Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Calle de Hamel in Havanna ist mit ihren bunten Wandmalereien auch ein Anziehungspunkt für Tourist:innen.
+
Die Calle de Hamel in Havanna ist mit ihren bunten Wandmalereien auch ein Anziehungspunkt für Tourist:innen.

Doppelwährung

Kubas Quantensprung in den Kapitalismus

  • Klaus Ehringfeld
    vonKlaus Ehringfeld
    schließen

Die Insel schafft nach mehr als einem Vierteljahrhundert die Doppelwährung ab. Jetzt drohen Inflation, Hamsterkäufe und Proteste der Bevölkerung.

Nichts ist autoritären Regimen mehr zuwider als Unkalkulierbarkeit und mögliche Spontaneität. Und so fürchten die kommunistischen Machthaber in Havanna den 1. Januar und die Folgen einer entscheidenden Wirtschaftsreform, die ebenso unausweichlich wie überfällig ist. Denn zum Jahresbeginn setzt das Land eine Währungsunion um, schafft nach mehr als einem Vierteljahrhundert den konvertiblen Peso CUC ab und wird von da an nur noch mit dem kubanischen Peso CUP operieren.

Es ist der Quantensprung des kubanischen Kommunismus in den Kapitalismus, mit dem die moribunde Wirtschaft der Insel vor dem Ende gerettet werden soll. Die Corona-Pandemie und der Einbruch des Tourismus, die Schwäche des Bruderstaats Venezuela und die massiven Sanktionen der scheidenden US-Regierung haben der Insel in diesem Jahr dramatisch zugesetzt. Laut der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) wird die kubanische Wirtschaft in diesem Jahr um acht Prozent schrumpfen.

Die Währungsreform stellt den umfassendsten Umbau der sozialistischen Wirtschaft seit der Revolution 1959 dar. Nahezu alle ideologischen Tabus werden dabei geopfert. Die meisten der unrentablen Staatsbetriebe, bei denen 70 Prozent der arbeitenden Kubaner:innen angestellt sind, werden bankrott gehen, zudem werden Subventionen und Lebensmittelrationen perspektivisch abgeschafft und die Preise angehoben.

Die Reform sei schon sehr lange überfällig, sagt Pavel Vidal, kubanischer Ökonom an der Javeriana-Universität im kolumbianischen Cali: „Aber es ist ein politisch und wirtschaftlich heikler Moment.“ Die Arbeitslosenzahlen und die Inflation würden steigen, betont Vidal.

Und so stehen den Kubaner:innen ab Ende dieser Woche Preisschock, Hamsterkäufe und vielleicht sogar noch größere Nahrungsmittelknappheit ins Haus. Alles Dinge, die das Zeug haben, den Ärger der Bevölkerung zu schüren und sie möglicherweise zu Protesten auf die Straße zu treiben, wovor Präsident Miguel Díaz-Canel große Angst hat. Zudem ist wahrscheinlich, dass der US-Dollar als eine Art klandestine Parallelwährung zirkulieren wird.

Die Reform hat den Zweck, die Insel fit für die Herausforderungen der Zukunft zu machen. Über die Veränderungen wird seit mindestens sieben Jahren diskutiert, aber das ökonomische Katastrophenjahr 2020 macht nun rasches Handeln unausweichlich. Es fehlt Geld an allen Ecken und Enden, schon um Nahrungsmittel und Medikamente zu importieren und Rechnungen zu zahlen. Daher soll die einheitliche Währung das Land für Investoren interessanter machen.

Die Machthaber schufen die Doppelwährung vor 26 Jahren auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Wer als Tourist:in nach Kuba reiste oder dort Geschäfte machen wollte, in Hotels, privaten Restaurants zahlte und Souvenirs kaufte, beglich alles im harten, an den Dollar gekoppelten CUC.

Kubaner und Kubanerinnen, die beim Staat angestellt sind, verdienen hingegen die weichen CUP, aber davon nicht wirklich viel. Wenn Ärzt:innen am Krankenhaus ihr Gehalt in die Wechselstube tragen, bekommen sie gerade mal den Gegenwert von rund 50 CUC. Damit können sie Bus fahren und auf dem Markt Gemüse und Obst einkaufen. Aber viele Dinge des Warenkorbs gibt es auf der sozialistischen Insel nur gegen CUC: Windeln, Klopapier, Shampoo, Kekse, Mineralwasser, Schokolade, Fleisch.

Die Ungleichheit war den Machthabern auf dem letzten kommunistischen Vorposten der westlichen Welt schon lange ein Dorn im Auge. Aber sie wird besonders augenfällig, seit sich die Karibikinsel vor Jahren der Marktwirtschaft öffnete.

Seit die Regierung mehr als 200 Berufe für die Privatwirtschaft freigegeben hat, haben sich mehr als 600 000 Kubaner:innen als „Cuentapropistas“ angemeldet, als selbstständige Kleinst- und Kleinunternehmer:innen, die auf „eigene Rechnung“ arbeiten. Sie betreiben Cafés, Nagelstudios, verkaufen Souvenirs, bieten ihre US-Oldtimer den Touristinnen und Touristen für Rundfahrten an oder vermieten für manchmal 30 CUC ein Zimmer in ihrem Haus in der Altstadt von Havanna. Manch einer dieser neuen Unternehmer:innen verdient bis zu zwanzig Mal mehr als Staatsangestellte. So entsteht nach und nach eine Zweiklassengesellschaft, die den sozialistischen Idealen zuwiderläuft. Auch für Unternehmen sind die doppelten Pesos ein Problem. Die Staatsbetriebe arbeiten mit CUP, brauchen aber CUC für Importe oder Geschäfte außerhalb der Insel.

Die Reform hin zu einer einzigen Währung werde dem Land helfen, die nötigen Veränderungen zur Stärkung der heimischen Wirtschaft umzusetzen, sagte Präsident Díaz-Canel Mitte Dezember, als er im Beisein von Parteichef Raúl Castro die Währungsunion von jetzt auf gleich ankündigte. Díaz-Canel räumte aber ein, dass es nicht die „magische Lösung aller Probleme“ sein werde. Die Währungsunion ist allerdings bitter nötig, damit die selbst verordnete ökonomische Öffnung und die damit verbundenen Reformen greifen können, die notwendig sind, damit sich ein neues marktwirtschaftliches Gleichgewicht einpendelt. So muss die heimische Produktion zügig angekurbelt werden, Kredite an Bäuerinnen und Bauern vergeben und die Abhängigkeit von Importen minimiert werden.

Carmelo Mesa-Lago, Wirtschaftsexperte an der Universität von Pittsburgh, sagt, dass zumindest die ersten Wochen und Monate des neuen Jahres für die Kubaner:innen eine „Rosskur“ würden, weil sie für noch mehr Dinge Schlange stehen und schauen müssten, wie sie mit ihrem durchschnittlichen Gehalt von umgerechnet 30 Dollar an das Notwendige kämen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare