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Auf dem News-Ticker am Times Square in New York lief am 15. September 2008 die beunruhigende Nachricht: „Lehman ist pleite und Großbank Merrill Lynch an die Bank of America verkauft.“
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Auf dem News-Ticker am Times Square in New York lief am 15. September 2008 die beunruhigende Nachricht: „Lehman ist pleite und Großbank Merrill Lynch an die Bank of America verkauft.“

Finanzkrise

Der lange Schatten der Pleitebank

  • Markus Sievers
    VonMarkus Sievers
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Vor fünf Jahren begann die Finanzkrise. Daraus entwickelten sich die Schuldenkrise, die Eurokrise und aktuell die Asienkrise. Und auch Jahre nach dem großen Knall ist die Politik noch immer erpressbar. Viele Reformen wurden angestrengt, haben aber nur wenig Stabilität gebracht.

Als im Sommer 2002 das Hochwasser im Osten Deutschlands ganze Landschaften unter Wasser setzte, sprachen die Menschen von einer Jahrhundertflut. Seitdem wiederholt die sich alle paar Jahre. Als am 15. September 2008 die US-Investmentbank Lehman Brothers pleiteging, sprachen die Menschen von der Jahrhundertkrise. Und wann wird sie sich wiederholen? Wann brechen an den Finanzmärkten erneut die Dämme, die trotz aller Anstrengungen nach Einschätzung der meisten Experten noch immer beunruhigend klein und schwach sind?

Gefahr einer neuen Krise droht

„Wir leben noch immer im Schatten von Lehman“, sagt Jean-Claude Trichet, damals Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). „Besteht dennoch die Gefahr einer neuen Finanzkrise?“, fragt sich Henry M. Paulson, seinerseits ehemaliger US-Finanzminister. „Ich fürchte, dass die Antwort darauf ,Ja‘ lautet.“

Inzwischen bedrohten die Großbanken die Stabilität der Wirtschaft sogar noch stärker, meint der Bonner Ökonom Martin Hellwig. Sollte eine Regierung am 15. September 2013 eine große Bank fallenlassen, wie es die US-Regierung am 15. September 2008 mit Lehman Brothers tat, wären die Folgen nach seiner Einschätzung gravierender. Die Staaten, die damals mit historisch beispiellosen Konjunkturprogrammen und Bankenrettungen einsprangen, sind heute ausgezehrt und hoch verschuldet. Eine zweite Jahrhundertkrise in einem Jahrzehnt können sie sich nicht leisten.

Fünf Jahre nach dem großen Knall leben die Gesellschaften noch immer in Abhängigkeit von Banken und Finanzmärkten, die zocken und sich bei der Allgemeinheit bedienen, wenn sie sich verzockt haben. Ziemlich allein steht Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) mit seiner Aussage: „Eine einzelne Bank könnte heute nicht mehr das ganze System zum Einsturz bringen. Dafür haben die Banken inzwischen Vorsorge getroffen und die Politik dementsprechende Leitplanken eingezogen“, sagte Schäuble der Welt am Sonntag. Dagegen betonen selbst die G 20-Staaten in ihren Erklärungen: Es ist nicht vorbei.

Soziale und politische Krise

Wie aber ist das möglich? Im Herbst vor fünf Jahren fielen ja nicht nur weltweit die Aktienkurse wie Steine. Nicht nur Banken kollabierten. Rund um den Globus büßten Familienväter, Mütter und Kinder ihren wirtschaftlichen Wohlstand ein, verloren Arbeitsplätze und Einkommen oder ihre Hoffnung auf ein Leben mit einem gesicherten Auskommen.

Die Finanzkrise war immer auch eine soziale Krise mit einem massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit weltweit. Und eine politische Krise. Mit Milliarden und Billionen verschuldeten sich Staaten, um die ökonomische Talfahrt zu bremsen. Völlig überforderte Bundestagsabgeordnete, die monatelang über fünf Euro mehr für Hartz-IV-Bezieher streiten können, sahen sich gezwungen, binnen fünf Tagen 500 Milliarden Euro zur Rettung der deutschen Banken bereitzustellen.

Bis heute scheint es, als habe die Welt aus dem Krisenmodus nicht herausgefunden. Nur heißt dieser nicht mehr Finanzkrise, sondern Schuldenkrise, Eurokrise oder aktuell wieder einmal Asienkrise. Was mit aus dem Ruder gelaufenen Fehlspekulationen am US-Häusermarkt begann, beeinträchtigt bis heute den Alltag von Milliarden Menschen auf allen Kontinenten.

#textline

Warum also tut die Politik nichts, um eine Wiederholung zu vermeiden? Unmissverständlich sicherten die mächtigsten Staats- und Regierungschefs der Welt, die G 20-Führer, auf ihren großen Gipfeln durchgreifende Konsequenzen zu: Kein Produkt, kein Akteur, kein Segment am Finanzmarkt dürfe unbeaufsichtigt bleiben. Untätig blieben sie nicht. Die Finanzwelt ist eine andere als vor fünf Jahren. Statt vom Zeitgeist der Liberalisierung wird sie von Regeln, Auflagen, Aufsichtsbehörden und immer neuen Vorschriften geprägt. Doch wirklich stabil, krisenfest und sicher geworden ist das Finanzsystem nicht.

Um das zu verstehen, muss man sich mit den Ursachen des Crashs beschäftigen. Die Suche nach den Gründen führt zu einer Gesellschaft, die sich in Abhängigkeit von den Finanzmärkten begeben hat und daraus kaum herausfindet. Vieles hat mit der großen Wirtschaft zu tun, den Ungleichgewichten in der Weltwirtschaft. In der verschuldeten sich Länder wie die USA, die dauerhaft mehr importierten als exportieren, und finanzierten die Differenz mit Krediten aus den Überschussländern.

Weil die Inflation in den 90er Jahren an Schrecken verloren hatte, konnte die US-Notenbank Fed die Zinsen niedrig halten, Kapital strömte auch so genug in die Vereinigten Staaten. Der spätere Fed-Präsident Ben Bernanke nannte dies die „Sparschwemme“ (Savings glut), angetrieben von ungenutztem Geld in Asien und Europa.

Und so konsumierten die US-Verbraucher auf Pump, kauften Häuser auf Pump und glaubten, deren Wert werde so steigen, dass sie die Kredite (sogenannte Subprime-Papiere) ohne Anstrengung wieder zurückzahlen zu können. Irgendwann stiegen die Hauspreise nicht mehr, sondern stagnierten und begannen zu fallen. Das System geriet ins Wanken.

Blindes Vertrauen

Zu erklären wäre der ökonomische Wahnsinn aber nicht ohne eine Politik, die den Finanzmärkten blind vertraute und den Spekulanten alle Fesseln abstreifte. Die Banken, die Fonds und andere Investoren bedankten sich, packten die riskanten Kredite in immer neue Verpackungen.

Aus verschiedenen Finanzpapieren zusammengesetzt ließen sie die Gefahren nicht mehr erkennen, die sich dahinter verbargen. Am Ende waren nicht die Kreditrisiken verschwunden, sondern nur das Bewusstsein dafür. Niemand dachte mehr daran, dass es bei Darlehen in der Natur der Sache liegt, dass Gläubiger ihr Geld nicht immer zurückbekommen und Verluste tragen müssen.

Heute sind die Banken größer als 2008. Gerade in Europa sind sie im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung so (über-)gewichtig, dass jede Regierung mit dem Feuer spielt, die ein großes Institut pleitegehen lassen würde. Der Horror der Lehman-Pleite hat allen demonstriert: Die Politik ist erpressbar. Sie ist es bis heute.

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