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Bereichsvorständin Sabine Schmittroth, 53 Jahre alt, hat kein Problem damit, sich vom 23-jährigen Mitarbeiter Paulus Wilhelm von Preußen Snapchat erklären zu lassen.

Digitalisierung

Lernen von den Jungen

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Viele Führungskräfte fühlen sich vom Thema Digitalisierung überfordert. Dabei haben sie die Fachkompetenz meist im Haus: junge Mitarbeiter.

Für Journalisten gibt es anstrengende Gesprächspartner und einfache. Sabine Schmittroth und Paulus Wilhelm Prinz von Preußen gehören zu der letztgenannten Kategorie. Das Gespräch mit ihnen in einem Büro der Commerzbank im Frankfurter Gallileo-Turm läuft quasi von selbst: Die beiden unterhalten sich rege miteinander, erzählen begeistert und ausführlich, ergänzen gegenseitig ihre Antworten und machen so viele Fragen überflüssig. Man merkt: Da haben sich zwei gefunden, die nicht nur rein beruflich auf einer Wellenlänge sind.

Dabei ist es ungewöhnlich, dass diese zwei Kollegen sich duzen und auf Augenhöhe miteinander sprechen. Denn Schmittroth hat es weit nach oben gebracht in der Commerzbank; die 53-Jährige steht als Bereichsvorständin Privatkunden nur eine Stufe unter dem Vorstand. Von Preußen dagegen ist erst 23 Jahre alt, ein „Jungspund“ also, auch wenn er schon seit fünf Jahren für die Commerzbank arbeitet, derzeit im Firmenkundensegment. Die beiden bilden ein Tandem in einem Mentoring-Programm der Commerzbank – von Preußen ist dabei der Lehrer und Schmittroth die Schülerin. Verkehrte Welt also.

Reverse Mentoring – umgekehrtes Mentoring – nennt man solche Programme. Die Idee: Junge Menschen bringen Führungskräften eines Unternehmens die digitale Welt nahe. Sie erklären ihnen etwa, wie Facebook, Twitter oder Instagram funktionieren – oder gehen weit darüber hinaus. „Paul hat mir gezeigt, wie man eine App programmiert“, sagt Schmittroth. Sie wirkt aufrichtig dankbar, als sie zu ihrem jungen Mentor sagt: „Du hast mir in vieler Hinsicht die Welt geöffnet. Ich dachte zum Beispiel immer: Facebook, das ist die Zukunft. Und dann höre ich von Dir: Nö, bei WeChat sieht man die Welt von morgen.“

Die Idee des Reverse Mentoring stammt aus den USA. Ende der Neunzigerjahre stellte Jack Welch, damals Chef von General Electric, fest, dass seine Führungskräfte echten Nachholbedarf im Bereich der neuen Technologien hatten und ließ sie durch junge Mitarbeiter schulen. Viele Unternehmen in den USA folgten diesem Beispiel. Auch in Deutschland haben einige Firmen, vor allem große Konzerne, Reverse-Mentoring-Programme aufgelegt.

Die Commerzbank hat damit 2017 begonnen, die Teilnahme ist freiwillig. Seitdem haben 47 Tandems das Programm durchlaufen oder stecken noch mittendrin; geplant ist, das Projekt weiterzuführen und womöglich auf das ganze Unternehmen – nicht mehr nur die Führungskräfte – auszuweiten. Auch Mitglieder des Vorstands haben schon teilgenommen, um mit gutem Beispiel voranzugehen.

Ist es ihr nicht schwergefallen, bei einem so jungen Lehrer in die Schule zu gehen? „Gar nicht“, sagt Schmittroth. „Ich bin ein sehr neugieriger Mensch und habe ohnehin das Gefühl, dass ich jeden Tag bei der Arbeit etwas Neues lerne. Wer denkt, er habe ausgelernt, nur weil er einen bestimmten Abschluss oder eine gehobene Position erreicht hat, macht einen riesigen Fehler.“

Ausgelegt ist das Mentoring-Programm auf sechs Monate – wobei Schmittroth und von Preußen, die im Piloten im Jahr 2017 dabei waren, ihren Dialog anschließend einfach fortgesetzt haben und sich seit inzwischen 1,5 Jahren austauschen. Anhand von Fragebögen, mit denen der Lernbedarf, aktuelle Wissensstand, aber etwa auch Hobbys ermittelt wurden, führt die Commerzbank Mentoren und Mentees – die nie aus dem gleichen Geschäftsbereich kommen – zusammen. Los geht es mit einem gemeinsamen Workshop.

„Allerdings bekommen die Mentoren vorher noch ein Briefing. Dort wurde meiner Gruppe zum Beispiel gesagt, dass wir nicht ängstlich sein müssen, dass aber Verschwiegenheit und Vertrauen wichtig sind, dass wir die „Duz-Kultur“ ausprobieren können und von Treffen so ein- bis zweimal im Monat ausgehen sollten“, sagt von Preußen. Gleich zu Beginn des Programms habe er gemerkt, dass Führungskräfte „wirklich nie“ Zeit haben. „Aber wenn sie in dem Projekt mitmachen, dann müssen sie sich diese Zeit nehmen. Das ist der Vorteil“, meint er.

Wann oder wo sie sich treffen, was sie besprechen wollen, bleibt den Tandems überlassen. Schmittroth und von Preußen entschieden sich beispielsweise, einen Tag gemeinsam nach Berlin zu fahren und sich Fintechs anzuschauen. Sie diskutierten über den Fahrdienst Uber und über Quantum Computing. Und auch über Dinge, die im Beruf gar keine Rolle spielen, sondern einfach nur Spaß machen. „Richtig toll war es, als Paul mir Snapchat gezeigt hat. Das hat viel Spaß gemacht, und an Weihnachten habe ich dann auch gleich meine Eltern Snapchat-fähig gemacht“, erzählt Schmittroth. Über Snapchat kann man Fotos digital verschicken, die sich dann nach wenigen Sekunden wieder „selbst zerstören“.

Beide Seiten haben von dem Mentoring-Programm profitiert, da sind sich Schmittroth und von Preußen einig. Sie von seinem digitalen Wissen und davon, „dass ich gelernt habe, wie junge Menschen ticken. Das ist ja auch für meine künftige Personalrekrutierung wichtig.“ Er von ihrer langjährigen Erfahrung als Führungskraft. „Ich bin mal einen halben Tag mit Sabine mitgegangen, habe gesehen, wie sie ihre Prioritäten setzt, wie sie Probleme löst und mit Mitarbeitern umgeht. Das war eine wertvolle Erfahrung“, sagt von Preußen.

Gemeinsam mit anderen jungen Mentoren habe er auch durch Deutschland reisen und das Programm Firmenkunden der Commerzbank vorstellen dürfen. „Es ist schön, wenn man als junger Mitarbeiter im Unternehmen seinen ‚Fußabdruck‘ hinterlassen kann und offensichtlich gebraucht wird“, sagt von Preußen.

Den Abschluss des Programms bildet bei der Commerzbank eine Präsentation jedes Tandems; alle sollen eine Zukunftsidee entwickeln, einen kleinen Preis gibt es auch. „Ein bisschen Wettbewerb muss sein“, sagt Schmittroth dazu. Gewonnen haben sie und von Preußen den Preis nicht – der ging an ein Tandem, das sich entschlossen hat, neben dem Hauptjob bei der Commerzbank eine GmbH zu gründen, die junge Mädchen für das Programmieren begeistern will. Aber was Schmittroth und von Preußen ihren Co-Tandems präsentiert haben, zeigt, dass ihre Begeisterung für das Reverse Mentoring echt ist: Sie haben ein Plädoyer dafür gehalten, die Silos in der Bank einzureißen, Hierarchien zumindest zu überdenken, mehr zu kooperieren und voneinander zu lernen – und das Mentoren-Programm fortzuführen.

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