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Hans-Joachim Schellnhuber.

"Heißzeit" droht

"Lebensbedingungen werden sich fundamental ändern"

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Der heiße und trockene Sommer gibt einen Vorgeschmack auf das, was uns bei fortschreitender Klimaerwärmung erwartet. Hans-Joachim Schellnhuber über die drohende "Heißzeit".

Wer Hans-Joachim Schellnhuber besucht, muss den Potsdamer Telegrafenberg erklimmen. Denn Deutschlands renommiertester Klimaforscher hat sein Büro im dortigen Wissenschaftspark, in dem bereits Albert Einstein forschte. Der scheidende Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung ist nicht erst seit dem „Jahrhundertsommer“ 2018 ein gefragter Mann. Er hat an Berichten des Weltklimarats (IPCC) mitgearbeitet und unter anderem Kanzlerin Merkel, die EU-Kommission, den UN-Generalsekretär und den Papst beraten. 

Professor Schellnhuber, die meisten Kinder, die heute geboren werden, werden das Jahr 2100 erleben. Wie wird die Welt dann aussehen?
Es gibt vermutlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder wir schlafwandeln hinein in eine Klimakrise mit dramatischen Folgen für die Weltgemeinschaft. Oder wir führen bewusst die rasche Transformation zur Nachhaltigkeit herbei, die uns dann sogar einen neuen globalen Entwicklungsschub bescheren würde. Wir haben es noch immer in der Hand, die richtigen Weichen zu stellen.

Was bedeutet die erste Variante?
Sie bedeutet, dass wir angesichts der großen Herausforderungen – Klimaproblem, aber auch Übernutzung der natürlichen Ressourcen, Artenschwund, Erosion der Böden – versagen. Wir geben den Multilateralismus auf, also den Versuch, mit knapp 200 Staaten in der Welt grenzüberschreitende politische Lösungen zu finden. Wir überlassen die digitale Revolution einigen Großkonzernen, so dass dieser Fortschritt die Unterschiede zwischen Arm und Reich vertieft, statt sie zu mildern. Ohnehin schwelende Konflikte werden angefacht, manche flammen gewaltsam auf. Möglicherweise wird dann nur noch eine Minderheit der Menschen auf diesem Planeten ein gutes Leben führen können, und der Mehrheit wird es schlecht ergehen. Es wäre ein Rückfall in den historischen Normalzustand, wo die Wenigen im Luxus schwelgten, während die Vielen gerade so über die Runden kamen – wenn überhaupt. Jedes Geschichtsbuch gibt darüber Aufschluss. Sich das im globalen Maßstab vorzustellen, ist deprimierend, aber genau dies könnte geschehen.

Und die positive Vision?
Es ist zumindest vorstellbar, dass die moderne Industriegesellschaft jenen Herausforderungen etwas unwillig, aber am Ende tapfer begegnet, und dadurch die Menschheit einen neuen Entwicklungsschub erfährt. In der Vergangenheit gab es zwei mächtige zivilisatorische Neuerungen, die Neolithische Revolution, also die Erfindung von Ackerbau und Viehzucht, und die Industrielle Revolution. Die Nachhaltigkeitsrevolution wäre die nächste Steilstufe, die wir jetzt erklimmen könnten. Es kann sein, dass die Klimakrise hier sogar als Antrieb wirkt und wir die Möglichkeiten zu ihrer Lösung – die erneuerbaren Energien, smarte Materialien, die künstliche Intelligenz – für den allgemeinen gesellschaftlichen Fortschritt nutzen können.

Welche der beiden Zukünfte ist wahrscheinlicher?
Wissenschaftlich kann man das nicht quantifizieren. Intuitiv würde ich derzeit beide für etwa gleich wahrscheinlich einstufen.

Sie haben die Krisenvison für den Klimasektor jüngst zusammen mit Forscherkollegen ausbuch-stabiert. Sie warnen vor einer „Heißzeit“ selbst bei Einhaltung des Zwei-Grad-Limits, das im Paris-Klimavertrag steht – ausgelöst durch Kippelemente wie das Abschmelzen des Grönland-Eises und das Austrocknen des Amazonas-Regenwaldes. Was bedeutet das konkret für das Leben auf dem Planeten?
Wir haben uns dabei an der Erdgeschichte der letzten 30 Millionen Jahre orientiert und untersucht, wann die Atmosphäre ähnlich viel CO2 enthielt wie heute. Dabei zeigt sich: Der Planet war etwa bei vergleichbarer Kohlendioxidkonzentration wie jetzt im mittleren Miozän vor 15 bis17 Millionen Jahren um bis zu sechs Grad wärmer, und der Meeresspiegel lag bis zu 60 Meter höher. Der Rückfall der heutigen Welt in eine solche Heißzeit würde zwar vielleicht 1000 Jahre dauern, doch das wäre immer noch 100mal schneller als solche Veränderungen typischerweise in der Erdgeschichte abgelaufen sind. Vor allem aber gab es solche raschen und heftigen Klimaveränderungen noch nie in der Geschichte der menschlichen Zivilisation, also im sogenannten Holozän der vergangenen 11 000 Jahre. Fachen wir wirklich eine Heißzeit an, dann wird das alle Lebensbedingungen fundamental verändern. 

Was würde, wenn die Welt auf eine Heißzeit zusteuert, in diesem Jahrhundert geschehen?
Die Erwärmung würde bis 2100 wohl schon drei bis vier Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erreichen. Derzeit ist im globalen Mittel erst ein Grad Erwärmung vollzogen – und wir erleben ja, was diese vergleichsweise kleine Störung bereits für Folgen hat.

Sie meinen den Hitzesommer 2018?
Unter anderem. Unsere Forschungen haben gezeigt, dass ein solches Ereignis durch den Klimawandel um einiges wahrscheinlicher geworden ist. Dieses Beispiel zeigt: Die Art, wie der Klimawandel sich vollzieht, ist für jede Menge Überraschungen gut. Ich bin selbst bestürzt, dass sich mit dem einen Grad Erwärmung bereits so durchgreifende Veränderungen manifestieren.

Wir hatten 2003 einen Jahrhundertsommer, nun, 15 Jahre später, wieder einen. Wie oft müssen wir in Zukunft mit solchen Ereignissen rechen?
Mitte des Jahrhunderts könnte das im Mittel alle zwei Jahre passieren. Das heißt: Nördlich der Alpen bekommen wir ein eher mediterranes Klima, südlich der Alpen hingegen, in Italien, Spanien, Griechenland, wird sich tendenziell ein Wüstenklima entwickeln. 

Ein mediterranes Deutschland – hört sich doch gut an.
Nach diesem Sommer denken viele wohl anders. Die Dürre hat vielerorts zu Missernten geführt, für Kinder und Alte ist die Hitze in den Städten ein Gesundheitsrisiko, und im zundertrockenen Wald steigt die Brandwahrscheinlichkeit. Hinzu kommt, dass wir keine linearen Entwicklungen erwarten dürfen. Wir müssen vor allem mit stärkeren Schwankungen rechnen. 2017 zum Beispiel hatten wir ein sehr nasses Jahr, teilweise waren die Äcker versumpft. In diesem Jahr nun waren sie völlig ausgetrocknet. Darauf kann man sich als Bauer nur schwer einstellen. Auch das Leben in den Städten wird belastender – wenn man Spitzentemperaturen von 38 Grad oder mehr bekommt und es nachts nicht mehr unter 25 Grad abkühlt.

Trotzdem gibt es Anpassungsmöglichkeiten...
Richtig. Und Deutschland wird zunächst vergleichsweise glimpflich davonkommen. In anderen Teilen der Welt könnte der Mensch dagegen bei ungebremstem Klimawandel irgendwann rein physiologisch nicht mehr ungeschützt im Freien überleben können – etwa am Persischen Golf, in Indonesien oder in Teilen von Afrika und Lateinamerika. Und die Menschen dort werden natürlich nicht einfach abwarten, bis das Dasein völlig unerträglich ist, sondern vorher anderswo Lebensmöglichkeiten suchen. Es wird ein permanenter Migrationsdruck entstehen, eine Menschen-Drift Richtung Norden. Die meisten Probleme werden dabei wohlgemerkt innerhalb der jeweiligen Länder und Regionen entstehen. Doch selbst wenn nur ein kleiner Teil der Hunderte Millionen Entwurzelter die Grenzen überschreitet, wird der Druck gerade auf Europa immens. Da werden die fünf oder sechs von Bayern Zurückzuweisenden recht irrelevant, mit denen der Bundesinnenminister sich so intensiv beschäftigt hat. Aus Sicht der Wissenschaft ist es nicht nur menschlich geboten sondern auch vernünftiger, die Fluchtursachen zu bekämpfen statt der Flüchtlinge selbst.

Sie haben Ihr letztes Buch „Selbstverbrennung“ betitelt. Den Klimawandel haben Sie einen „Asteroiden-Einschlag in Zeitlupe“ genannt. Kritiker werfen Ihnen Alarmismus vor. Tragen Sie extra dick auf?
Ich bin Physiker und achte professionell auf präzisen Umgang mit den Fakten. In der öffentlichen Kommunikation verwende ich natürlich auch Symbole und Metaphern, um mich den Menschen verständlich zu machen – aber ich wähle diese Hilfsmittel sorgfältig. Überhaupt: Was ist ein Alarmist? Jemand, der aus einem brennenden Haus auf die Straße läuft und „Feuer“ schreit? „Alarmismus“ ist ein Kampfbegriff, der ursprünglich von neokonservativen Thinktanks in den USA entwickelt wurde, um unliebsame wissenschaftliche Erkenntnisse und ihre Urheber zu diskreditieren – zum Beispiel in der Debatte um die Schädlichkeit von Zigaretten. Eigentlich ist es doch eine Selbstverständlichkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse, die große Bedeutung für die Gesellschaft haben, auch in die Öffentlichkeit zu tragen und nicht nur in Fachpublikationen zu dokumentieren. 

Welche Chancen gibt es noch, die Erwärmung bei halbwegs „sicheren“ 1,5 Grad zu stoppen? 
Die Chance besteht rein physikalisch immer noch. Faktisch kommt es aber auf die Politik an. Wir als Forscher können nur informieren über die Folgen einer Erwärmung um 1,5 Grad, zwei Grad, drei Grad oder noch mehr. Die im Abkommen von Paris vereinbarte Zwei-Grad-Obergrenze war ein Kompromiss zwischen dem wissenschaftlich Gebotenen und dem ökonomisch Günstigen. Das ist Resultat einer diplomatischen Meisterleistung. Aber klar ist auch: Mit jedem Zehntelgrad steigt das Risiko, dass wir das Erdsystem in die besagte Heißzeit treiben.

Was gibt Ihnen Hoffnung?
Zum Beispiel der Siegeszug der Erneuerbaren, eine phänomenale Erfolgsgeschichte! Windkraft und Solarenergie sind so schnell preiswert geworden, wie es selbst Optimisten nicht erwartet hätten, und uns stehen hier weitere bahnbrechende Entwicklungen bevor. Es könnte „Kipp-Prozesse“ geben, welche die fossilen Brennstoffe plötzlich aus dem Rennen werfen. Möglich ist es auch, dass kein Autokonzern in zehn Jahren noch einen Verbrennungsmotor bauen wird, weil die Batterietechnik so große Fortschritte macht. Stimmungen können umschlagen. Strukturen können brechen und neu zusammenwachsen. Die „Große Transformation“ liegt vielleicht schon in der Luft. 

Müsste die Politik nicht viel radikaler sein? Inlandsflüge verbieten, SUVs teurer machen, CO2-Steuer einführen?
Die allermeisten Menschen sind eigentlich anständig und achtsam, aber eben auch ein wenig bequem und opportunistisch. Evolutionär haben wir uns als Jäger und Sammler entwickelt, wir greifen zu, wenn Beute in Sicht kommt – ob essbare Pilze im Unterholz oder ein fetter Wagen beim Autohändler. Andererseits beruht unsere Zivilisation auf Planung, Organisation und sogar Verzicht. Wir schicken zum Beispiel unsere Kinder zur Schule, damit sie vielleicht in 20 Jahren einen guten Job ergattern. Das heißt: Wir pendeln ständig zwischen zwei Extremen hin und her, Kurzfrist und Langfrist. Und in einer Demokratie ist es die wichtigste Aufgabe der Politik, im Auftrag der Wählerinnen und Wähler die beiden Sichtweisen zusammenzubringen. Was gelegentlich bedeutet, uns etwas zu unserem eigenen Besten zuzumuten. 

Eine wirksame CO2-Steuer, die Fliegen und Autofahren so teuer macht, wie sie eigentlich sein müssten?
Das ist eine von vielen Möglichkeiten. Denn die Menschen akzeptieren inzwischen die Realität des Klimawandels, sie wissen, dass da eine große Bedrohung auf uns zukommt. Sie wären sogar bereit, für den Klimaschutz hier und da zurückzustecken. Was fehlt, sind charismatische Führungsfiguren, die klar sagen: Ich verspreche Euch nicht, das alles so bleibt, wie es ist. Dass das Kilo Schweinefleisch weiter zwei Euro kostet und dass der Liter Sprit nie teurer als 1,50 wird. Ich verspreche Euch im Gegenteil Anstrengungen, aber gemeinsam machen wir uns auf in eine Zukunft, von der Ihr gerne ein Teil sein wollt! Das erinnert ein bisschen an die „Blood-Sweat-and-Tears“-Rede von Winston Churchill als Regierungschef von Großbritannien im Zweiten Weltkrieg. Ihm haben die Briten damals geglaubt, dass sie gemeinsam ihre Haut und die Freiheit retten können. Und so geschah es.

Herr Schellnhuber, Sie haben vor über einem Vierteljahrhundert das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung aufgebaut, dessen Leitung Sie nun abgeben. Haben sich Ihre Hoffnungen erfüllt?
Einerseits nein, weil ich bei Gründung des Instituts dachte, dass sich innerhalb von ein oder zwei Jahrzehnten das Klimaproblem entschärfen ließe. Die Wissenschaft liefert die Fakten, und auf dieser Grundlage wird vernünftig gehandelt – diese Erwartung des Jahres 1992 war zu optimistisch. Andererseits hat sich durchaus die Hoffnung erfüllt, dass wir hier in Potsdam wissenschaftlich innovativ und exzellent an relevanten Problemen der realen Welt arbeiten können. Das Institut ist heute eines der führenden weltweit, und ich kann seine Leitung guten Gewissens in neue Hände legen.

Sie haben viele wichtige Politiker beraten. Sie haben Ihnen gerne zugehört, aber hat das auch etwas genützt?
Nun, beispielsweise ist das Zwei-Grad-Limit heute Völkerrecht. Das ist doch schon mal was.

Mit US-Präsident Trump ist sogar ein Klimaleugner zum mächtigsten Mann der Erde geworden... 
Trumps Wüten führt eher dazu, dass die Länder sich unterhaken, die an einer Klimastabilisierung arbeiten. Und auch in den USA selbst ist die Lage differenzierter, als das mancher bei uns wahrnehmen mag. Kalifornien, für sich genommen die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt, betreibt eine sehr ehrgeizige Klimapolitik. Zugleich macht Trumps Isolationismus China groß, wo das Klimaproblem durchaus ernst genommen wird. Und Trump zeigt der EU, dass sie sich nicht auf den Onkel aus Amerika verlassen darf, sondern selbst handeln muss, auch klimapolitisch.

Wie ist es mit dem Papst? Dessen Umwelt-Enzyklika „Laudato Si“ ist ja teils auch von Ihnen inspiriert.
Die Enzyklika ist einer der entscheidenden Impulse für den Klimaschutz in diesem Jahrhundert, und sie hat gerade erst angefangen, ihre Wirkung zu entfalten. Die katholische Kirche ist immerhin die größte Mitgliederorganisation der Welt. Dass hier Glaube und Vernunft, Religion und Wissenschaft, zusammen gearbeitet haben, ist schlicht großartig.

Ausgerechnet unter der Führung von „Klimakanzlerin“ Merkel ist Deutschland beim Klimaschutz abgestürzt, der CO2-Ausstoß sinkt seit zehn Jahren nicht mehr. Woran liegt das?
In der Tat ist das ein Skandal, den allerdings nicht allein die Politik zu verantworten hat, sondern vor allem die Wirtschaft. Viele Unternehmen sind hier eigentümlich mutlos. Und die Parteien trauen sich aus Angst vor den Rechtspopulisten der AfD gar keine politische Führung mehr zu. Aber ich habe den Eindruck, dass sich die Dynamik gegenwärtig ändert. Die Lösung des Klimaproblems gewinnt wieder an Bedeutung.

Merkel ist Physikerin, sie weiß doch wohl, um was es geht... 
Das stimmt. Ich würde jedem raten, sie nicht zu unterschätzen.

Herr Schellnhuber, Sie sitzen in der Kohle-Kommission, die einen Ausstiegspfad für diesen besonders klimagefährlichen Energieträger entwickeln soll. Wann muss der letzte Kohlemeiler vom Netz? Im Jahr 2030, wie Greenpeace fordert?
Mit Vorfestlegungen in die Gespräche zu gehen ist kontraproduktiv. Andererseits ist klar, dass ein Enddatum 2045, wie es der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) ohne Not gefordert hat, klimawissenschaftlich keinen Sinn ergibt. Wir können viel früher in der Lausitz und den anderen Revieren zu einem guten Ende kommen – mit entsprechender Unterstützung für den Strukturwandel, für die Menschen vor Ort. Es geht schließlich nur um relativ wenige Jobs, und es gibt viele gute Ideen für den Umbau. 

Wo sollen die Ersatzjobs herkommen?
Es gibt sehr viele neue Wertschöpfungsmöglichkeiten, unter anderem durch die Digitalisierung und die erneuerbaren Energien, aber auch durch die ökologische Landwirtschaft oder zukunftsfähigere Bauweisen. Wir arbeiten in der Kommission intensiv an Empfehlungen, und ich hoffe, diese weisen den richtigen Weg. 

Interview: Joachim Wille

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