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Weltweit decken sich die Menschen mit Klopapier ein - in Bangkok (Foto), aber auch in Deutschland.

Belastete Lieferketten

Liefern ohne Unterbruch

Kommen Lebensmittel, Hygieneartikel und Medizinprodukte noch rechtzeitig an? Der Anstieg der Nachfrage stellt Lastwagenfahrer und Logistiker vor Herausforderungen.

Toilettenpapier ist in Zeiten von Corona zu einem extrem gefragten Produkt geworden. Eine Stichprobe am Montagnachmittag in einem halben Dutzend Supermärkten in der Frankfurter Innenstadt hat ergeben: komplett leere Regale. Reißen jetzt die Lieferketten? „Die Lage ist im Moment sehr unübersichtlich“, sagte dazu ein Sprecher des Logistikverbandes BGL dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Tatsächlich hat sich die Lage über das Wochenende verschärft. Vor allem wegen diverser Grenzschließungen. Damit haben die akuten Engpässe beim Klopapier aber unmittelbar nur wenig zu tun. Supermärkte sind von einer sprunghaft gestiegenen Nachfrage überrascht worden. Dabei spielt eine Rolle, dass das Hygienepapier normalerweise nicht zu den extrem „schnell drehenden“ Produkten gehört, also in ganz kurzen Rhythmen gekauft wird wie etwa Milch oder Butter. Deshalb wird es auch normalerweise seltener von den Märkten geordert.

Darauf ist die gesamte Lieferkette eingestellt: Von der Beschaffung des Rohstoffs (Zellulose) bis zum Einräumen in die Supermarktregale. Denn es gehe in der modernen Logistik darum, dass im Idealfall genau dann der Nachschub angeliefert wird, wenn die letzten Rollen verkauft würden, so der BGL-Sprecher. Dieser eng getaktete Mechanismus wurde Ende voriger Woche durch Hamsterkäufe ausgehebelt.

Der Handelsdachverband HDE berichtet von einem Ansturm auf Lebensmittel mit größerer Haltbarkeit, versichert aber zugleich, dass die Versorgung gewährleistet sei. Hauptgeschäftsführer Stefan Genth räumt allerdings auch ein, dass sich bei dem „einen oder anderen Produkt dennoch Engpässe vorübergehend nicht vermeiden lassen“. Wenn sich Haushalte über einen längeren Zeitraum als üblich bevorrateten, könne das die bestehende Lieferstruktur schnell überfordern. Auch der Hygienepapier-Hersteller Essity (Tempo, Zewa) versucht die Gemüter zu beruhigen. Die Maschinen liefen 24 Stunden. Niemand müsse Klopapier horten.

LKW-Staus

Die Europäische Kommissionhat infolge der Wiedereinführung von Grenzkontrollen lange Lastwagen-Staus an innereuropäischen Grenzen beklagt. „Wir haben Hinweise auf kilometerlange Staus an manchen Grenzübergängen“, sagte Behördensprecher Eric Mamer am Montag in Brüssel. Es müsse aber sichergestellt sein, dass Waren rechtzeitig ihre Empfänger erreichten. Die Kommission empfahl, für Lastzüge gesonderte Fahrspuren einzurichten, damit sie an den Grenzen nicht aufgehalten würden. dpa

Gleichwohl macht der BGL-Sprecher darauf aufmerksam, dass auf europäischer Ebene in den nächsten Tagen noch einiges abgeklärt werden müsse, damit der Warentransport in der EU – nicht nur bei Lebensmitteln – „dauerhaft und krisensicher“ weiterhin gewährleistet werde.

Einerseits kursiert die Befürchtung, dass wegen zahlreicher Grenzsperrungen Lastwagen bei der Fahrt von einem ins andere Land durch Kontrollen gebremst werden können. Zu einem Problem könne andererseits werden, so der BGL-Sprecher, dass ein größerer Teil der Fahrer einen ausländischen Pass habe – etwa jeder fünfte. Jede Menge osteuropäische Speditionen sind hierzulande permanent unterwegs. Viele Fahrer kommen aus Polen, das die Grenze zu Deutschland geschlossen hat. Reisen die Fahrer zum Besuch ihrer Familie für ein paar Tage nach Hause, drohen 14 Tage Quarantäne. Sie haben dann womöglich keine Chance, rechtzeitig zurückzukehren, wenn sie hierzulande für den Warentransport gebraucht werden. Auf Lkw-Lenker aus anderen Ländern in Osteuropa könnten in den nächsten Wochen ähnliche Probleme zukommen. Und wenn es dann dauerhaft an Fahrern fehlen sollte, könnte dies irgendwann auch beim Klopapier-Angebot durchschlagen.

Größere Transportkapazitäten werden unter anderem auch benötigt, um frische Lebensmittel zur Kundschaft zu bringen. Täglich sind beispielsweise Hunderte von Lastwagen zwischen Südspanien und den hiesigen Verteilzentren der Handelskonzerne unterwegs, um die Versorgung mit Obst und Gemüse zu gewährleisten. Nach Prognosen der Unternehmensberatung Boston Consulting Group wird sich die Nachfrage nach diesen Produkten und nach Fertiggerichten in den nächsten Tagen erhöhen. Um bis zu 20 Prozent, das habe das Beispiel Italien gezeigt. Der Grund: Es werde wegen der starken Einschränkungen für das soziale Leben mehr zu Hause gekocht.

Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat bereits eine Lockerung des Sonntagsfahrverbots für Lkw vorgeschlagen. Die zuständigen Landesbehörden sollen schlicht und einfach am siebten Tag der Woche die Kontrollen der Brummis aussetzen. Der BGL begrüßt diesen Vorstoß. Doch aus Sicht der Speditionslobby ist das nur sinnvoll, wenn überdies die Bestimmungen für Lenk- und Ruhezeiten „vorübergehend flexibel gehandhabt werden“ – mit einem späteren Ausgleich der Mehrarbeit, so der BGL-Sprecher.

Darüber hinaus fordert der Verband einen Krisennotfallplan. Hauptpunkt: Es sollen unter der Ägide des Bundesamts für Güterverkehr bundesweit vier bis fünf Notfallzentren eingerichtet werden. Transportfirmen, Industrie und Handel melden dort Engpässe und freie Kapazitäten. Im Notfallzentrum soll dann ein „Matching“ organisiert werden, das möglichst viel Transportleistung gewährleistet. Ferner sollen Informationen für Unternehmen und Fahrer bereitgestellt und eine Betreuung bei Quarantänen und Betriebsschließungen organisiert werden. Auch der Bundesverband Paket und Expresslogistik fordert von der Politik Lockerungen bei gesetzlichen Bestimmungen: So müsse auch die Weiterverteilung von Waren jeglicher Art an Sonntagen zulässig sein. Falls es zu Sperrzonen und Quarantänegebieten komme, sollten Depots und Sortierzentren nur als Ultima Ratio geschlossen werden.

Und wie sieht es mit den Lieferketten Autobranche aus? Für Professor Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen sind die Lieferketten derzeit das geringere Problem. Dadurch bedingte Einschränkungen beim Angebot könnten die Hersteller auffangen, etwa indem sie Leasingverträge verlängern, wodurch der Kauf neuer Wagen auf später verschoben werde. Viel gravierender für die Unternehmen aber werde der massive Einbruch bei der Nachfrage generell, der in den nächsten Wochen durchschlagen werde.

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