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Tierschützer von Peta protestierten vor der Urteilsverkündung mit einer Schredder-Aktion.

Urteil

Das Küken-Töten geht vorläufig weiter

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Die Richter am Bundesverwaltungsgericht lassen die Vernichtung von männlichen Küken vorerst weiter zu. Grüne und Tierschützer protestieren scharf.

Küken dürfen in Deutschland vorerst weiter getötet werden, wenn sie aufgrund ihres Geschlechts für die Eierproduktion nicht geeignet sind. Das hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am Donnerstag entschieden. Nach dem Urteil der Richter forderten Grüne, Sozialdemokraten, Linke und Tierschützer rasche Konsequenzen.

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt rief Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) zu einem Verbot der umstrittenen Praxis auf. „Das Gerichtsurteil muss Anlass sein, dass die Bundesregierung sich endlich aus der Umklammerung der Agrarlobby befreit“, sagte Göring-Eckardt dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Frau Klöckner ist als Ministerin nun gefragt, umgehend ein Gesetz zum Ende des Massentötens vorzulegen.“

Göring-Eckardt kritisierte: „Jedes Jahr werden in Deutschland 40 Millionen Küken getötet, weil mit ihnen kein Geld zu verdienen ist. Dass so mit Lebewesen umgegangen wird, ist absolut unsäglich und unethisch.“

Die Verwaltungsrichter hatten das massenhafte Töten männlicher Küken für so lange für zulässig erklärt, bis alternative Methoden in der Landwirtschaft flächendeckend verfügbar sind. Das Land Nordrhein-Westfalen hatte das Kükentöten 2013 unter der rot-grünen Landesregierung per Erlass stoppen wollen. Zwei Brütereien aus NRW klagten dagegen, sie bekamen nun Recht.

Der agrarpolitische Sprecher der SPD im Bundestag, Rainer Spiering, warf Klöckner vor, nicht schnell genug für Alternativen zu sorgen. „Wir brauchen einen konkreten Zeitpunkt und Vorgaben von der Bundeslandwirtschaftsministerin, wie genau der Umstellungsprozess gestaltet werden soll“, forderte Spiering. Das Urteil sei „ein Armutszeugnis für die bisherigen Bemühungen des Bundeslandwirtschaftsministeriums“, das praxistaugliche Alternativen zur Kükentötung nicht schnell genug voranbringe.

Das Landwirtschaftsministerium fördert mit acht Millionen Euro wissenschaftliche Verfahren, die die Bestimmung des Geschlechts schon vor dem Schlüpfen möglich machen. So sollen männliche Küken gar nicht erst ausgebrütet werden. Agrarministerin Klöckner selbst lehnt das Töten unter Verweis auf ethische Bedenken ab, sieht aber die Unternehmen in der Pflicht, ihre Praxis umzustellen. Auch die Verbraucher könnten alternative Verfahren unterstützen, so die Ministerin. „Mit ihrer Kaufentscheidung haben sie es letztlich mit in der Hand, ob sich innovative Verfahren durchsetzen oder immer mehr Eier importiert werden“, sagte Klöckner.

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Der agrarpolitischen Sprecherin der Linken, Kirstin Tackmann, gehen die alternativen Methoden zur früheren Geschlechtsbestimmung jedoch nicht weit genug: „Die von Agrarministerin Klöckner favorisierte Selektion der männlichen Küken im Ei ist eine teure technologische Scheinlösung, die den Kern des Problems verkennt.“ Tackmann plädiert für Zweinutzungsrassen – Hühnerrassen, die sowohl für die Fleisch- als auch für Eierproduktion geeignet sind – und „Bruderhahninitiativen“, bei denen mit einem erhöhten Eierpreis die Aufzucht der Hähne mitfinanziert werden.

Die Nutzung von Zweinutzungsrassen wäre eine Rückkehr zur ursprünglichen Geflügelzucht, die von den Betrieben aufgegeben wurde, weil spezialisierte Rassen schneller Fleisch ansetzen respektive mehr Eier legen – dafür allerdings eben nur zu einem Zweck eingesetzt werden können. Da männliche Küken keine Eier legen können, sind sie damit für die Landwirtschaft wertlos und werden aussortiert.

Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sieht in der Geschlechtsbestimmung im Ei keine Lösung für die ethischen Probleme in der industriellen Eierproduktion. Die Legehühner müssten laut BUND auch weiterhin Höchstleistungen erbringen und würden nach kurzer Legedauer getötet. „Das ist nicht im Sinne einer verantwortungsvollen Tierzucht. Wir fordern deshalb ein grundsätzliches Umdenken in der Geflügelwirtschaft“, sagt BUND-Agrarexpertin Katrin Wenz.

Der Präsident des Zentralverbands der Geflügelwirtschaft, Friedrich-Otto Ripke, begrüßte das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts am Donnerstag: „Es ist eine kluge Entscheidung, die der Realität gerecht wird und der Wissenschaft Zeit gibt.“ Er bekräftigte, dass die Brütereien „lieber heute als morgen aus dem Kükentöten aussteigen“ wollen. „Ohne praxistaugliche Alternativen geht das aber nicht.“

Das Urteil

Das Kükentöten in der deutschen Geflügelwirtschaft soll bald enden. Das Töten männlicher Küken sei „tierschutzrechtlich nur noch übergangsweise zulässig“, entschied das Bundesverwaltungsgericht am Donnerstag. Diese Praxis soll demnach gestoppt werden, wenn eine Umstellung auf Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Brutei in den Betrieben möglich ist.

Wirtschaftliche Interessen seien für sich genommen kein „vernünftiger Grund“ für das Töten männlicher Küken, entschieden die Richter. Laut Tierschutzgesetz dürfe Tieren ohne guten Grund keine „Schmerzen, Leiden oder Schäden“ zugefügt werden.

Das Bundesverwaltungsgericht entschied, vor dem Hintergrund des im Jahr 2002 in das Grundgesetz aufgenommenen Staatsziels Tierschutz beruhe das Töten männlicher Küken „für sich betrachtet nach heutigen Wertvorstellungen nicht mehr auf einem vernünftigen Grund“. Die Richter sahen aber keinen Weg, das Töten sofort zu beenden. Die Praxis sei jahrzehntelang hingenommen worden, deshalb könne nun nicht die sofortige Umstellung verlangt werden. Außerdem sei den Betrieben nicht zuzumuten, dass sie „zunächst mit hohem Aufwand eine Aufzucht der männlichen Küken (...) ermöglichen, um dann voraussichtlich wenig später ein Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei einzurichten“. (afp)

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