+
Gleicher Ort, anderer Tag: Ein Air-Berlin-Airbus A320 am Flughafen Tegel in Berlin.

Air Berlin

Der letzte Flug mit Air Berlin

  • schließen

Wehmut begleitet die letzte Maschine der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin in Berlin-Tegel.

Das war’s. In Berlin hat der Flugbetrieb von Air Berlin vor mehr als 38 Jahren begonnen, in Berlin ging er am Freitag zu Ende. Am Abend landete die Maschine des letzten Fluges der insolventen Airline in Tegel, empfangen von einer Fontäne der Flughafen-Feuerwehr, erwartet von vielen Luftfahrt-Fans und Air-Berlin-Mitarbeitern auf der Besucherterrasse. Mit der Ankunft von AB 6210 aus München kam nicht nur ein Kapitel der Luftfahrtgeschichte zum Abschluss. Auch eine Berliner Geschichte endete. Die Airline war ein Stück Berlin – ungeachtet der Tatsache, dass die Muttergesellschaft seit dem Börsengang 2006 in London residiert. 

Die Fluggesellschaft war eines der wenigen Unternehmen, die den Namen Berlins in die Welt hinaustrugen. Er war in Los Angeles zu lesen, in Bangkok, in New York, auf Mallorca, in London und anderswo, schon in Zeiten, als Berlin noch die graue Stadt im Osten war und nicht als hippes Reiseziel galt. Während die Lufthansa Berlin mit Nonstopp-Verbindungen ins Ausland kurz hielt, bot Air Berlin viele Direktverbindungen an. 

An Bord gab es auch dann noch etwas kostenlos zu essen und zu trinken, als andere Airlines den Gratis-Tomatensaft längst weggespart hatten. Es gab Platzkarten, auch nicht mehr bei jeder Airline üblich, nicht zu vergessen die roten Schokoherzen. 

Viele Berliner können persönliche Geschichten von Air Berlin erzählen. Auch ich. Es muss zwischen 2001 und 2006 gewesen sein, denn in dieser Zeit spielte der Brasilianer Marcelo dos Santos, besser bekannt als Marcelinho, für Hertha BSC. Der Fußballer mit den roten Schuhen saß in einer Air-Berlin-Maschine von Málaga nach Tegel. Die Mannschaft kam von einem Trainingscamp an der Costa del Sol. Die Sportler hatten sich zwischen den Urlaubern verteilt.

Auch Dieter Hoeneß, damals Manager, hatte seinen Sitz mittendrin. „Mit Air Berlin geht es am schnellsten zurück, ohne Umsteigen“, sagte er, und gab gern ein Autogramm. In der Air-Berlin-Maschine aus Málaga mischten sich Promis unter Normalbürger, die sie weltmännisch ignorierten: Das war ein Stück Berlin in der Fremde. 

Es ist so, dass das Management von Air Berlin auch für schlechte Eigenschaften steht, die mit Berlinern assoziiert werden: Großspurigkeit, Arroganz, mit dem Drang, alles zu wollen und alles zu können. Die erzkonservative Ader vieler Berliner zeigte sich in stammtischreifen Beiträgen des Bordmagazins. Dabei waren die Anfänge unberlinerisch bescheiden. 

Der Pilot Kim Lundgren, der für PanAm nach Berlin geflogen war, überredete seinen Vater im US-Bundesstaat Oregon, seinem Sägewerkskonzern 1978 eine Fluggesellschaft anzugliedern. Im April 1979 stiegen die beiden Boeing 707 der „Air Berlin Inc.“ erstmals in den Himmel über Berlin auf.

Nach der Wiedervereinigung 1990 durften auch deutsche Airlines Berlin anfliegen, die Branche wandelte sich. Lundgren suchte einen Partner und fand ihn mit dem einstigen LTU-Manager Joachim Hunold. 1991 wurde die deutsche Air Berlin gegründet, einige Jahre später begann eine beispiellose Expansion. Air Berlin übernahm die Fluggesellschaft dba, dann die LTU, TUIfly und Niki. Während Hunolds Höhenflug verwandelte sich der frühere Charterflieger in die deutsche Nummer 2. Doch die Kosten stiegen, die Verwaltung wurde immer größer, die Integration der Zukäufe klappte nicht.

So wurden die roten Zahlen immer roter. Als Etihad 2011 Mehrheitsgesellschafter wurde, musste Air Berlin das Liniennetz stutzen. Ein Schlingerkurs begann, den Hartmut Mehdorn und seine Nachfolger nicht in den Griff bekamen. 

Nun gibt es Air Berlin nicht mehr. Für die Berliner bedeutet das: weniger Flugverbindungen, höhere Flugpreise. Auch wenn am Freitag ein Kapitel endete, Air Berlin wird weiterhin Schlagzeilen machen. Denn viele Beschäftigte wollen vor Gericht ziehen. Manch einer von ihnen vermutet einen Wirtschaftskrimi, bei dem die Lufthansa ihre Hände im Spiel hat. Mit dem letzten Flug ist also noch nicht alles vorbei.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare