Analyse

Längst keine Kraftquelle mehr

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Fürs schwächelnde Turbinen-Geschäft sucht Siemens einen Partner. Mitsubishi Heavy Industries gilt als Favorit.Würde das die Probleme lösen?

Wenn Siemens-Chef Joe Kaeser am 8. Mai Details für seine neue Strategie 2020+ verkündet, wird das ein Jahrestag sein. Zu diesem Datum 2018 haben die Münchner eine vermeintliche Lösung für ihr kränkelndes Gasturbinengeschäft präsentiert. Das zum Politikum erklärte ostdeutsche Werk Görlitz wurde verschont, aber knapp 3000 Jobs kostet die Sanierung in Deutschland dennoch. Der globale Trend weg von Großkraftwerken und hin zu dezentraler Energieerzeugung hält zudem an. Es gibt unvermindert Überkapazitäten zum Bau großer Gasturbinen. „Das Marktumfeld ist unverändert“, sagt Siemens. Investoren haben Kaeser zur Hauptversammlung im Januar deshalb gedrängt, die Krisen-sparte mit einem asiatischen Wettbewerbern zu verschmelzen. So könnte es nun kommen.

Als wahrscheinlichste Variante gilt ein Schulterschluss mit Mitsubishi Heavy Industries in Japan. Mehrere Medien wie die Nachrichtenagenturen Reuters und Bloomberg wollen erfahren haben, dass dazu hinter den Kulissen intensive Gespräche laufen. Siemens selbst schweigt. Beide Konzerne kennen sich. Vor fünf Jahren haben die Deutschen und Japaner gemeinsam vergeblich versucht, die Kraftwerkssparte von Alstom zu übernehmen. Am Ende ist US-Rivale General Electric (GE) zum Zug gekommen. Geturtelt haben Siemens und Mitsubishi dem Vernehmen nach auch später noch einmal vergeblich.

„Wir haben keine Entscheidung“, sagt ein Insider jetzt zu erwogenen Varianten für die Zukunft des Siemens-Kraftwerksgeschäfts. Als Partner in spe bieten sich neben Mitsubishi theoretisch GE, die italienische Ansaldo und chinesische Kraftwerksbauer an, von denen einer sich namhaft bei Ansaldo eingekauft hat. GE gilt als Sanierungsfall und kommt als Partner schon deshalb nicht infrage, weil die Amerikaner Weltmarktführer bei Großturbinen sind und ein Schulterschluss kartellrechtlich keine Chancen hätte.

Ein Bündnis mit einem chinesischen Konzern wäre wirtschaftlich sinnvoller aber politisch heikel, zumal offenbar ein Rückzug von Siemens in eine Minderheitsposition bei einer Kraftwerksfusion zur Debatte stünde. Deutsches Know-how in chinesischen Händen hat nicht gerade Konjunktur.

Andererseits ist Kaeser kein Manager, der vor der Politik katzbuckelt. Ein angenehmerer Partner wäre aber fraglos Mitsubishi. Eine zweite kritische Frage ist, ob Siemens im Kraftwerksgeschäft auf eine Minderheitsposition zurückfallen will und kann. Der Vorteil wäre, dass man die Sparte dann nicht mehr konsolidieren müsste, was Bilanz und Aktienkurs aufmöbeln würde. „Das wäre ein Befreiungsschlag“, meint ein Börsianer zu dieser Variante.

Experten fürchten ohnehin, dass das einstige Siemens-Vorzeigegeschäft nie mehr zu alter Stärke zurückfindet, weil dauerhaft andere Technologien nachgefragt werden. Um drei Viertel auf 377 Millionen Euro sind die operativen Gewinne der Kraftwerkssparte 2018 eingebrochen. Der Margenvergleich von drei Prozent gegenüber der Siemens-Vorzeigesparte Digitale Fabrik mit 20 Prozent spricht Bände. Wirklich lukrativ bleibt auf Sicht nur das Service-Geschäft für große Gas- und Dampfturbinen. Deren Verkauf dagegen ist derzeit sogar defizitär.

Gibt Siemens aber die Kontrolle aus der Hand, drohen neue Konflikte mit IG Metall und Betriebsräten.

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