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Glückliche Kühe.

Ernährungswende

„Landwirtschaft regionalisieren“

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Ein großes Netzwerk tritt für die Ernährungswende ein, gerade jetzt in der Krise. Die Verbände machen konkrete Vorschläge für eine sichere Versorgung mit gesunden Nahrungsmitteln.

Schlange stehen vor Geschäften, Ansteckungsgefahr, Engpässe bei manchen Waren: Das Problem mit dem Virus hatte sich erst wenige Tage zuvor als weltweite Krise erwiesen, da schickte die Frankfurter Bio-Agrargenossenschaft „Die Kooperative“ ein Rundschreiben an die Genossinnen und Genossen: Ob es in diesen Corona-Zeiten Interesse gebe an Lebensmitteln über die gewohnten Produkte hinaus – ob mehr erwünscht sei als Gemüse, Obst, Eier.

Vielstimmige Antwort: O ja. Und so hat sich der solidarische Urban-Farming-Betrieb in diesen Wochen verwandelt in eine „Alternative zum Supermarkt“. Die Zentrale besorgt, was gebraucht wird, natürlich ökologisch einwandfrei, und die Genossenschaftsmitglieder organisieren vor Ort in den Stadtvierteln die Verteilung selbst. Gesundes Essen ohne ungesunde Warteschlangen vor den Geschäften.

Eine Initiative so ganz nach dem Geschmack der Befürworter einer Ernährungswende. Die Sorge um eine krisensichere Ernährung schweiße zusammen, betonen die Akteure der Regionalbewegung, der ursprünglichen Landwirtschaft und die Ernährungsräte: Es sei höchste Zeit für eine Regionalisierung in der Ernährungswirtschaft.

„Ist unsere Ernährung in Krisenzeiten gesichert?“, fragten sich viele Verbraucherinnen und Verbraucher. Zu Recht, wie die De-Globalisierer meinen. „Wie anfällig globale Lieferstrukturen sind, wird gerade immer deutlicher“, urteilt der Zusammenschluss, zu dem auch die Marktschwärmer Deutschland, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft zählen: „Die Corona-Pandemie zeigt, wie verletzlich die arbeitsteilige Weltwirtschaft ist.“ Schwächen der globalen Handelsstrukturen würden nicht nur in Sachen Medizin schmerzlich sichtbar, auch an den globalen Nahrungsmittelmärkten gehe es turbulent zu: Länder verhängten Exportstopps oder versuchten, große Mengen an Grundnahrungsmitteln aufzukaufen.

Die Ernährungswende-Bewegung setzt ein Plädoyer für die Regionalisierung dagegen. Ein Viertel aller in Deutschland erzeugten landwirtschaftlichen Produkte gingen in den Export, zählt der Bundesverband der Regionalbewegung auf. Problematisch sei dies besonders für die Milchindustrie, die ihren internationalen Absatzmarkt verlöre, während der Verkauf von Milchprodukten im Lebensmittelhandel enormen Zuwachs verzeichne. Zugleich würden rund zwei Drittel des in Deutschland verzehrten Gemüses importiert, und die „Luftbrücke“ für osteuropäische Erntehelfer sei ein weiterer Beweis „für die fragilen Großstrukturen im Obst- und Gemüseanbau in Deutschland“, wie Verbandssprecherin Andrea Winter kritisiert.

Ihr Lösungsansatz: Eine Versorgung, die überwiegend auf regionale Wirtschaftskreisläufe setzt, und zwar weltweit, könne Regionen in Krisen widerstandsfähiger machen. Die lokale Wertschöpfung würde kleine und mittlere Betriebe vor Ort stärken. Bund und Länder seien gefragt, Strategien zur Regionalisierung gemeinsam mit der Land- und Ernährungswirtschaft zu entwickeln. Gerade jetzt in der Krise bestehe die Chance, den Aufbau von Vor-Ort-Strukturen anzugehen. Die Regionalbewegung bietet der neugegründeten Zukunftskommission Landwirtschaft der Bundesregierung dafür ihre aktive Mitarbeit an.

Derweil freuen sich die Mitglieder der solidarischen Landwirtschaftsgemeinschaften schon jetzt über ihre gesicherten Ernteanteile – und die Bauern über sichere Abnehmer. Das einzige, was ihnen gefährlich werden kann, ist der Klimawandel. Aber auch gegen ihn gilt „regional und saisonal“ immer noch als das beste Mittel.

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