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Levitenlesen bei Linde

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Von: Thomas Magenheim-Hörmann

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Der Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle zu Beginn der Linde AG Hauptversammlung.
Der Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle zu Beginn der Linde AG Hauptversammlung. © dpa

Die geplante Fusion mit Praxair beherrscht die Hauptversammlung von Linde. Die Aktionäre begehren gegen den umstrittenen Zusammenschluss auf.

Der Gegenwind ist heftig und öfter auch persönlicher Natur. „Man muss das Interesse des Unternehmens im Blick haben und nicht, sich selbst ein Denkmal zu setzen“, ätzt der Vertreter einer großen Fondsgesellschaft und erntet damit kräftigen Beifall der Aktionäre des Traditionskonzerns Linde bei der Hauptversammlung am Mittwoch. Das Denkmal will sich in ihren Augen nicht nur Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle setzen, der das Treffen leitet. Dessen Lächeln wirkt bei solchen Sätzen süßsauer bis gequält. Der 68-Jährige gilt als treibende Kraft hinter der geplanten, umstrittenen Fusion der Münchner mit dem US-Rivalen Praxair. Sie bestimmt das Eignertreffen monothematisch. Ihren strategischen Sinn bestreiten viele Aktionäre nicht. Aber das brachiale Vorgehen Reitzles heißt niemand gut.

Denn vehement gegen die Fusion stemmen sich große Teile der Linde-Belegschaft und die beiden Gewerkschaften IG Metall sowie IG BCE, weil sie europaweit 8000 bis 10 000 der 65 000 Linde-Arbeitsplätze sowie die deutsche Mitbestimmung in Gefahr sehen. Notfalls werde er als Oberaufseher von seinem Doppelstimmrecht Gebrauch machen, um die Fusion im Aufsichtsrat gegen den Willen des Personals durchzudrücken, hat Reitzle bereits gekontert.

Den Eignern geht es primär ums Geld. Sie bemängeln vielfach, dass sich Linde gegenüber Praxair unter Wert verkauft. Gleichwertig sind beide Konzerne im Urteil der Fusionsbefürworter, was sich in einem paritätischen Umtauschverhältnis von Linde- sowie Praxair-Aktien in Papiere eines fusionierten Gesamtkonzerns widerspiegeln soll. Die wahren Werte lägen aber eher bei 60 zu 40 zugunsten von Linde, kritisiert ein Aktionärsvertreter und erntet Applaus.

Andere bemängeln, dass die Linde-Eigner im Gegensatz zu denen von Praxair nicht über den Fusionsvertrag abstimmen dürfen. Dessen Vorlage hat sich verzögert. Eigentlich sollte er zur Hauptversammlung fertig sein. Im Juni sei es nun endgültig so weit, verspricht der aus dem Ruhestand reaktivierte Linde-Chef Aldo Belloni. Er und Reitzle halten den Eignern vor, dass es nach deutschem Recht für sie keinen Anspruch auf Mitbestimmung in einer Frage gibt, die Zuschnitt und Zukunft des eigenen Konzerns fundamental verändern wird.

Die Unternehmenszentrale soll ins europäische Ausland, mutmaßlich nach Dublin, abwandern. Geführt werden soll der fusionierte Konzern, der dem Namen nach weiter Linde heißen würde, aus den USA vom heutigen Praxair-Chef Steve Angel. Seinen Führungsanspruch hat er bereits überdeutlich kundgetan. Praxair gilt als margenstärker, wenn auch im Vergleich zu Linde deutlich kleiner. Auch vor dem US-Managementstil zittert die Linde-Belegschaft EU-weit. Immerhin sollen Kosten in Milliardenhöhe eingespart werden.

Aktionärsvertreterin droht mit Klage

Eine Aktionärsvertreterin droht mit einer Klage, falls Linde-Eigner nicht über die Firmenehe abstimmen dürfen. Reitzle versuche sie gegen alle Widerstände auch im Aktionärskreis durchzuboxen. „Vielleicht geht es nicht um strategische Logik sondern ums Ego“, wirft sie Reitzle vor. In einem fusionierten Konzern, der dann Weltmarktführer bei Industriegasen wäre, hat er sich den lukrativen Posten eines Verwaltungsratschefs gesichert.

„Unwürdig“ seien die Vorgänge bei Linde, die auch schon fusionsskeptischen Topmangern den Job gekostet hätten, findet ein Aktionärskollege. Es offenbare sich ein dilettantisches Schauspiel. „Selten wurde ein Konzern so ins Chaos geführt“, meint ein Fondsvertreter. Die Alarmstimmung in der Belegschaft sei durchaus nachvollziehbar und die Fusion alles andere als alternativlos, zumal massive Kartellauflagen mit der Abgabe lukrativer Geschäfte zu befürchten seien.

Letzteres bestreitet Belloni nicht. Er verteidigt die Fusion aber als wertstiftend. Ein inzwischen gefeuerter Linde-Vorstand habe dagegen ihr Scheitern an Kartellfragen vorausgesagt, heißt es in Gesprächsnotizen aus früheren Linde-Vorstandssitzungen. Beste Voraussetzungen hat das Mammutvorhaben mit einem Marktwert von rund 60 Milliarden Euro wahrlich nicht.

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