1. Startseite
  2. Wirtschaft

Linde ist flüchtig

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Nina Luttmer

Kommentare

Eine Auszubildende an einer Wasserstoffanlage von Linde in Leuna.
Eine Auszubildende an einer Wasserstoffanlage von Linde in Leuna. © Jochen Zick

Der Industriegasehersteller will sich von der Deutschen Börse zurückziehen. Der Abschied des wertvollsten Unternehmens im Dax schwächt den hiesigen Finanzplatz.

Der Industriegasehersteller Linde macht Schluss mit Deutschland, nun endgültig. Seit das einstige deutsche Traditionsunternehmen 2018 mit dem US-Konkurrenten Praxair fusioniert ist und seinen Sitz nach Dublin verlegt hat, konnte man Linde ohnehin nur noch mit viel Fantasie als deutsch bezeichnen. Am Mittwoch nun lässt Linde seine Aktionärinnen und Aktionäre darüber abstimmen, ob der Konzern sich von der Deutschen Börse zurückziehen kann. Von März an dann will das Unternehmen, das weltweit mehr als 72 000 Beschäftigte hat, nur noch in New York gelistet sein. Momentan hat Linde ein Doppel-Listing an beiden Standorten.

Da der weit überwiegende Anteil von Lindes Aktionär:innen aus dem nicht-europäischen Ausland kommt, gilt es als sehr sicher, dass der Vorstand für sein Vorhaben die notwendige Zustimmungsquote von 75 Prozent erhalten wird. Daran dürfte auch nichts ändern, dass die großen deutschen Fondsgesellschaften Union Investment, Deka und DWS gegen das Vorhaben stimmen werden, genau wie die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), die Privatanleger:innen vertritt.

Für Deutschland ist Lindes Abschied von der Deutschen Börse ein herber Rückschlag. „Der Rückzug von Linde ist eine Schwächung des Finanzplatzes Deutschland. Mit Linde geht ein Schwergewicht des Dax. Man kann nur hoffen, dass das kein Signal für andere Unternehmen setzt, Deutschland auch zu verlassen. Wir brauchen Traditionsunternehmen in Deutschland“, sagt Christiane Hölz, Geschäftsführerin der DSW. Auch Norbert Kuhn, Leiter Unternehmensfinanzierung beim Deutschen Aktieninstitut (DAI) in Frankfurt äußert sein Bedauern: „Mit Linde sind mal eben so 150 Milliarden Euro Marktkapitalisierung weg. Das schmälert das Angebot für Anleger in Deutschland – und der hiesige Kurszettel wird immer kürzer“, sagt er. Der Weggang von Linde sei ein Indiz für die Schwäche des deutschen Kapitalmarkts insgesamt.

Der Industriegasehersteller ist das Schwergewicht im Dax

Linde ist momentan das wertvollste Unternehmen im Dax vor SAP und hat ein Gewicht von mehr als zehn Prozent im Leitindex. Und genau da liegt laut Linde ein Problem. Ein einzelner Wert darf zu den Terminen der Indexneugewichtung nie mehr als zehn Prozent des Dax ausmachen. Dadurch soll die breite Diversifizierung des Index gewahrt bleiben und Investoren geschützt werden. Da sich die Linde-Aktie aber insgesamt so gut entwickelt hat, wurde das Index-Gewicht immer wieder gekappt.

Die Folge: Indexfonds, die den Dax nachbilden, mussten regelmäßig Linde-Aktien abstoßen. Linde beklagt, dass dies den Aktienkurs negativ beeinflusse. In New York gibt es eine solche Kappungsgrenze von zehn Prozent nicht.

Die ist aber auch nicht nötig. Das wertvollste im amerikanischen S&P 500 gelistete Unternehmen ist Apple mit einem Börsenwert von gigantischen 2,1 Billionen Dollar (1,9 Billionen Euro). Dennoch hat Apple damit nur ein Gewicht von sieben Prozent im Index – was die Größe des US-Aktienmarkts offenbart. Der gesamte Dax mit seinen 40 Unternehmen hat eine Marktkapitalisierung von nur 1,6 Billionen Euro.

Zudem aber betont der Linde-Vorstand in der Begründung für das gewünschte Delisting in Frankfurt, dass die Reform „helfen wird, Lindes internationale Präsenz zu betonen, im Gegensatz zu der gängigen Fehleinschätzung, dass Linde besonders stark auf dem deutschen Markt engagiert sei“. Im Klartext also: Schluss mit einer wie auch immer gearteten vorrangigen Verankerung in Deutschland. Die hiesige Geschichte, die 1879 begann, als Carl von Linde in Wiesbaden die „Gesellschaft für Linde’s Eismaschinen Aktiengesellschaft“ gründete, endet, auch wenn es weiterhin Standorte des Konzerns in Deutschland gibt.

Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment, kritisiert den Dax-Rückzug und wirft dem Konzern Wortbruch vor: „Bei der Übernahme von Praxair hatte Linde diesen Schritt ausgeschlossen. Das Delisting ist eine Enttäuschung. Damit wird deutlich, dass letztlich Praxair Linde übernommen hat und nicht umgekehrt. Es war eine Übernahme durch die Hintertür.“ Wer für Linde in den Dax nachrücken wird, ist noch nicht bekannt. Anwärter wären etwa die Commerzbank oder Rheinmetall.

Viele Firmen gehen lieber im Ausland an die Börse

Das Ausscheiden der Linde-Aktien aus dem Dax könnte deren Kurs erst einmal deutlich drücken – denn Indexfonds werden die Papiere in großem Stil verkaufen. Mittelfristig, glauben Fachleute, wird sich die Aktie dann aber wieder erholen. Aktionär:innen erhalten im Tausch Wertpapiere, die an der Börse in New York gelistet sind. „Für deutsche Anleger ist das problematisch. Künftig müssen sie auf Linde-Aktien die Quellensteuer auf ausländische Aktien zahlen und sie sich dann teilweise wieder aufwendig vom ausländischen Fiskus zurückholen“, warnt DSW-Geschäftsführerin Hölz.

Fachleute beklagen seit langem, dass der deutsche Aktienmarkt nicht attraktiv genug ist und viele Firmen lieber im Ausland an die Börse gehen – so etwa deutsche Wachstumsunternehmen wie Curevac, Biontech oder Lilium in New York. Gemessen an der Größe der deutschen Volkswirtschaft ist der hiesige Aktienmarkt eher mickrig – und es wird eher schlimmer als besser. So waren laut Statista 2020 nur 438 Unternehmen in Deutschland an der Börse notiert, im Jahr 2007 waren es noch 761. Gründe dafür gibt es mehrere. Zum einen bietet das hiesige Aktienrecht laut Deutschem Aktieninstitut eher wenig Flexibilität, etwa bei Kapitalerhöhungen. „Aber vor allem sitzt in den USA das Geld. In Deutschland finden sich zwar Investoren für traditionelle Geschäftsmodelle, aber für Unternehmen, die an Zukunftstechnologien arbeiten, ist zu wenig Kapital vorhanden“, sagt Kuhn vom DAI.

Um mehr Geld in den deutschen Kapitalmarkt zu bekommen, müsste sich vor allem die hiesige Aktienkultur ändern. Im Vergleich zu anderen Ländern ist die in Deutschland nur schwach ausgeprägt – auch wenn der Trend aufwärts zeigt. Laut DAI waren 2021 hierzulande knapp 12,1 Millionen Menschen in Aktien, Aktienfonds oder aktienbasierten ETFs investiert, das war der dritthöchste Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 1997.

Ein Gesetz soll den deutschen Kapitalmarkt stärken

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) und Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) haben im vergangenen Jahr Eckpunkte für ein „Zukunftsfinanzierungsgesetz“ vorgelegt, das den deutschen Kapitalmarkt stärken soll. So sollen etwa die Anforderungen für die Börsenzulassung für junge Unternehmen erleichtert werden, und es soll einen Freibetrag für Privatanleger:innen geben, wenn sie Gewinne aus der Veräußerung von Aktien erzielen.

Fachleute betonen zudem, dass ein wichtiger Pfeiler für die Stärkung des deutschen Kapitalmarktes wäre, wenn Teile der gesetzlichen Rentenabsicherung dort investiert würden. So sind große Pensionsfonds in den USA eine große Stütze des Aktienmarkts. In Schweden gehört die aktienbasierte Altersvorsorge seit dem Jahr 2000 fest zum Rentensystem dazu, dadurch fließen riesige Beträge in Wertpapiere. „Das hat viel Schwung in den dortigen Aktienmarkt gebracht, es gibt dort viel mehr Börsengänge als hierzulande“, sagt Kuhn.

Finanzminister Lindner will Ähnliches hierzulande aufbauen. Vergangene Woche stellte er das „Generationenkapital“ vor. Demnach soll mit Hilfe des Aktienmarkts ein Kapitalstock aufgebaut werden, um aus dessen Erträgen ab 2030 die gesetzliche Rente zu stabilisieren. Zunächst sind im Bundesetat 2023 dafür zehn Milliarden Euro vorgesehen. Das ist nur sehr wenig – könnte aber ein Anfang für ein Projekt sein, das künftigen Senior:innen eine bessere Rente und dem Aktienmarkt mehr Attraktivität einbringt.

Infografik
Dax-Unternehmen mit der größten Marktkapitalisierung. © FR

Auch interessant

Kommentare