Ergo-Chef Oletzky

"Langfristig wollen wir anders investieren"

Der Chef des Versicherers Ergo erklärt im Interview, wie seine Firma das Kundengeld in Zeiten niedriger Zinsen anlegt, warum die Provisionen so hoch sind - und wie er den ramponierten Ruf seines Unternehmens aufpolieren will.

Der Chef des Versicherers Ergo erklärt im Interview, wie seine Firma das Kundengeld in Zeiten niedriger Zinsen anlegt, warum die Provisionen so hoch sind - und wie er den ramponierten Ruf seines Unternehmens aufpolieren will.

Herr Oletzky, gegen was sind Sie persönlich alles versichert?

Ich habe aus fast allen Sparten unseres Hauses eine Versicherung und bin gegen alles, was wichtig ist, versichert: Ich besitze eine Haftpflichtversicherung, eine Hausratversicherung, eine Wohngebäudeversicherung für das eigene Haus, eine Rechtsschutzversicherung, eine private Krankenversicherung und natürlich mehrere Lebensversicherungen.

Sie scheinen selbst einer Ihrer besten Kunden zu sein. Vielleicht haben Sie zu sehr auf Ihre Vertriebsmitarbeiter gehört. Generell wird Versicherungsvermittlern ja vorgeworfen, dass sie den Kunden Policen aufschwatzen, die sie gar nicht brauchen. Verdienen Ihre Vermittler so wenig, dass sie sonst nicht über die Runden kämen?

Ich halte den pauschalen Vorwurf nicht für berechtigt. Wir achten auf eine gute Beratung. Bei 20 Millionen Kunden in Deutschland kann man aber nicht ausschließen, dass manche nicht richtig versichert sind. Doch Studien beweisen, dass Kunden, die sich von einem Vermittler beraten lassen, in aller Regel bedarfsgerechter versichert sind als diejenigen, die es selbst in die Hand nehmen. Denn viele Kunden können ihre eigene Situation gar nicht richtig einschätzen.

Wenn alle Produkte gut und sinnvoll wären, würden die Kunden nicht so viel falsch machen.

Wir vertreiben keine Produkte, die man grundsätzlich nicht braucht. Es ist eher eine Frage des persönlichen Risikoprofils: Menschen, die finanziell knapp kalkulieren müssen, sollten darauf achten, dass sie möglichst alle Risiken abdecken, damit sie ein Schaden nicht aus der Bahn wirft. Wer mehr finanziellen Spielraum hat, kann es sich dagegen eher leisten, manche Risiken auch einmal selbst zu tragen.

Kommen wir zu Ihrem wichtigsten Geschäftsfeld, der Lebens- und Rentenversicherung. Verbraucherschützer halten sie für nicht mehr zeitgemäß: zu lange Laufzeiten, zu unflexibel, zu niedrige Renditen.

Die langen Laufzeiten sind doch der Kern der Altersvorsorge. Sie führen dazu, dass sich genügend Kapital für das Alter ansammelt. Jeder weiß, dass die gesetzliche Rente nicht ausreichen wird. Deshalb sind Produkte wie die Lebens- und die Rentenversicherung unverzichtbar.

Der Bundesgerichtshof hat kürzlich festgestellt, dass die Versicherer viel zu viel Geld einbehalten, wenn die Kunden die Verträge vorzeitig kündigen. So erhalten die Kunden in manchen Fällen gar nichts zurück, wenn sie schon mehrere Jahre lang einbezahlt haben. Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Das Urteil betrifft eine andere Gesellschaft und Verträge, die zwischen 2002 und 2007 geschlossen wurden. Unsere Kunden erhalten heute vor Vertragsabschluss genaue Informationen über den Verlauf der Rückkaufwerte. In der Rechtsprechung kann man aber die grundsätzliche Tendenz beobachten, dass sie immer öfter zugunsten derjenigen geht, die langjährige Verträge vorzeitig kündigen. Leidtragende sind die Kunden, die ihre Verträge durchhalten. Denn das Geld, das wir den Kunden auszahlen, die ihren Vertrag kündigen, steht den anderen Versicherten nicht mehr zur Verfügung. Die Folge solcher Urteile ist, dass alle Beteiligten immer kurzfristiger denken. Dann müssen wir das Kapital auch immer kurzfristiger anlegen. Und das geht in der Regel zulasten der Rendite.

Warum senken Sie nicht die überhöhten Vertriebsprovisionen? Dann stünde allen Versicherten mehr Geld zur Verfügung.

Unsere Vermittler leisten eine gute Arbeit, die bezahlt werden muss. Und sie sind mit Sicherheit nicht überbezahlt.

Angesichts der niedrigen Zinsen können Ihre Lebensversicherungskunden ohnehin nicht viel erwarten. Zehnjährige Bundesanleihen rentieren im Moment mit gerade einmal 1,4 Prozent, das ist noch weniger als der Garantiezins von 1,75 Prozent, den Sie den Anlegern gewähren. Wie lösen Sie dieses Dilemma?

Die Kapitalanlage ist für uns in der Tat zurzeit eine große Herausforderung. Der Anteil der wirklich sicheren Anlagen ist kleiner geworden. Die Politik der Europäischen Zentralbank, die Märkte mit Geld zu fluten und die Zinsen so künstlich niedrig zu halten, geht zu Lasten aller Sparformen und damit auch der Lebensversicherung. Diese Politik ist deshalb auf Dauer nicht durchzuhalten und gefährlich. Wenn wir das Bankensystem stabilisieren wollen, muss uns endlich etwas anderes einfallen als billiges Geld in das System zu pumpen. Denn dann wird es bald keine vernünftigen Anlageformen mehr geben.

Wie gehen Sie denn aber nun aktuell mit dem Problem um?

Den Großteil des Kapitals unserer Kunden haben wir ja schon vor längerer Zeit zu noch deutlich besseren Konditionen angelegt. Aber die Neuanlage ist schwierig. Wir streuen die Risiken in unserem Portfolio sehr breit, um dadurch eine möglichst stabile Rendite zu erzielen. Aber wir brauchen bei den Zinsen dringend eine Trendumkehr, um unseren Kunden wieder attraktivere Renditen bieten zu können.

Warum kaufen Sie überhaupt noch Bundesanleihen zu diesen schlechten Konditionen und investieren das Geld nicht am Aktienmarkt?

Die hohe Schwankungsanfälligkeit macht Aktien für uns relativ unattraktiv, denn wir suchen einen möglichst stabilen laufenden Ertrag für unsere Kunden. Das zwingt uns, für Aktien einen hohen Eigenkapitalanteil vorzuhalten. Unsere Aktienquote beträgt deshalb nur rund zwei Prozent.

Und wie sieht es mit Immobilien aus? Da sind doch im Moment viele Gewerbeobjekte zum Sonderpreis zu haben, weil zahlreiche offene Immobilienfonds aufgelöst werden. Das ist doch eine hervorragende Gelegenheit für Sie!

Wir sehen uns solche Angebote natürlich an und werden hier oder dort vielleicht auch zugreifen. Aber solche kurzfristigen Gelegenheiten sind eigentlich nicht unser Geschäft. Wir steuern unser Geschäft langfristig. Unser Immobilienanteil beträgt rund fünf Prozent und wir planen hier aktuell auch keine wesentliche Erhöhung.

Also bleiben doch nur wieder die Staatsanleihen?

80 Prozent der Gelder stecken tatsächlich noch in Staatsanleihen und Pfandbriefen. Langfristig wird sich das aber ändern. Wir suchen nach alternativen Anlageformen, zum Beispiel Infrastrukturprojekte. Auch können wir uns vorstellen, in die Energiewende zu investieren.

Wind- und Solarparks statt Bundesanleihen und Pfandbriefe?Warum nicht? Das passt doch gut zusammen: Wir suchen langfristige Anlageformen und die Ersteller solcher Projekte brauchen langfristige Investoren. Wir müssen dabei aber auf ein vernünftiges Chancen- und Risikoprofil achten. Wenn das Ausfallrisiko zu hoch ist, dann lassen wir die Finger davon.

Wie läuft Ihr Geschäft derzeit angesichts der schlechten Rahmenbedingungen?

Die Ergebnisziele, die wir uns zu Jahresbeginn gesetzt haben, halten wir auch heute noch für realistisch. Aber es stimmt, bei den Neuabschlüssen von Lebens- und Rentenversicherungen läuft das Geschäft derzeit nicht so, wie es sollte. Der Markt stagniert. Dennoch wollen wir beim operativen Gewinn leicht zulegen. 2011 haben wir nach Steuern 349 Millionen Euro verdient. Für 2012 wollen wir bereinigt um Einmal- und Sondereffekte einen Gewinn von 400 Millionen Euro erzielen.

Obwohl Sie mit steigenden Gewinnen rechnen, haben Sie kürzlich den Abbau von 1.350 Stellen bekanntgegeben. Wie passt das zusammen?

Übergeordnetes Ziel ist die Vereinheitlichung unseres Beratungs- und Betreuungsansatzes. Dafür führen wir unsere fünf Vertriebsorganisationen zusammen. Der Stellenabbau hat im Wesentlichen mit der Zusammenlegung und auch der Straffung unserer Verwaltung zu tun.

Sie haben eine Umfrage unter Verbrauchern in Auftrag gegeben, die zu einem niederschmetternden Ergebnis geführt hat: Die meisten Kunden verstehen Versicherungsprodukte nicht.

Ja, das ist richtig. Wir wollten herausfinden, wo unsere Defizite liegen und was wir besser machen müssen. Wir wollen Versicherungen möglichst einfach und verständlich machen. Wir haben hier schon einiges geändert. Unsere Versicherungsbedingungen für Haftpflichtversicherungen zum Beispiel waren früher im Schnitt fast 40 Seiten lang. Heute sind es nur noch rund vier Seiten. Nach diesem Muster haben wir in vielen Sparten inzwischen die Dokumente gekürzt und verständlicher gestaltet.

Ergo ist ja wegen einer Sex-Reise nach Budapest für erfolgreiche Vertreter vor zwei Jahren in die Schlagzeilen geraten. Dadurch hat Ihr Image massiv gelitten. Hat sich das auch negativ auf Ihr Geschäft ausgewirkt?

Der Vorgang aus dem Jahr 2007 war sehr peinlich und es gibt keine Entschuldigung dafür. Unsere Kunden haben aber verstanden, dass es sich um einen Einzelfall gehandelt hat. Insofern hat es auch keine unmittelbaren Auswirkungen auf das Geschäft gegeben.

Welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen? Treten Sie bei Belohnungsveranstaltungen inzwischen auf die Bremse?

Auch in der Vergangenheit ist das schon ein Verstoß gegen unsere Regeln gewesen. Wir haben die Vorgaben für Reisen konkretisiert und jetzt noch mal sehr viel klarer formuliert, was zulässig ist und was nicht. Aber noch einmal: Was in Budapest passiert ist, war schon damals absolut nicht tolerierbar.

Das Gespräch führte Sebastian Wolff.

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