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Auch am Zustand der Post erkennt man den sozialen Gesundheitsstatus einer Gesellschaft.

Gesellschaft

Die Lehren aus der Taverne

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Vom Missbrauch öffentlicher Einrichtungen.

Vermeintlich kleine, regelnde Maßnahmen entfalten bisweilen große Wirkung. Der britische Professor Rowland Hill war 1835 zu Gast in einer Taverne in den schottischen Highlands, als ein Postbote dem Gastwirt einen Brief aushändigte. Dieser gab vor, er könne das Beförderungsentgelt nicht bezahlen, was zur Folge gehabt hätte, dass die Sendung unbezahlt zurück an den Absender geschickt worden wäre. Grundsätzlich bezahlten zu der Zeit die Empfänger von Postgut das Porto.

Hill half dem Wirt aus der Patsche. Wie sich herausstellte ein Bärendienst, denn Leute mit Freunden und Verwandten in entfernten Regionen sandten sich handgeschriebene Kuverts ohne Inhalt, nur um kostenlos auszurichten, dass sie wohlauf waren und man sich keine Sorgen machen brauche. Es dauerte noch fünf Jahre, bis Hill, dem „Vater der Briefmarke“, die Reformierung des Postwesens gelang und die Absender das Briefporto bezahlen mussten.

Kommunikation, Energie, Mobilität und ein Fleckchen Erde, auf dem man leben kann, sind menschliche Bedürfnisse, deren Verfügbarmachung eine gemeinschaftliche Aufgabe darstellt. Am Zustand von Bahn, Post, Stromversorgung und Wohnungsangebot erkennt man den sozialen Gesundheitsstatus.

Bei der öffentlichen Einrichtung Bargeld, dem einzigen gesetzlichen Zahlungsmittel, ist es noch immer wie im Postwesen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Kosten von Missbrauch bezahlt die Allgemeinheit. Schlimmstenfalls kann das die Zerrüttung der Währung durch Inflation oder Deflation bedeuten. Im Normalfall hat es „nur“ Zinsen zur Folge, die private Aneignung des Vorteils aus einem öffentlichen Gut. Im Ergebnis wird dadurch die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich verstärkt und die Entstehung unermesslicher Geldvermögen in Händen Weniger gefördert.

Die Versorgung mit Geld, dem Vermittler wirtschaftlicher Aktivität, stellt eine staatliche Aufgabe von immenser Wichtigkeit dar. Überlässt man die Nutzung individuellem Ermessen, dann besteht die Gefahr, dass Eigennutz das Gemeinwesen zersetzt. Die Zinsnahme strahlt auf alle Ertrag versprechenden Zusammenhänge aus, steuert Gewinnerwartungen und ein Anspruchsdenken auf leistungslose Einkommen aus Kapitalanlagen. Diese im Wirtschaftssystem steckende Rückständigkeit wartet noch auf eine gemeinschaftsdienliche Regelung, wie der Briefmarke.

Der Autor ist Redakteur der Zeitschrift „Humane Wirtschaft“.

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