Corona-Folgen

Adidas und das Coronavirus: Lieber Brot als Schuhe

  • vonWolfgang Mulke
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Das China-Geschäft von Adidas bricht ein - nun bangt der Sportartikelhersteller um die Fußball-EM und die Olympischen Spiele.

Die Miene entspricht dem Ernst der Lage. „Wir wissen, was passiert ist, aber nicht, was noch kommt“, sagt Adidas-Chef Kasper Rorsted zur Vorlage der Bilanz am Firmensitz in Herzogenaurach und wirkt besorgt. Er sitzt nicht wie sonst bei dieser Gelegenheit am Podium vor dutzenden Journalisten sondern vor einer Kamera, begleitet nur von einem Vorstandskollegen und einem Pressesprecher. Dieser Krisenmodus, der Ansteckungsrisiken mindern soll, ist dem Coronavirus geschuldet, das Adidas schon hart getroffen hat und noch härter treffen könnte. Um 80 Prozent werden die chinesischen Umsätze des Sportartiklers im Auftaktquartal 2020 sinken, warnt Rorsted. Das ist bis zu eine Milliarde Euro Umsatz, die wohl unwiederbringlich verloren sei.

Bedeutungsschwer ist das, weil fast ein Viertel aller Konzernumsätze von 2019 gut 23,6 Milliarden Euro aus China stammt. Noch prekärer ist, dass die Geschäfte dort so profitabel wie sonst nirgendwo auf der Welt laufen – bis vor kurzem. In China werden im ersten Quartal 2020 die Gewinne um bis zu eine halbe Milliarde Euro einbrechen, warnt Adidas vor. 85 Prozent aller Adidas-eigenen Shops waren dort zeitweise geschlossen. Nun öffnen sie langsam wieder.

Sportschuhe und Trikots kaufen chinesische Verbraucher, die teils wochenlang in Quarantäne ausgeharrt haben und das oft noch tun, dennoch kaum. „In so einer Situation braucht man Milch und Brot aber keine Laufschuhe“, erklärt Rorsted. Im Februar hätten chinesische Großhändler bei Adidas alle Lieferungen storniert, verdeutlicht er die Wucht der Corona-Krise. Auch in Südkorea und Japan habe sie schon 100 Millionen Euro Umsatz gekostet. Mittlerweile bleiben ebenso in Italien epidemiebedingt die Kunden aus.

Ob 2020 zu dem großartigen Sportjahr wird, auf das Rorsted noch hofft, ist mehr als ungewiss geworden. Darüber, ob die Fußball-Europameisterschaft und die Olympischen Spiele dieses Jahr abgesagt oder verschoben werden oder doch stattfinden, will der Däne nicht spekulieren. Adidas würde die beiden Großveranstaltungen gerne als Bühne für seine Produkte verwenden. Falls sie noch gestrichen werden, kostet das weitere bis zu 70 Millionen Euro Umsatz, sagt der Manager.

Gemessen an dem, was im europäischen und weltweiten Handel aber nach chinesischem Vorbild wegen des Coronavirus noch drohen könnte, sei das ein überschaubarer Effekt. So etwas wie eine Geschäftsprognose für das Gesamtjahr 2020 wagt Rorsted dennoch, um sie allerdings im nächsten Atemzug unter erheblichen Vorbehalt zu stellen.

Die Konzernumsätze könnten dieses Jahr um sechs bis acht Prozent wachsen, sagt er. Ausdrücklich ausgeklammert sei dabei aber das gewichtige China-Geschäft, das voriges Jahr noch um 15 Prozent so stark wie sonst nirgendwo gewachsen ist. Die Gewinnprognose stellt gut ein Zehntel mehr Jahresüberschuss auf bis zu 2,2 Milliarden Euro in Aussicht. Auch hier bleibt aber China außen vor - so dass die gesamte Prognose eigentlich Makulatur ist. 2019 haben die Gewinne um 15 Prozent auf rund zwei Milliarden Euro zugelegt.

Während Adidas noch prognostiziert, kassiert Lokalrivale Puma die eigenen Voraussagen bereits wieder. „Puma erwartet keine kurzfristige Normalisierung der Corona-Situation“, erklären die kleinen Herzogenauracher. Zwar sind wie bei Adidas, das ein Fünftel aller Waren aus chinesischen Fabriken bezieht, die Lieferketten bislang kaum „coronageschädigt“. Aber vor allem in Asien sei kaum noch Kundschaft in Sportartikelläden, sofern die überhaupt geöffnet hätten.

Auch in ganz Europa verzeichne man bereits eine niedrigere Kundenfrequenz. Den erst vor drei Wochen gegebenen Ausblick, wonach die Puma-Umsätze 2020 um ein Zehntel und die Gewinne um ein Fünftel steigen dürften, stellen die Herzogenauracher deshalb nun in Frage. Eine Vorhersage sei unmöglich geworden. Puma wie Adidas gehen damit notgedrungen in einen Blindflug über.

EZB unter Druck

Immer mehr Notenbanken springen der Wirtschaft in der eskalierenden Coronakrise zur Seite. Am Mittwoch verkündete die Bank of England in London nach einer außerordentlichen Sitzung, dass der britische Leitzins um 0,5 Punkte auf 0,25 Prozent gesenkt wird. „Obwohl das Ausmaß des wirtschaftlichen Schocks der Ausbreitung des Coronavirus höchst ungewiss ist, wird sich die Aktivität in Großbritannien in den kommenden Monaten wahrscheinlich erheblich abschwächen.“ Damit gerät auch der Rat der Europäischen Zentralbank noch mehr unter Druck, in seiner am heutigen Donnerstag stattfindenden geldpolitischen Sitzung Maßnahmen zu ergreifen. Volkswirte erwarten, dass die EZB ihren Einlagezinssatz von bislang minus 0,5 Prozent weiter um 0,1 Punkte drücken könnte. Außerdem könnte sie das Volumen ihrer Anleihekäufe erhöhen. 

Als erste bedeutende Zentralbank hatte die Bank of Japan Anfang März das nationale Finanzsystem mit zusätzlicher Liquidität versorgt. Die US-Notenbank als „Flaggschiff im Geleitzug der globalen Zentralbanken“ ist mehrfach mit einer Zinssenkung und Geldspritzen aktiv geworden.

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