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Die Preise für neue Medikamente steigen weiter.

Medikamente

Lieber teuer statt wirksam

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Trotz der 2012 eingeführten Kostenregulierung steigen die Preise für neue Medikamente kräftig weiter, klagt die TK.

Trotz der seit 2012 geltenden Kostenregulierung steigen die Preise für neue Medikamente kräftig weiter. Wie die Techniker Krankenkasse (TK) am Dienstag in ihrem „Innovationsreport 2017“ berichtete, kletterte der durchschnittliche Preis je Packung von 1500 auf mittlerweile 2500 Euro. Zuvor hatte es bereits eine Verdopplung gegeben. „Es wäre untertrieben zu sagen, dass die Preise explodieren“, sagte Kassenchef Jens Baas. Allein bei TK stiegen die Ausgaben für neue Medikamente im ersten Jahr der Markteinführung von 54 auf 250 Millionen Euro. Es gebe immer mehr extrem teure Wirkstoffe, die pro Patient Kosten von bis 1,2 Millionen Euro verursachen, beklagte Baas.

„Es kann nicht sein, dass die Pharmafirmen die Kassen der gesetzlichen Krankenversicherung plündern“, kritisierte Studienautor Gerd Glaeske von der Universität Bremen. Er räumte ein, dass die Preisentwicklung im gesamten Arzneimittelmarkt bisher moderat verläuft – was die Pharmaindustrie stets ins Feld führt. Diese Entwicklung wird nach Ansicht von Baas und Glaeske aber bald vorbei sein. Der Grund: Bisher wird der Preisanstieg bei patentgeschützten Medikamenten durch eine Kostensenkung bei den Nachahmerprodukten (Generika) ausgeglichen. Die Preise auf dem Generikamarkt seien jedoch inzwischen so niedrig, dass hier kaum noch Spielräume für eine Entlastung bestünden.

In dem Report haben die Autoren die 32 Wirkstoffe im Praxisalltag untersucht, die 2014 auf den Markt gekommen sind. Kein Medikament bekam in dem verwendeten Ampelsystem in der Gesamtbewertung ein „grün“ – also eine uneingeschränkte Empfehlung hinsichtlich Mehrwert für die Patienten und Kosten. 15 Präparate erhielten ein „rot“, 17 ein „gelb“. In der letzten Kategorie findet sich auch das Hepatitis-C-Medikament Sovaldi, das erstmals für bestimmte Patientengruppen gute Heilungschancen bietet. Es kostet pro Therapie aber bis zu 100 000 Euro. Das Medikament war als „700-Euro-Pille“ in die Schlagzeilen gekommen und hatte eine Debatte über die Preispolitik der Pharmakonzerne ausgelöst.

Der Chef der Arzneimittelkommission der Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, berichtet von anhaltenden Tricksereien der Pharmahersteller. Nach seinen Worten nutzen die Unternehmen weiterhin Gesetze in der EU und in Deutschland aus, die eigentlich die Entwicklung von Medikamenten zur Behandlung von seltenen Krankheiten fördern sollen. Bei diesen Medikamenten gibt es unter anderem Erleichterungen bei der Zulassung und ein zehnjähriges Recht auf Marktexklusivität. Außerdem entfällt die Preisregulierung.

Der Trick: Bei Medikamenten gegen Volkskrankheiten wie Krebs werden die Patientengruppen künstlich so klein gewählt, dass das Präparat den Status als Arzneimittel gegen seltene Erkrankungen („Orphan Drug“, von englisch orphan, „die Waise“) bekommt. Ludwig sprach von der „Orphanisierung“ von Krankheiten, was ein äußerst lukratives Geschäftsmodell geworden sei.

„Hier werden Regelungen, die eigentlich Menschen mit seltenen Krankheiten helfen sollen, von der Industrie massiv missbraucht“, kritisierte er. Ludwig wies darauf hin, dass Wirksamkeit und Sicherheit dieser Arzneimittel wegen der vereinfachten Zulassungskriterien häufig nur unzureichend belegt seien. Die Politik müsse endlich handeln, um den Missbrauch zu stoppen, forderte er.

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