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Kultur ist stärker als ein Wertekanon

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Von: Stephanie Borgert

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Nicht Verabredungen, nette Wünsche oder Vereinbarungen gestalten die Kultur in einem Land, sondern die Vielfalt der Menschen, die dort leben.
Nicht Verabredungen, nette Wünsche oder Vereinbarungen gestalten die Kultur in einem Land, sondern die Vielfalt der Menschen, die dort leben. © epd

Eine deutsche Leitkultur schmeckt nach Einheitsbrei und scheitert an der Vielfalt der Menschen. Denn eine bestimmte Kultur lässt sich nicht verordnen oder gestalten. Sie ist einfach da. Die Kolumne "Gastwirtschaft".

Da hat Innenminister de Maizière ja eine hübsche Debatte vom Zaun gebrochen mit seiner Forderung nach einer deutschen Leitkultur. Hat er? Nicht wirklich! Denn eine Debatte wäre ja ein ernsthaft inhaltlicher Diskurs und der findet leider nicht statt. Stattdessen laufen sogleich die Meinungsforscher durchs Land und fragen, ob wir denn für eine solche Leitkultur seien. Angeblich sagt jeder zweite Deutsche „Ja“. Eine Leitkultur zur Beschreibung des gemeinsamen Wertekanons soll sie sein. Wir sagen unseren Namen, geben uns die Hand und sind aufgeklärte Patrioten.

Die Idee, Kultur ließe sich aktiv gestalten, hält sich in unseren Organisationen schon seit Jahren. Dazu werden Workshops durchgeführt, Werte erdacht und aufgeschrieben, um am Ende auf einer mit Post-its gepflasterten Pinwand die Soll-Kultur zu fabulieren. Dann soll die wohl formulierte Theorie in der Praxis umgesetzt werden.

Aber, oh Wunder, das klappt nicht. Alles läuft wie gehabt, die Menschen verhalten sich wie bisher, die Denke ist geblieben, die Anstrengung verpufft. Woran das liegt? Ganz einfach, die Kultur ist stärker als nette Verabredungen und Wünsche.

Kultur lässt sich nicht verordnen. Kultur entsteht, sie ist immer da. Zu glauben, wir könnten sie gestalten und einen Wertekanon vorgeben, ist naiv. Eine „deutsche“ Leitkultur formulieren zu wollen, scheitert an der Vielfalt der Menschen und zeugt von einer linearen, kurzsichtigen Blickweise. Zudem ruft die Einseitigkeit geradezu: „Kommt in unser Land und passt Euch gefälligst an“. Ist das wahres Zeugnis des offenen Geistes?

Das schmeckt eher nach Einheitskultur, die Positionen und Abgrenzung fördert. Das Gegenteil davon täte uns gut. Unsere Gesellschaft, wie auch ihre Organisationen, sind längst vielfältig und heterogen. Das ist gut so, denn die Welt ist komplex und dynamisch. Um darin gut agieren und leben zu können braucht es Vielfalt und Verschiedenheit in Denk-, Werte- und Handlungsmustern. Nur so lässt sich die Varietät entwickeln, die die Umweltkomplexität erfordert.

Wir brauchen keine von jemandem aufgeschriebenen Werte, sondern eine echte Debatte über unser Zusammenleben. Aber nicht über all die Anderen und Fremden, sondern mit ihnen.

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