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VKU-Hauptgeschäftsführerin Katherina Reiche.
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VKU-Hauptgeschäftsführerin Katherina Reiche.

Katherina Reiche

„Kunden sind schlauer als viele denken“

  • Frank-Thomas Wenzel
    VonFrank-Thomas Wenzel
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VKU-Hauptgeschäftsführerin Katherina Reiche sieht bei dem unverständlichen System der EEG-Umlage die Politik in der Verantwortung, und nicht die Stadtwerke. Im FR-Interview spricht sie über Energiepreise, den Ausbau der Erneuerbaren und drohende Stromlücken.

Von ihrem Büro aus in Berlin Mitte ist das Wirtschaftsministerium in Sichtweite. Und beim Interview wird deutlich, dass Katherina Reiche die Bundesregierung bei fast allen Themen im Blick hat. Als Hauptgeschäftsführerin des Stadtwerke-Verbandes VKU geht es ihr vor allem um die Energiepolitik. Sie tritt für einen gebremsten Ausbau der Windenergie ein und sie sorgt sich um die Zukunft der Gaskraftwerke, die von vielen kommunalen Unternehmen in jüngerer Vergangenheit errichtet wurden.

Frau Reiche, die Bürger bekommen die Energiewende vor allem durch die kommunalen Unternehmen zu spüren. Werden die Strompreise für die Verbraucher sinken, weil die Börsenpreise für elektrische Energie immer weiter fallen?
Der Zusammenhang stimmt nicht. Die Börsenpreise sinken, weil immer mehr erneuerbare Energien mit ungeheurer Dynamik in den Markt kommen – das ist politisch gewollt. Für den Strom der Erneuerbaren gibt es feste Einspeisevergütungen. Umso niedriger der Börsenstrompreis ist, umso größer wird die Differenz zu den Vergütungen. Diese Differenz müssen die Stromkunden über die EEG-Umlage zahlen. Für den Kunden ist das System unverständlich. Denn er sieht nur die gesunkenen Börsenstrompreise und fragt sich, warum sich die nicht auf der Stromrechnung bemerkbar machen. Hier ist die Politik in der Verantwortung, nicht die Stadtwerke.

Sind die Strompreise also zementiert?
Wir hatten für dieses Jahr eine leichte Steigerung der Umlage. Sie macht pro Haushalt im Jahr im Schnitt 240 Euro aus. Und Sie dürfen nicht vergessen, dass die Zusagen für die Erzeuger von erneuerbarem Strom für 20 Jahre gelten. Wir schieben also einen Berg an Zusagen vor uns her. Das ist ein erheblicher Posten. Zahlreiche Stadtwerke hatten dennoch ihre Preise Ende 2014 gesenkt und dies mit Beschaffungsvorteilen begründet. Es kommt also auch auf eine intelligente Beschaffung an. Der Spielraum ist aber gering. Andererseits werden regelmäßig Kraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung in Zeiten geringer Strompreise betrieben, um die Wärmelieferverpflichtung einzuhalten. Dabei wird nicht selten kein Euro mit dem produzierten Strom verdient. Das sind enorme Belastungen für Stadtwerke.

Gleichwohl gibt es Manager und Wissenschaftler, die sagen: Die Börsenpreise sinken schneller als die Umlage steigt. Die Gesamtkosten werden also weniger, was Spielraum für Preissenkungen gibt. Der Vorwurf lautet: Viele Stadtwerke geben dies nicht an die Kunden weiter und erhöhen damit ihre Profite. Stimmt das?
Wenn Sie genau hingucken, wie die Stadtwerke beschaffen, nämlich zum großen Teil im Voraus, kommen Preise an der Börse sowieso nicht sofort beim Kunden an. Gleichzeitig sehen wir trotz steigender regulierter Anteile kaum steigende Endkundenpreise. Insofern kann von erhöhten Profiten keine Rede sein. Ein immer höherer Anteil am Strompreis ist gesetzlich festgelegt. Zur EEG-Umlage kommen ja noch andere Umlagen und Netzentgelte. Was noch im Bereich des unternehmerischen Handelns liegt, macht vielleicht 20 Prozent aus.

Unabhängige Strom- und Gashändler, die kurzfristig einkaufen, bieten gleichwohl günstige Tarife. Aber die Kunden sind beim Anbieterwechsel noch immer sehr zurückhaltend. Muss hier nicht mehr geschehen, um den Markt in Gang zu bringen?
Ich glaube, die Kunden sind schlauer als viele denken. Und das Internet bietet umfassende Möglichkeiten, um sich zu informieren. Wir sind darauf stolz, dass wir bei unseren Kunden ein großes Vertrauen genießen. Die Stadtwerke bieten mehr als nur einen Preis, nämlich Verlässlichkeit. Eine Befragung hat ergeben, dass 91 Prozent der Strom- und Gaskunden mit ihrem Stadtwerk zufrieden sind – ein phänomenaler Wert. Die Bürger kennen das Unternehmen aus vielen lokalen Zusammenhängen.

Aber Tausende, vor allem ältere Kunden suchen nicht im Internet und haben häufig die teuren Grundversorgungstarife, an denen die Stadtwerke kräftig verdienen.
Die Zeiten der umfänglichen Gewinne sind längst vorbei. Stadtwerke sind wie alle Unternehmen unter Effizienz- und Wettbewerbsdruck. Stadtwerke wurden und werden in großem Stil professionalisiert. Das war und ist gewollt. Der nächste Schritt ist die umfassende Digitalisierung. Da entstehen neue Märkte, zum Beispiel beim Thema Smart Home, dem vernetztem Zuhause. Und bei den Grundversorgungstarifen muss man auch immer sehen, dass in diesen Tarifen die Kosten der Grundversorgung als Leistung der Daseinsvorsorge mit allen Risiken abgebildet werden. Durch die zweiwöchige Kündigungsfrist kann der Verbraucher zum Beispiel jederzeit wechseln. Auch der Betreuungsbedarf bei Kunden in der Grundversorgung ist weitaus höher.

Stehen die Stadtwerke, was das Stromgeschäft angeht, heute besser oder schlechter als vor zehn Jahr da?
Die Stromsparte ist definitiv unter Druck. Alle, die eigene Erzeugung im Portfolio haben, sehen sich veränderten Bedingungen ausgesetzt. Stadtwerke investieren konsequent in erneuerbare Energien. Was fehlt, sind auch erhebliche Investitionen in Flexibilitäten. Je mehr Erneuerbare im Netz sind, umso dringender brauchen wir Flexibilität durch Lastmanagement und Speicher, die Schwankungen beim Stromaufkommen ausgleichen. Bei den Speichern sind die rechtlichen Rahmenbedingungen so zu setzen, dass sie zunehmend in den Markt kommen. Auch flexible, emissionsarme Gaskraftwerke, die schnell zugeschaltet werden können, spielen eine wichtige Rolle. Noch vor fünf Jahren bestand große Einigkeit in Branche und Politik, dass es gerade diese Kraftwerke sind, die in der Energiewende gebraucht werden. Heute stellt sich die Situation anders dar.

Der schnell verfügbare Strom der Gaskraftwerke wird viel seltener gebraucht, als es erwartet wurde. Was ist da falsch gelaufen?
Gaskraftwerke sind eine notwendige Brückentechnologie, die wir noch sehr lange brauchen. Der Zubau der Erneuerbaren ging aber viel schneller voran, als das alle geahnt haben. Die Politik ist dieser Entwicklung immer hinterhergelaufen. Das hat sich auch negativ auf die Gaskraftwerke ausgewirkt. Dazu kommt, dass aus dem Emissionshandel – wegen zu niedriger Preise für Verschmutzungszertifikate – keine Impulse für klimafreundliche Erzeugung kommen und die Kohle als Brennstoff gegenüber Gas bevorteilt wird. Diese Gemengelage führt zu den aktuellen Problemen.

Dafür ist es mit der Energiewende aber alles in allem noch ganz gut gelaufen. Der Anteil der Erneuerbaren am Stromverbrauch liegt bei einem Drittel. In kaum einem anderen Land ist die Stromversorgung so sicher. Deutschland dürfte sogar der Stromexport-Weltmeister sein.
Noch haben wir keine größeren Probleme. Das kann sich jedoch schnell ändern, wenn die Kernkraftwerke vom Netz gehen. Es gibt zudem eine lange Liste von konventionellen Kraftwerken, die abgeschaltet werden sollen. Wir haben einen Dissens mit dem Bundeswirtschaftsministerium, ob wir in den 2020er Jahren eine Stromlücke mit zu wenig Kapazität haben. Wir müssen immer in der Lage sein, eine Last von 80 Gigawatt zu decken.

Und was sagt das Ministerium?
Das Ministerium sagt, dass das nicht nötig ist, da es irgendwo in Europa schon Strom geben wird. Die Frage ist aber, was passiert, wenn in ganz Europa eine dunkle Flaute herrscht. Woher sollen die Investitionssignale kommen, die neue Kapazitäten ermöglichen? Das Wirtschaftsministerium ist der Auffassung, dass Spitzenpreise am Strommarkt ausreichen. Daran glauben wir nicht. Wir brauchen einen Markt für Flexibilität, um die richtigen Investitionen zu ermöglichen.

Aber wir haben doch schon eine Reserve. Acht alte Braunkohlekraftwerke, die in einer Art Standby-Modus bereitstehen.
Eine staatliche Reserve hat nichts mit Markt und Wettbewerb zu tun. Wir sehen diese Reserve außerdem kritisch, weil die Kriterien für die Auswahl der Anlagen nicht klar sind und die Kosten nach einem intransparenten Abrechnungsmodus auf die Lieferanten gewälzt werden sollen.

Da geht es doch einfach nur darum, Arbeitsplätze in Braunkohlerevieren zu sichern.
Wir wollen keine Strukturbrüche. Wir wollen, dass es den Kommunen weiter gut geht. Die Politik muss einen verlässlichen Übergang definieren. Hier sind auch die Landesregierungen gefragt. Zugleich müssen wir daran arbeiten, wie die Dekarbonisierung der Energiewirtschaft tatsächlich gelingen kann, um die Ziele des Klimaschutzes zu erreichen.

Was halten Sie davon, dass mit der geplanten Novelle des Erneuerbaren-Energie-Gesetzes der Ausbau von Windstrom an Land und auf offener See gebremst werden soll?
Die Bundesregierung hat bei den Ausbauzielen angesetzt: 2025 sollen zum Beispiel zwischen 40 und 45 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen kommen. An diesen Zielen müssen die Ausbaukorridore für jedes Jahr orientiert werden. Ich halte diese Korridore für angemessen.

Aber vor allem Vertreter der Windbranche warnen, dass durch einen verlangsamten Ausbau Tausende von Arbeitsplätzen bedroht sind und dass Deutschland Gefahr läuft, technologisch den Anschluss zu verlieren.
Wir brauchen einen verlässlichen Pfad. Als Korridor schlagen wir 2000 Megawatt netto für Onshore-Windkraft-Anlagen vor, jedes Jahr also 2000 Megawatt mehr Wind am Netz. Mit einem klar definierten Ausbaukorridor können sich sowohl die Teilnehmer am Strommarkt aber auch die Hersteller auf zukünftige Entwicklungen einstellen. Klar ist aber auch, dass die Stromkunden erhebliche Technologieentwicklungen finanziert haben und sich das nicht auf Dauer beliebig subventionieren lässt. Deswegen ist die Marktintegration der erneuerbaren Energien so wichtig.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

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