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Der Medibuss Hessen bei seiner offiziellen Vorstellung 2018.

Mediziner

Landarzt auf vier Rädern

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Deutschland hat zu wenig Mediziner, innovative Lösungen müssen her – etwa Arztbusse.

Früher war das üblich: Da fuhren Bauern mit ihrem Auto durch die Dörfer und verkauften an den Haustüren Gemüse, Hausierer boten an, Messer zu schleifen und der Eiswagen kam regelmäßig vorbei – sein Läuten versetzte vor allem die Kinder in freudige Aufregung. Das alles kommt nur noch selten vor, dafür könnte es irgendwann soweit sein, dass die Klingel durchs Dorf schallt, wenn der Bus mit dem Arzt in der Nähe steht und seine medizinischen Dienste anbietet.

In dem neuen Terminservice- und Versorgungsgesetz, das der Bundestag im März verabschiedet hat, heißt es klar, dass die kassenärztlichen Vereinigungen (KV) verpflichtet werden, in unterversorgten Gebieten eigene Praxen oder mobile und telemedizinische Versorgungs-Alternativen anzubieten, wenn es zu wenig Ärzte gibt. Mediziner fehlen inzwischen in vielen vor allem ländlichen Regionen Deutschlands.

Eine kassenärztliche Vereinigung, die bereits Erfahrung mit einem „Arztbus“ gemacht hat, ist die von Hessen. Seit Juli 2018 fährt der Medibus durch Nord- und Osthessen, hält jede Woche an fünf Standorten. „Unser Vorstand kam auf die Idee, nachdem er von dem Bus der Charité in Berlin gehört hatte“, erinnert sich Sprecherin Petra Bendrich.

Der Charité-Bus fuhr im Zuge der Flüchtlingskrise zu Flüchtlingsheimen in und um Berlin, um die Neuankömmlinge zu impfen. Später wurde der Bus dann bis Ende 2018 eingesetzt, um an Schulen zu impfen. Sowohl der Charité-Bus als auch der Medibus in Hessen wurden von der Deutschen Bahn AG medizinisch flott gemacht – die Tochter DB Regio vermietet den Bus samt Fahrer und medizinischer Ausstattung und übernimmt die Wartung.

Ausgestattet wie eine Hausarztpraxis

Vor allem hochbetagte Menschen besuchen die rollende Praxis. Dadurch, dass im Regelfall immer derselbe Arzt an Bord ist, haben sie einen vertrauten Ansprechpartner. Der Bus hält in der Nähe der Rathäuser, in denen die Patienten warten können. Im Bus selbst gibt es einen Anmeldebereich, ein Labor und ein separates Behandlungszimmer. Alle Geräte, die auch eine normale Hausarztpraxis aufweise, seien an Bord, versichert Bendrich. Technisch möglich ist auch eine Ausstattung mit Telemedizin, so dass etwa Fachärzte oder Dolmetscher live in den Bus zugeschaltet werden können, erklärt Sprecherin Judith Weland von der Deutschen Bahn.

„Es ist ein Erfolgsprojekt“, sagt Bendrich. Von Juli bis Ende September 2018 – neuere Zahlen liegen noch nicht vor – verzeichnete der Medibus 1314 Patientenbesuche. „Das kommt nah dran an eine normale Hausarztpraxis“, sagt Bendrich. Allerdings ist der Bus ungleich teurer als eine normale Praxis. „Das Projekt ist auf zwei Jahre angelegt und kostet 600 000 Euro. Eine normale Praxis ist viel billiger“, so Bendrich.

Aber die kassenärztlichen Vereinigungen müssen notgedrungen neue Wege gehen. In Hessen gibt es 187 unbesetzte Hausarztsitze. Bundesweit gibt es laut der kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) derzeit 2600 offene Niederlassungsmöglichkeiten für Hausärzte. Das Durchschnittsalter der 54 000 Hausärzte in Deutschland liege bei 54 Jahren. „Wir rechnen daher in den nächsten Jahren mit einer einsetzenden größeren Ruhestandswelle von niedergelassenen Hausärzten“, sagt Roland Stahl, Sprecher der KBV. „Das Modell, dass es in jedem Dorf einen Hausarzt gibt, wird so nicht haltbar sein.“

Nicht erstaunlich also, dass kassenärztliche Vereinigungen aus anderen Bundesländern sich das Projekt in Hessen anschauen. „Wir haben Anfragen ohne Ende. Andere KVs interessieren sich, genau so wie Politiker und die Presse“, sagt Bendrich.

Deutsche Bahn will einen Zahnarztbus entwickeln

Die Deutsche Bahn will das Angebot deshalb bald ausdehnen: Gemeinsam mit dem Zahnärztenetzwerk Zahneins wird derzeit nach Vorbild des Medibus ein Zahnarztbus entwickelt. Vermutlich Ende des Jahres soll er startklar sein und dann zunächst durch Ostfriesland und Südbayern rollen. In ländlichen Regionen könnte so die zahnärztliche Versorgung gesichert werden.

Es gibt allerdings auch Projekte, die nicht so gut liefen. Die KV Niedersachsen testete vor einigen Jahren ebenfalls eine rollende Arztpraxis, ein Projekt das auch Volkswagen finanziell unterstützte. Ein medizinisch ausgestatteter VW Bus samt Arzt fuhr durch den Landkreis Wolfenbüttel – doch die Nachfrage war gering. „Man muss da sicher genau auf die Region schauen. Unser Gefühl war, dass die familiären Strukturen in dem Landkreis noch so gut funktionieren, dass ältere Menschen unseren Service nicht brauchten“, sagt KV-Niedersachsen-Sprecher Uwe Köster.

Die KV Niedersachsen versuchte es nochmal anders: In Ostfriesland sammelte ein Bus Patienten ein und fuhr sie zu einem Arzt nach Leer. Auch dieses Projekt wurde aber Ende 2018 wegen geringer Nachfrage eingestellt.

An diesem Freitag wird die Deutsche Bahn erneut für ihre Busse trommeln – schließlich könnte sie ordentlich Geld verdienen, sollte das hessische Beispiel Schule machen. In Berlin stellt sie das Konzept noch einmal vor und bietet einen Rundgang durch einen Medibus an. Der soll danach eingesetzt werden, um an Standorten der Bahn betriebsärztliche Untersuchungen durchzuführen. Denn auch das propagiert die Bahn als möglichen Einsatzzweck – in diesem Fall für Firmen.

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