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Knietief im Hering: Ein Fischer löscht auf seinem Kutter im Hafen von Thiessow auf der Insel Rügen seine Ladung.

Fischfang

Leergefischt und verdreckt

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Am Beispiel der Ostsee zeigt sich, wie schwer es den EU-Küstenstaaten fällt, die Herausforderungen eines nachhaltigen Wirtschaftens zu meistern - der Hering muss es ausbaden.

Kommt jetzt das Aus? Die Ostsee-Fischer sehen sich in der Existenz bedroht. „Die Stimmung ist am Boden“, sagt die Vorsitzende des Verbandes der Kutter- und Küstenfischer in Mecklenburg-Vorpommern, Ilona Schreiber. Grund dafür ist der Beschluss der EU-Fischereiminister, die Anfang der Woche die Fangquoten für die Ostsee neu festgesetzt haben. Die erlaubte Fangmenge beim Hering, einer der wichtigsten Speisefische in dem Binnenmeer, wurde für dessen westlichen Teil um satte 48 Prozent reduziert. Die Fangquote für den Dorsch stieg zwar um 70 Prozent, allerdings ausgehend von einem niedrigen Niveau.

Schreiber läutet die Alarmglocken. Die Dorsch- und Heringsquoten befänden sich nun bereits seit Jahren auf einem dramatisch niedrigen Niveau, warnt sie. Inzwischen sei die Lage der Fischer so schlecht, dass ohne finanzielle Unterstützung vom Bund und EU das Überleben der Branche gefährdet sei. Auch der Deutsche Fischereiverband forderte öffentliche Beihilfen. „Der Hering ist der Brotfisch der Küstenfischer“, sagt Schreiber. Eine Halbierung der Quote bei diesem wichtigen Umsatzträger könne durch das Plus beim Dorsch nicht ausgeglichen werden. In absoluten Zahlen bedeutet der EU-Beschluss, dass 2019 in der westlichen Ostsee rund 4600 Tonnen Hering und rund 2000 Tonnen Dorsch gefischt werden dürfen.

Mit der Ostsee-Fischerei lässt sich perfekt illustrieren, wie schwer es offenbar ist, die Herausforderung eines nachhaltigen Wirtschaftens zu erfüllen. Umweltministerin Elisabeth Köstinger aus Österreich, das derzeit die EU-Ratspräsidentschaft innehat, nannte die Entscheidung zwar einen „guten und ausgewogenen Kompromiss“. Tatsächlich sind die EU-Staaten beim Hering aber deutlich hinter dem von der Brüsseler Kommission vorgeschlagenen Minus von 63 Prozent zurückgeblieben, wobei Experten selbst das für zu lasch halten. Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) hatte sich im Frühjahr sogar dafür ausgesprochen, die Heringsfischerei in der westlichen Ostsee für das Jahr 2019 ganz auszusetzen, damit der stark überfischte Bestand sich erholen kann. 

Umweltschützer kritisieren die nun festgesetzten Quoten denn auch heftig: Beim Hering falle die Quotenkürzung viel zu niedrig aus, um die Bestände wieder aufzupäppeln, sagt WWF-Expertin Heike Vesper. Und der in früheren Jahren bereits rasant abgesunkene Dorschbestand habe sich gerade ein wenig erholt, doch nun werde „der einzig vernünftige Nachwuchs-Jahrgang in den Netzen enden, bevor er ausreichend selbst für Nachkommen sorgen kann“. Beides verlängere „die Hängepartie für die Fischer und den Fischbestand“, meint Vesper. Und ergänzt ein überaus wahres Wort: „Aber ohne Hering hat auch die Fischerei keine Zukunft.“

Dass die Meere weltweit nachhaltig genutzt werden müssen, ist Allgemeingut, nicht nur um die Ernährung in den jeweiligen Küstenländern zu sichern. Eigentlich sollte man meinen, gerade die hochentwickelten Staaten der Europäischen Union seien hier besonders vorbildlich. Doch eine aktuelle Studie zeigt, dass die EU-Küstenstaaten bei der nachhaltigen Nutzung der Meere in den vergangenen Jahren sogar eher Rück- als Fortschritte gemacht haben. „Insbesondere in der Fischerei haben sie eine nachhaltige Entwicklung verpasst“, sagt Wilfried Rickels, Forscher am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), der die Untersuchung geleitet hat. 

Laut der Untersuchung stehen fast alle 14 untersuchten EU-Küstenstaaten derzeit in Bezug auf eine nachhaltige Entwicklung ihrer Meere und Ozeane schlechter da als Anfang des Jahrzehnts. Der einzige Gewinner bei dem in der EU angestrebten nachhaltigen „Blauen Wachstum“ der Meeresanrainer ist der Ostsee-Staat Estland, der es geschafft hat, seine Werte zu verbessern. Am schlechtesten im Länderranking schneiden Schweden, Spanien, Irland und insbesondere Portugal ab. „Diese Länder wiesen für 2018 deutlich schlechtere Werte auf als noch 2012“, sagt Rickels. Deutschland liegt zwar auch im negativen Bereich, allerdings nur knapp. Im Länderranking der Kieler schafft es die Bundesrepublik auf Platz zwei.

Für ihre Untersuchung haben Rickels und seine Co-Autoren eine Reihe Indikatoren für das „Blaue Wachstum“ in EU-Küstenstaaten an der Nord- und Ostsee sowie am Atlantik analysiert – darunter den Nährstoffeintrag in die Meere, den Zustand der Fischbestände, Plastikvermüllung der Strände, aber auch wirtschaftliche Aspekte wie die Nachhaltigkeit des Tourismus. EU-Küstenstaaten aus dem Mittelmeerraum blieben unberücksichtigt, hier fehlten die notwendigen Daten. Hintergrund der Studie ist unter anderem die von der EU-Kommission 2017 gestartete „Initiative zum Blauen Wachstum“, die Innovation und Wachstum fördern soll. 

Rickels betont: „Vor allem Indikatoren, die sich auf die Fischerei beziehen, haben sich verschlechtert.“ Im Vergleich zu 2012 seien die Fänge von Beständen, die laut dem Meeresforschungsrat ICES als überfischt gelten, deutlich gestiegen. Der zugehörige Indikator habe sich dadurch um durchschnittlich 22 Punkte verschlechtert. Die negative Entwicklung spiegele sich auch in weiteren Indikatoren wider. So werde die zulässige Gesamtfangmenge zunehmend überschritten, zudem werde beim Festlegen dieser Menge weniger auf wissenschaftliche Empfehlungen gehört als noch 2012.

Die Kieler Experten halten die Entwicklung für besonders brisant, „weil ein nachhaltiges Wachstum in allen marinen und maritimen Wirtschaftszweigen nicht nur ein erklärtes Ziel der EU ist, sondern auch fest in den sogenannten Zielen nachhaltiger Entwicklung (SDGs) der Agenda 2030 der Vereinten Nationen verankert ist“. Brüssel mache zu wenig Druck auf die Mitgliedsstaaten, um dies umzusetzen, warnen sie. Sie sehen unter anderem den maltesischen EU-Kommissar Karmenu Vella in der Verantwortung, der seit 2014 für Umwelt, Maritime Angelegenheiten und Fischerei zuständig ist. 

Der Co-Autor der Studie, Rudi Voss, sagt: „Umweltverbände waren schon vor der Ernennung Vellas skeptisch, ob dieser die auf Nachhaltigkeit ausgelegte Politik seiner Vorgängerin Maria Damanaki fortsetzen würde.“ Er sieht diese Skepsis nun bestätigt. 

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