Unternehmens-Kommunikation

Das Leid mit Leitbildern

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Über die Kunst sprachlicher Inszenierung

Das Arbeitsleben steckt voller Rhetorik. Forscher sind genötigt, Projekt-Antragsprosa zu pflegen. Büroangestellte wissen, welch sorgsamer Auswahl sprachlicher Girlanden es bedarf, um im Power-Point-Gewitter eine gute Figur zu machen. Ganz zu schweigen von den huldvollen Lobgesängen, die in der Hauspostille allfällig angestimmt werden, wenn ein frisch bestallter Vorstand die Bühne betritt. Terminologisches Garnieren ist gefragt.

Die Kunst sprachlicher Inszenierung scheint kaum sonst wo so perfektioniert zu sein wie bei der Leitbild-Produktion. Firmen wimmeln von Leitbildlyrik; sogar Krankenhäuser, Gefängnisse und Schulen meinen sie zu brauchen. Unvergessen bleibt eine Studie im Vertriebsbereich eines Konzerns: Im Konferenzraum ein edel gerahmtes Poster mit dem Schriftzug „Unser Abteilungsleitbild“. Darunter lauter Leitbotschaften: „Wir sind ein Hochleistungsteam“, „Wir kommunizieren immer verbindlich“, „Wir arbeiten hochgradig effektiv“, „Wir sind stets zielgenau im Vorgehen“. Neuankömmlinge wurden umgehend mit dem Porträt phraseologischer Selbstbeweihräucherung vertraut gemacht und um eiliges Einstudieren gebeten.

Natürlich spüren Mitarbeiter, wie penetrant diese Formeln ins Auge stoßen. Ist vieles davon doch willkürlich und austauschbar. Auch läuft es in der Firma viel ungeplanter und widersprüchlicher, als es mit markiger Managementrhetorik erfassbar wäre.

Wichtiger als die reine Verkündigung von Leitbildern sei Verständigung zwischen Managern und Mitarbeitern während der Erarbeitung, hebt der Soziologe Stefan Kühl in einer aktuellen Untersuchung hervor. Hinsichtlich seiner Akzeptanz komme es vor allem auf den Weg zum Leitbild an. Aufgedrückte Leitbilder blieben ohne Chance, „den Wertekatalog mit den Mitarbeitern diskutieren zu können, weil es ja nur noch um Information geht und kritische Einwände oder sinnvolle Anregungen der Mitarbeiter folgenlos bleiben“.

Vielleicht ist auch etwas Ironie brauchbar. Mit Schmunzeln und einer Prise Bockigkeit auf Kosten des Hauses werden stocksteife Betriebe zwar nicht auf den Kopf gestellt, jedoch dezent irritiert. Solcher Umgang mit Leitbildern entspricht wiederum nicht der Lehrbuchrhetorik für megaeffiziente Unternehmenskommunikation, dafür aber der sozialen Realität in Betriebsbürokratien.

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