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Die sogenannte Ur-Leica, gebaut von Oskar Barnack im Jahre 1914.
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Die sogenannte Ur-Leica, gebaut von Oskar Barnack im Jahre 1914.

Kamera-Hersteller Leica

Leica erweitert seine Produktion

Die legendäre hessische Kameramanufaktur Leica ist zu ihrem 100-jährigen Bestehen wieder auf Erfolgskurs - und zieht um. Mehr als 500 Lkw-Fuhren haben die gesamte Produktion, Verwaltung, den Kundendienst und die Leica-Akademie ins neue Domizil oberhalb von Wetzlar gebracht.

Von Friedhelm Fett

Es ist das sprichwörtliche dicke Ende, das das Team um Frank Schneider noch einmal herausfordert beim Umzug des legendären Herstellers von Leica-Fotokameras. Vier Tonnen Tragkraft weist ein Schild für die Hubrampe im alten Solmser Werk aus. Das reicht nicht: Die beiden CNC-Fräs- und Drehautomaten aus dem Kamera-Musterbau der hessischen Kameramanufaktur bringen je acht Tonnen auf die Waage. Mit ein Grund, weshalb sie bis zum Schluss auf den Umzug in die neue Firmenzentrale in Wetzlar warten mussten. Nur mit Hilfe eines Monsterstaplers einer Spezialfirma gelingt es schließlich, die Maschinen aus der Fabrik zu schaffen. Auf einem Tieflader gehen sie auf die Reise ins zehn Kilometer entfernte neue Werk.

Über 500 Lkw-Fuhren haben seit den ersten Januartagen die gesamte Produktion, die Verwaltung, den Kundendienst und die Leica-Akademie ins neue, repräsentative Domizil oberhalb Wetzlars gebracht. Exakt nach einem Plan, den Projektingenieur Till Bemmann seit zwei Jahren ausgearbeitet hat. „Ich hab’ die Meetings nicht gezählt, die wir in den Abteilungen durchgeführt haben, aber es war eine tolle Erfahrung, dass wirklich alle mitgezogen haben, alle!“ Ihm ist gelungen, was Skeptiker für fast unmöglich hielten: Ohne dass es für die Kunden zu spürbaren Verzögerungen kam, wurden alle Arbeitsbereiche der Kamera- und Optikfertigung bei laufender Produktion nach und nach von Solms nach Wetzlar gebracht.

Der Umzug wurde nötig, weil seit der Digitalisierung des Kamera-Flaggschiffs, der Leica M, weder die Produktion der Kameragehäuse noch die der zugehörigen Objektive mit der Nachfrage mithalten konnte. Vor Jahresfrist war auch die Komponentenfertigung im portugiesischen Zweigwerk in neu gebaute Produktionshallen gezogen, Solms blieb der Flaschenhals.

Doch solche Probleme dürfte man bei Leica gerne in Kauf genommen haben. Erst vor zehn Jahren hat die Traditions-Manufaktur mit dem Einstieg des heutigen Hauptbesitzers Andreas Kaufmann und der fast zu späten Digitalisierung ihrer Kameras eine Insolvenz abgewendet. Ein Großteil des aktuellen Erfolgs basiert mit der digitalen Leica M weiter auf dem bereits 1954 vorgestellten Modell der Leica M – und auf dem Nimbus ihrer Objektive, deren Qualität seit Jahrzehnten zur Weltspitze gehört.

Auch künftig sieht man sich als Kameramanufaktur, die nur über Qualität punkten kann. An der Spitze der technologischen Entwicklung sehen sich die Wetzlarer nicht mehr unbedingt. Dies wird auch bei der jüngsten Neuvorstellung deutlich: Die Leica T, die in diesen Tagen zu den Händlern kommt, ist eine spiegellose Systemkamera mit Wechselobjektiven. Bei japanischen Wettbewerbern gibt es nahezu identische Geräte schon seit vier Jahren.

Doch nur Leica fräst das elegante Kameragehäuse aus einem einzigen vollen Aluminiumblock. Ob mit Zoom oder Festbrennweite bestückt, Leica lässt sich diese Qualität mit gut 3000 Euro bezahlen. Das ist etwa viermal soviel, wie für vergleichbare Wettbewerbsmodelle bezahlt werden muss. Doch Leica-Afficionados sind bereit solche Premium-Aufschläge zu zahlen.

Neue Käuferschichten

Die Leica T soll neue Käuferschichten ansprechen. Amateure, die am Nimbus Leica teilhaben wollen, ohne auf wechselbare Autofocusobjektive, auf Wifi-Fähigkeiten und eine vom Smartphone her gewohnte Touchscreen-Bedienung zu verzichten. Die Produktpalette der Wetzlarer ist damit – begonnen bei der Kompaktkamera bis hin zum High-End-Modell – nahezu vollständig.

Über alle Modellreihen hinweg hat es Leica verstanden, sich mit der Bildqualität im obersten Marktsegment zu behaupten. Über Adapterlösungen lassen sich zudem auch älteste Objektive noch an vielen der neuesten Kameragehäuse nutzen. Auch dadurch gelingt es Leica, selbst noch im digitalen Zeitalter Wertbeständigkeit und den Nimbus des Besonderen zu verkaufen. Hier fügt sich die Leica T nahtlos ein, so dass am Erfolg des neuen Modells kaum zu zweifeln ist.

Um diesen Erfolg nicht mit noch längeren Lieferfristen, die bei einzelnen Objektiven und Kameramodellen auch schon mal ein halbes Jahr übersteigen, erkaufen zu müssen, hat Leica die Produktionsfläche im neuen Werk um etwa 20 Prozent vergrößert und alle Flächen variabel nutzbar gestaltet. Strom, Druckluft, Wasser und IT-Vernetzung sind unter der Hallendecke angebracht und können schnell an jedem Punkt angezapft werden. Schwerpunkt-Verschiebungen in der Produktion lassen sich so schnell realisieren.

An diesem Wochenende nun wird die neue Firmenzentrale offiziell eingeweiht. Gefeiert wird nicht nur das neue Gebäude sodern auch 100 Jahre Leica Kameras. Denn Oskar Barnack notierte im März 1914, dass er die von ihm noch Liliput genannte Kamera fertig habe: Ein Handmuster, das perforierten Kinofilm verwendete und zwei Kinobilder zu einem neuen Format zusammen zog: 24x36mm. Das klassische Kleinbildformat war geboren, das sich bis heute durchsetzen und als Standard halten konnte.

Die überarbeitete Kamera wurde zwar erst 1925 auf der Leipziger Frühjahrsmesse dem Publikum vorgestellt, trat dann aber einen Siegeszug an, der noch heute Bewunderung erregt: Ernst Leitz Wetzlar, wie der Hersteller damals noch hieß, hatte es verstanden, schnell ein System von Wechselobjektiven und Zubehörteilen zu entwickeln, die sich alle durch hohe Präzision auszeichneten. Bis in die späten 70er Jahre waren Leicas die Blaupause für unzählige Kopien, auch von heute renommierten japanischen Wettbewerbern. Auch wenn die ehemaligen Kopierer längst die technologische Spitze übernommen haben, zehrt Leica Camera heute noch vom damals erworbenen Image. Anders wären die meist weit über dem allgemeinen Marktniveau liegenden Preise nicht durchsetzbar.

Und da Leica-Kunden zu der Marke immer einen besonderen Bezug haben, trägt jetzt auch der Neubau dem Rechnung: Mit einer eindrucksvollen, großzügigen Architektur, in der große Flächen nur dem Zweck dienen, vor Besuchern den Nimbus aus Historie und hoher Wertigkeit zu zelebrieren. Bei Leica geht man davon aus, dass kein anderer Kamerahersteller einen vergleichbar großen Anteil an Kunden hat, die aus aller Welt zur Geburtstätte ihrer Kamera pilgern.

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