1. Startseite
  2. Wirtschaft

Kurzarbeit im Aufschwung

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Markus Sievers

Kommentare

Wenn eine Branche in der Krise ist, soll künftig Kurzarbeit die Mitarbeiter vor Arbeitslosigkeit bewahren.
Wenn eine Branche in der Krise ist, soll künftig Kurzarbeit die Mitarbeiter vor Arbeitslosigkeit bewahren. © dpa

Mehrere Bundesländer wollen das Instrument auch für einzelne Branchen nutzen, die vorübergehend unter Problemen leiden, selbst wenn die Wirtschaft insgesamt rund läuft.

An Kurzarbeit denkt kaum jemand, wenn die Wirtschaft gerade brummt und die Beschäftigung auf Rekordwerte steigt. Dabei ist es nicht lange her, dass 1,7 Millionen Männer und Frauen in Deutschland in der Krise auch mit diesem Instrument vor der Arbeitslosigkeit bewahrt wurden.

Jetzt will die rot-grüne Landesregierung von Nordrhein-Westfalen das Erfolgsmodell auch für einzelne Branchen aktivieren, die durch eine schlechte Entwicklung in diesem speziellen Wirtschaftszweig unter vorübergehenden Absatzeinbrüchen leiden, selbst wenn die Wirtschaft insgesamt rund läuft. „Wir wollen die guten Erfahrungen aus der Krise auch für Branchenkonjunkturen nutzen, um Beschäftigung zu stabilisieren“, begründet der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) die gemeinsame Initiative mit Bremen und Niedersachsen.

Läuft es etwa in der Windenergiebranche oder der Stahlindustrie vorübergehend schlecht, könnte die Bundesregierung für diese Unternehmen und deren Belegschaften die verlängerte und erleichterte Kurzarbeit wie in der Krise 2009 ermöglichen. Damals erhöhte die Große Koalition die Bezugsdauer von sechs auf 24 Monate. Auch erleichterte sie die Zugangsbedingungen. Das Kurzarbeitergeld der Bundesagentur für Arbeit entlastet Unternehmen bei den Lohnkosten, so dass sie Arbeitsplätze im Abschwung erhalten können. Arbeitnehmer bekommen ihren Verdienstausfall zum Teil erstattet.

Firmen wollen Arbeitslosigkeit verhindern

Schneider stützt sich bei dem Vorstoß auch auf eine Studie der Technischen Universität Dortmund. Sie hat die Reaktion der Betriebe auf die größte ökonomische Krise der Nachkriegszeit untersucht. Deutlich wird darin, welch Anstrengungen nicht nur die Politik, sondern auch Firmen und Beschäftigte auf sich genommen haben, um einen Anstieg der Arbeitslosigkeit wie in anderen Ländern zu vermeiden. So räumten sie massenweise Zeitguthaben auf Arbeitszeitkonten leer und setzten die Konten ins Minus, bauten Überstunden ab und nutzten die Kurzarbeit.

All das ermöglichte laut der Studie eine Arbeitszeitverkürzung um 1,5 Milliarden Stunden. Rechnet man 30 Euro pro Arbeitsstunde, dann haben die Betriebe und Beschäftigte ein Volumen von 45 Milliarden Euro eingebracht, um Massenentlassungen zu verhindern. „Dieses Erfolgsmodell war nur möglich durch eine entwickelte Sozialpartnerschaft und funktionierende Tarifvertragssysteme“, zeigt sich Schneider überzeugt.

Denn nur im Rahmen einer vertrauensvollen Zusammenarbeit könnte man etwa Guthaben oder Schulden bei der Arbeitszeit aufbauen. Davon hätten auch die sozialen Sicherungssysteme profitiert, die sonst mehr Arbeitslosigkeit hätten finanzieren müssen. Auch sei weitgehend auf die teuren Vorruhestandsprogramme verzichtet worden, die in früheren Krisen zulasten der Allgemeinheit aufgelegt worden seien, betont Minister Schneider. Die Bundesratsinitiative ziele daher auch darauf, dieses bewährte deutsche Konzept zu stärken. Ob die Union im Bundestag allerdings ihre Zustimmung erteilt, ist fraglich. Im Koalitionsvertrag mit der SPD taucht die Forderung nicht auf.

Auch interessant

Kommentare