sich auch auf das Einkommen von Frauen und damit von Familien mit Kindern nieder. Denn gerade in den Bereichen Pflege, Erziehung, Sozialdienste, haushaltsnahe Dienstleistungen und im Gastgewerbe, in denen die Studie die geringsten Einkommenszuwächse vorhersagt, liegt der Frauenanteil besonders hoch. In der Folge können berufstätige Alleinerziehende, bei denen es sich ebenfalls zu 90 Prozent um Frauen handelt, mit einem durchschnittlichen Reallohnplus von nur 1300 Euro pro Jahr rechnen. Paare mit Kindern schneiden mit 1600 Euro zusätzlich nur wenig besser ab. Für Singles und kinderlose Haushalte sagen die Forscher hingegen Steigerungen von 2000 und 2100 Euro voraus.

Die Bertelsmann Stiftung kommentiert die Ergebnisse mit erkennbarerer Sorge. „Diese Entwicklung ist bedenklich, denn wachsende Ungleichheit beeinträchtigt die Zukunftschancen sowohl der Menschen als auch unserer Wirtschaft und Gesellschaft als Ganzes“, so Vorstandschef Aart De Geus. Deutschland benötige zwar Wachstum und müsse wettbewerbsfähig bleiben. Gleichzeitig dürften aber nicht ganze Einkommensgruppen abgehängt werden.

In jüngerer Vergangenheit hatten bereits der Internationale Währungsfond, die OECD, die EZB und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in eigenen Studien darauf verwiesen, dass wachsende Ungleichheit keineswegs zu mehr, sondern zu geringerem Wirtschaftswachstum führe und auf Dauer die gesellschaftliche Stabilität gefährde.

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