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"Der lange Schatten der Treuhand"

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An den Hut gesteckt ... hat sich diese junge Dame in Berlin (Ost) die mit der Währungsunion wertlos gewordenen DDR-Banknoten (Archivfoto vom 01.07.1990). Der Umtauschkurs des DDR-Geldes in D-Mark war vorher in einem nicht ganz unumstrittenen Verfahren festgelegt worden.
An den Hut gesteckt ... hat sich diese junge Dame in Berlin (Ost) die mit der Währungsunion wertlos gewordenen DDR-Banknoten (Archivfoto vom 01.07.1990). Der Umtauschkurs des DDR-Geldes in D-Mark war vorher in einem nicht ganz unumstrittenen Verfahren festgelegt worden. © dpa

Vor 20 Jahren stürmten die Ostdeutschen die Bankfilialen, um die ersehnte D-Mark zu bekommen. Im FR-Interview analysiert Dr. Udo Ludwig, was damals hätte besser laufen können.

Herr Ludwig, vor 20 Jahren stürmten die Ostdeutschen die Bankfilialen, um die ersehnte D-Mark zu bekommen. Den Ostbetrieben ist die Währungsumstellung nicht so gut bekommen, warum?

Die Währungsunion war unter den damaligen Bedingungen unumgänglich. Leider wurden dabei fundamentale Fehler gemacht.

Welche waren das?

Vor allem die Umstellung der Löhne im Verhältnis eins zu eins hat mit dafür gesorgt, dass viele Ost-Betriebe von heute auf morgen pleite gingen. Im Gegensatz zu den Löhnen wurden die Betriebsvermögen nämlich zwei zu eins umgetauscht, das heißt, das Vermögen halbierte sich bei gleichen Lohnkosten. Hinzu kamen die Preise. DDR-Firmen, die schon früher in den Westen geliefert haben, bekamen damals vom Staat eine Gutschrift. Wer ein paar Damenstrümpfe für eine D-Mark verkaufte, erhielt vom Staat 4,40 DDR-Mark gutgeschrieben.

Es wurde so billig verkauft, um möglichst viele Devisen reinzubekommen?

Ja, aber diese Geschäfte hätten sich schon damals für viele DDR-Betriebe nicht rentiert. Mit der Gutschrift konnten sie gut leben. Die fiel aber mit der Währungsunion ebenfalls weg. Plötzlich mussten die Betriebe mit dem Erlös von einer D-Mark für die Strumpfhose leben. So konnten sie nicht rentabel wirtschaften.

Wie hätte man die Währungsunion besser machen können?

Die Lohnkostensteigerung hätte man zum Beispiel durch eine Steuerentlastung kompensieren müssen. Ein weiterer Fehler war, dass Arbeitgeber und Gewerkschaften im Westen beschlossen, die DDR-Löhne bis 1994 an das Westniveau anzugleichen. Eine völlig unrealistische Entscheidung, die dazu führte, dass die Arbeitgeber im Osten massenhaft Tarifflucht begingen, weil sie die Löhne nicht zahlen konnten.

Heftig kritisiert wird die Arbeit der Treuhandanstalt. In einer aktuellen Umfrage bezeichnen zwei Drittel der Ostdeutschen die Privatisierungsbehörde als erste Heuschrecke. Ist das gerechtfertigt?

Das Urteil überrascht mich gar nicht. Das wird wohl auch so in die Geschichte eingehen. Schließlich sind in der Phase der Privatisierung durch die Treuhand 2,5 Millionen Arbeitsplätze verschwunden. Aber die Treuhand musste innerhalb eines historisch kurzen Zeitraums von vier Jahren eine ganze Volkswirtschaft privatisieren. Das war eine Herkules-Aufgabe, bei der oftmals leider Schnelligkeit vor Gründlichkeit ging.

Wäre es besser gewesen, erst zu sanieren und dann zu privatisieren?

Man hätte die ansässige Bevölkerung stärker als Käufer an der Privatisierung beteiligen sollen. Man suchte damals vor allem Käufer aus den alten Ländern mit Know-how, Marktkenntnis und Kapital. Aber deren Interesse, im Osten Firmen zu übernehmen, hielt sich in Grenzen. Stattdessen gab es eine Art Rosinenpickerei. Erst, als die Treuhand auch im Ausland auf wenig Interesse traf, fasste man den Beschluss, Management-Buy-outs zuzulassen, in denen Betriebsleiter, Ingenieure aus dem Osten Betriebe oder Teile übernahmen.

Leiden die Betriebe heute noch unter den Fehlern der Wiedervereinigung?

Es gibt einen langen Schatten der Treuhand-Privatisierung. Der zeigt sich vor allem darin, dass die wirtschaftliche Basis in Ostdeutschland viel zu klein ist. Wir haben einen sehr hohen Anteil von Kleinst- und Kleinbetrieben, auch der Mittelstand ist gut aufgestellt, aber es fehlt das I-Tüpfelchen - einige große Marktführer mit Sitz im Osten, von denen Effekte auf das ganze Umfeld ausgehen, vom Zulieferer bis zur Forschung und Entwicklung. Das ist ein großes Manko des Privatisierungsprozesses.

Wie weit ist der Aufholprozess vorangekommen?

Bis Ende der 90er Jahre hatte die Ostwirtschaft stark aufgeholt und in der Pro-Kopf-Produktion bereits 67 Prozent des westdeutschen Niveaus erreicht. Doch zwischen 2000 und heute gab es quasi Stagnation. Da machten die neuen Länder nur noch drei Prozentpunkte gut, so dass wir nun bei 70 Prozent des Westniveaus liegen.

Wie hoch müsste das Ost-Wachstum sein, um West-Niveau zu erreichen?

Im Grunde müsste die Ost-Wirtschaft doppelt so stark wachsen.

Ist das ein realistisches Szenario?

Nein, derzeit gibt es nicht einmal Anzeichen, dass die Ostwirtschaft überhaupt schneller wächst als die im Westen. Wenn sich die Annäherung so fortsetzt wie in den letzten 15 Jahren, braucht der Osten noch 50 Jahre, um gleichzuziehen.

Droht dem Osten wegen des Bevölkerungsschwunds nicht sogar eher eine neue Deindustrialisierung?

Die Gefahr besteht, weil uns immer weniger Fachkräfte zur Verfügung stehen. Das wird den Kampf um die besten Köpfe verschärfen.

Wie kann man da gegenwirken?

Man muss durchgängige Ausbildungssysteme schaffen, damit die Unternehmen stetig guten Facharbeiternachwuchs erhalten. Das wird aber nicht reichen, weil der Rückgang der Geburtenzahlen viel zu stark und der Lohnabstand zum Westen zu hoch ist. Das heißt, viele junge, qualifizierte Leute werden schon deshalb in den Westen gehen, weil sie dort viel besser verdienen.

Was schlagen Sie vor?

Wir brauchen mehr Einwanderer, vor allem aus unseren östlichen Nachbarländern. Am besten wäre es, die jungen Leute kommen in einem Alter, in dem sie noch einen Teil der deutschen Schule durchlaufen, damit sie sich besser integrieren lassen.

Das Gespräch führte Peter Kirnich.

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