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Baumwollernte: Das Nachhaltigkeitskonzept „Cradle to Cradle“ soll eine völlig abfallfreie Kreislaufwirtschaft möglich machen.

Grüne Klamotten

So will Lidl Nachhaltigkeit erschwinglich machen

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Viele Produkte des täglichen Lebens sind nachhaltig und ökologisch. Warum also nicht auch Shirts und Jeans? Der Discounter Lidl will Öko-Mode erschwinglich machen.

Bio-Pyjamas“ pries der Discounter Lidl in der vorigen Woche an. „Ökologisch, verträglich, gut.“ Zu 100 Prozent positiv für Mensch und Natur sollen die „biologisch abbaubaren“ Textilien sein. Aus „reiner Bio-Baumwolle“. Außerdem „hergestellt mit erneuerbaren Energien“. Das Ganze zertifiziert nach dem Nachhaltigkeitslabel „Cradle to Cradle“ (C2C). Man glaubte fast, ein Fachblatt für Öko-Mode in Händen zu halten. Aber nein, es war tatsächlich der Lidl-Prospekt, der wöchentlich millionenfach unters Volk gebracht wird. Discounter-kompatibel auch die Preise für die Öko-Klamotten, mit 9,99 Euro für einen Erwachsenen-Pyjama und 6,99 für die Kindervarianten. Ganz anders als man es sonst von Bio-Textilien kennt.

Für die Erfinder des C2C-Konzepts ist der Lidl-Aufritt wichtig. Die Öko-Nachtwäsche wurde komplett nach den Maßgaben dieser Denk- und Designschule – zu Deutsch: „von der Wiege zur Wiege“ – entwickelt, deren Ziel eine optimierte, weil völlig abfallfreie Kreislaufwirtschaft ist. Die Textilien werden so hergestellt, dass sie vollständig und schadstofffrei wieder in den biologischen Kreislauf zurückkehren können. Egal was mit der Kleidung passiert – ob sie beim Waschen als Faserabrieb in die Gewässer gelangt oder nach der Nutzungsphase verbrannt oder kompostiert wird. Die Natur gewinne so ihre Ressourcen zurück, heißt es auf der Lidl-Verpackung, „die Werte bleiben erhalten, neue Stoffe entstehen“. Lidl setze „ein wichtiges Zeichen für den Markt“, kommentiert der Lüneburger Chemieprofessor Michael Braungart, in den 1990er Jahren Miterfinder des C2C-Konzepts.

Lidl: In der Produktion sind gute soziale Standards wichtig

Produkte, die nach diesen Öko-Kriterien entwickelt wurden, gibt es weltweit bereits einige Hundert. „Gebrauchsprodukte“ wie Fenster, Bürostühle oder Filzstifte, die komplett recycle- oder wiederverwertbar sind und nach der Nutzung für die Neuproduktion genutzt, also in den „technischen Kreislauf“ eingespeist werden. Und „Verbrauchsprodukte“ wie Waschmittel, Papier oder eben Textilien, die abbaubar sind und in den Naturkreislauf eingehen können. Pionier bei den Klamotten war der deutsche Hersteller Trigema, der bereits 2006 ein „kompostierbares“ T-Shirt auf den Markt brachte. Inzwischen hat auch die C&A-Kette eine C2C-Testkollektion im Verkauf. Das Lidl-Projekt aber soll nun zeigen, dass Öko-Produkte auch für Verbraucher mit schmaler Geldbörse erschwinglich sein können.

„Das Thema Nachhaltigkeit ist in der Bekleidungsbranche im Kommen“, sagt die Berliner Mode-Professorin Friederike von Wedel-Parlow, die mit dem von ihr gegründeten „Beneficial Design Institute“ das Lidl-Projekt betreut hat. Das C2C-Konzept hält sie für wegweisend. Hauptgrund: Es würden nicht nur bestimmte Schadstoffe in den Textilien ausgeschlossen, sondern sämtliche Inhalts- und Produktionsstoffe – vom Gewebe über die Garne bis zu den Druckfarben – so auswählt, dass sie positiv für Umwelt und Gesundheit seien. Zum Teil sei das aufwendig. „Allein die Entwicklung der Druckpasten, mit denen die Pyjamas bedruckt wurden, hat fast zwei Jahre gedauert, bis sie dem C2C-Standard entsprachen“, berichtet sie.

Ein Knackpunkt, wenn Öko zum Massenmarkt werden soll, ist natürlich der Preis. Um ihn niedrig zu halten, wurden die Pyjamas in Bangladesch gefertigt, in dem Land, dessen Textilindustrie spätestens seit der Rana-Plaza-Brandkatastrophe von 2013 in Verruf ist. „Cradle to Cradle legt aber fest, dass in der Produktion gute soziale Standards eingehalten werden müssen“, betont Wedel-Parlow. Die Fabrik in der Nähe der Hauptstadt Dhaka sei danach ausgewählt worden, und sie persönlich habe den Produktionsstandort mehrfach besucht, um sich davon zu überzeugen. Zunehmend werde den Herstellern dort klar, dass Konzepte wie C2C auch für sie Vorteile bringen. „Bei der Produktion entstehen zum Beispiel keine giftigen Abwässer mehr, die entsorgt werden müssen“, sagt die Professorin.

Lidl will „Deutschlands nachhaltigster Discounter“ werden

Die Zertifizierung und Optimierung der Materialien für die Lidl-Nachtwäsche hat die Hamburger Epea GmbH begleitet. Die Leiterin des dortigen Textil-Teams, Friederike Priebe, glaubt: „Das Lidl-Projekt hat bewiesen: Die gesamte Textilindustrie könnte auf diese ökologischen Verfahren umsteigen – und zwar auch im Niedrigpreissegment.“ Die Befürchtung, es gebe Einschränkungen in der Funktionalität der Textilien, entkräftet sie. So ließen sich auch Mischgewebe nach C2C-Kriterien designen, also zum Beispiel Mischungen aus Baumwolle und Elastan, die den Tragekomfort erhöhen. Man könne Elastan durchaus so herstellen, dass es biologisch abbaubar ist, erklärt Priebe.

Die spannende Frage, wie die Lidl-Kunden das Öko-Projekt angenommen haben und ob C2C nun der neue Standard bei den Textilien des Unternehmens wird, das nach Eigenauskunft „Deutschlands nachhaltigster Discounter“ werden will, bleibt unbeantwortet. Man mache „grundsätzlich keine Angaben zu Verkaufszahlen sowie zu unserer zukünftigen Sortimentsgestaltung“, heißt es bei Lidl. Alternative Stichprobe: Wer einen Lidl-Shop besucht, hört von der Kassiererin: „Hat sich ganz gut verkauft.“ Und online kann man die Öko-Pyjamas auch noch kriegen. Wer weiß, ob das reicht.

Kreislaufwirtschaft

Mit „Cradle to Cradle“ können kreislauffähige Produkte wie Textilien zertifiziert werden. Produkte werden in fünf Kategorien bewertet: Material-Gesundheit, Material-Wiederverwendung, Einsatz erneuerbarer Energien, Wassermanagement und soziale Verantwortung. In fünf Stufen vergibt das Cradle to Cradle Products Innovation Institute Zertifikate (Basic, Bronze, Silber, Gold und Platin), je nach Leistungsniveau eines Produkts. Der Standard wurde von William McDonough und Michael Braungart entwickelt.

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