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Montage des Coax 2d: Mit dem Projekt wagte der Maschinenbauer EDM den Sprung in die Luftfahrtbranche.

Hubschrauber

Leichtgewicht der Lüfte

Eine Thüringer Firma lanciert den ersten Ultraleicht-Hubschrauber Deutschlands. Insgesamt drei fertige Coax 2d fliegen bereits – allerdings nur mit Sondergenehmigung.

Von Steffen Höhne

Auf den ersten Blick sieht der Coax 2d aus wie ein normaler Helikopter. Auf den zweiten stutzt man. Am Rumpfende fehlt der Heckrotor, dafür besitzt das Fluggerät vier große Rotorblätter. Zwei zur Reserve – oder wie?

Mario Grebenstein steigt ein. Der Pilot führt einen kurzen Check-up durch, ein 125 PS starker Kolbenmotor bringt den Ultraleicht-Hubschrauber anschließend auf Touren. Dann hebt das nur knapp 300 Kilogramm schwere Gerät tadellos vom Boden ab. „Wenn man es gelernt hat, fliegt es sich mit dem Doppelrotor einfacher“, sagt Grebenstein.

Aus der Vogelperspektive ist die Produktionshalle des Hubschrauberbauers EDM Aerotec gut zu sehen. Diese steht nicht in den Luftfahrt-Hochburgen Hamburg oder München, sondern in Geisleden. Von dem beschaulichen Dorf im Thüringer Eichsfeld aus will der Mittelständler eine kleine Revolution im deutschen Hubschrauberbau auslösen. Als erstes Unternehmen fertigt EDM einen sogenannten Ultraleicht-Hubschrauber. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal sind die vier Rotorblätter auf zwei sich gegenläufig drehenden Ebenen. Sie sparen den Heckrotor, der beim klassischen Helikopter für den Ausgleich des Drehmoments sorgt.

Das System gibt es seit Jahrzehnten und wurde vor allem bei schweren Hubschraubern in der ehemaligen Sowjetunion eingesetzt. Von dort stammt auch die Idee für den Coax 2d. Ein russischer Konstrukteur entwickelte den leichten Hubschrauber. Dass das Projekt nun seine Marktreife erreicht hat, lag vor allem an dem Unternehmer Engelbert Dreiling und seiner Tochter Anja Ernst.

Vieles von Hand gemacht

Dreiling hatte bereits 1982 in der DDR eine kleine Maschinenbaufirma gegründet und diese nach der Wende kontinuierlich ausgebaut. Vor allem Sondermaschinen für die Lebensmittel- und Verpackungsindustrie werden von der Firma EDM mit 150 Mitarbeitern gefertigt. Im Jahr 2008 machte der Unternehmer seinen Flugschein und infizierte die ganze Familie mit seiner Begeisterung für die Fliegerei. So wurde er auch auf das Helikopterprojekt aufmerksam.

EDM sollte zunächst nur Teile liefern. Daraus wurde schnell mehr. „Wir haben uns ziemlich blauäugig in das Geschäft gestürzt“, sagt Anja Ernst, die heute Geschäftsführerin von EDM Aerotec ist. „Zunächst ging es vor allem darum, eine technische Herausforderung zu bewältigen.“ Der Ehrgeiz von Dreilings Mannschaft war geweckt. Als der Prototyp die ersten Testflüge unternahm, wurden laut Ernst jedoch viele Schwachstellen sichtbar.

Also gingen die Ingenieure wieder an die Arbeit, die Firma EDM Aerotec wurde gegründet, Flugzeugmechaniker und Konstrukteure eingestellt. „Unser Vorteil ist, dass wir alles im Haus selbst entwickeln und auch bauen“, sagt Ernst. So werde etwa die Rotorwelle selbst gedreht.

Eine der größten Herausforderungen war laut Ernst das Gewicht des Hubschraubers. Die Geisledener setzten auf Kohlefasern. Der komplette Rumpf und die Rotorblätter sind aus Carbon. Bei EDM hatte allerdings niemand Erfahrung mit dem sehr leichten Werkstoff. Dort, wo Konzerne nun teure Entwicklungsabteilungen aufbauen oder Zulieferer engagieren, setzte EDM auf „einfach ausprobieren“. In einem kleinen Raum in der neu gebauten Produktionshalle schneiden Mitarbeiterinnen Kohlefasermatten zu. Höchste Präzision ist nötig. „Aus 140 Lagen besteht ein Rotorblatt“, sagt Ernst. Drei Stunden würden benötigt, bis ein Rotorblatt in der selbstgebauten Form gelegt ist. Nebenan in der Halle montieren Mechaniker den Rotor – alles von Hand. 20 Mitarbeiter beschäftigt die Firma. Bis auf den Motor und die Kabine werde alles selbst hergestellt, so die 39-jährige Chefin.

Insgesamt drei fertige Coax 2d fliegen bereits – allerdings nur mit Sondergenehmigung. Denn die Zulassung des neuartigen Helikopters steht noch aus. Das Problem: Für sogenannte Ultraleicht-Hubschrauber bis 450 Kilogramm (inklusive zwei Personen) gibt es noch keine Zulassungsvorschrift. Diese muss von den Behörden erst erarbeitet werden. „Wir haben alle Unterlagen eingereicht und warten jetzt auf die Zulassung“, sagt Ernst. Doch das dauert. Für die kleine Firma ist das ein finanzieller Kraftakt. Die Mitarbeiter arbeiten daher auch bei der Mutterfirma im Maschinenbau. Ernst hofft, dass die Zulassung in diesem Frühjahr erfolgt.

Interessenten für den Coax 2d gibt es bereits. Mit einem Preis von rund 250 000 Euro soll er deutlich günstiger sein als alle anderen Modelle auf dem Markt. Als erste Kunden will Ernst flugbegeisterte Privatleute gewinnen.

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