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Nun, als reicher Mann, hat er endlich den Schweizer Pass. „So ist halt die Welt.“
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Nun, als reicher Mann, hat er endlich den Schweizer Pass. „So ist halt die Welt.“

Kryptowährung

Vom Geflüchteten zum Multimillionär: die Geschichte von Dadvan Yousuf

  • Nina Luttmer
    VonNina Luttmer
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Mit elf Jahren steckt Dadvan Yousuf sein erstes Geld in Kryptowährungen. Heute ist der einstige Flüchtling ein Multimillionär.

Frankfurt – Mittwoch, 29. Dezember, 10 Uhr morgens in Frankfurt. Die virtuelle Zusammenkunft über die Plattform Teams beginnt. Doch ich kann Dadvan Yousuf nur hören, das Bild bleibt schwarz. „Ich kann Sie leider nicht sehen. Sie mich?“, frage ich. „Ja, ich sehe Sie“, kommt die Stimme aus dem Off. „Glauben Sie mir, Sie wollen mich nicht sehen“, sagt er und lacht. Er lacht noch viel in diesem Gespräch, das etwas über eine Stunde dauern wird. Und er gähnt viel. Nicht unhöflich. Eher tiefenentspannt. „Ich liege noch im Bett. Es ist fünf Uhr morgens. Ich bin in Punta Cana, in der Dom Rep“, sagt er. Die Reise sei eine ziemlich spontane Entscheidung gewesen, er habe das Gespräch mit mir nicht absagen wollen. Die frühe Uhrzeit sei kein Problem.

Dadvan Yousuf – der Name ist den meisten Menschen in Deutschland unbekannt. Das könnte sich allerdings ändern. In der Schweiz ist der 21-Jährige im vergangenen Jahr zu einer Berühmtheit geworden. In den Medien wurde seine Geschichte hoch und runter erzählt. Er gilt als der jüngste Selfmade-Millionär des Alpenlandes. Und bald könnte er der jüngste Selfmade-Milliardär der Schweiz sein, wie er in unserem Gespräch sagt. „Ich stehe kurz vor der Milliarde“, sagt er. „Noch so ein bis zwei Wochen – also wenn Dein Artikel erscheint“ – im Laufe des Gesprächs sind wir beim Du gelandet – „dann bin ich wohl Dollar-Milliardär.“

Dadvan Yousuf: Millionär durch Kryptowährungen – und schon bald Milliardär?

Ende vergangenen Jahres schaffte Yousuf es zudem auf die prestigeträchtige Schweizer Liste „30 unter 30“, die vom deutschsprachigen Ableger des US-amerikanischen Magazins „Forbes“ alljährlich veröffentlicht wird. Dabei werden junge Menschen gekürt, die das Potenzial haben, in der Zukunft Großartiges zu bewegen. Wie Yousuf es geschafft hat, dorthin zu kommen, wo er jetzt steht? Mit Investitionen in Kryptowährungen. Vermutlich auch mit viel Glück. Und mit großem Ehrgeiz.

Yousufs bisherige Lebensgeschichte klingt märchenhaft; eigentlich zu schön und zu verrückt, um wahr zu sein. Nicht alles, was er sagt, ist überprüfbar. Ein Reporter der renommierten „Neuen Zürcher Zeitung“ traf Yousuf im vergangenen Sommer mehrfach und befand seine Geschichte und ihm vorgelegte Unterlagen für glaubhaft.

Yousuf ist drei Jahre alt, als seine Familie aus dem Nordirak flieht.

Im April 2000 wird Yousuf in einem kurdischen Dorf im Norden des Irak geboren. Sein Vater kämpft für die Peschmerga für ein unabhängiges Kurdistan, flüchtet dann in die Schweiz. Als Yousuf drei Jahre alt ist, folgt auch die Mutter mit ihren damals drei Söhnen. In der Schweiz werden sie als Flüchtlinge geduldet, wohnen in beengten Verhältnissen.

Die Familie wächst auf acht Kinder an, der Vater arbeitet jahrelang in einem Restaurant, unter anderem als Tellerwäscher. „Ich denke, das erste Mal, das ich gemerkt habe, dass wir wirklich arm sind, da war ich schon 14. Da stand ich in unserem Wohnzimmer und dachte: Das Sofa kenne ich doch, das stand vorher bei einem Freund. Und das Regal auch, das stand vorher bei Bekannten“, erinnert sich Yousuf. Seine Familie habe oft die Straßen nach Sperrmüll abgeklappert oder Altkleidersäcke eingesammelt, die andere Menschen vor die Tür gestellt hatten. Auch Computer oder Spielekonsolen habe man so aufgetrieben.

Dadvan Yousuf: Für den ersten Bitcoin zahlte er 15 Euro

Und einen Computer, den braucht Yousuf. Bereits mit elf Jahren kauft er seine ersten Bitcoin. Er hatte seine Eltern streiten hören – die Großmutter in Kurdistan benötigte Geld für eine Operation. Doch wie sollte man das Geld zu ihr schicken? „Wir hatten selbst nicht viel – und die einzige Möglichkeit war offensichtlich, das Geld jemandem mitzugeben, der in den Irak reiste. Aber was, wenn das wenige Geld dann mit dieser Person verschwindet?“, sagt Yousuf. Da habe er im Netz recherchiert und sei irgendwann auf digitales Geld gestoßen – und auf Bitcoin. „Ich dachte, das wäre bereits weltweit akzeptiert. Ich war total naiv. Ich bin in einen Kiosk rein und sagte, ich wolle Bitcoin kaufen. Die Verkäuferin kannte das aber gar nicht“, sagt er. Yousuf nimmt seine Spielsachen, verkauft sie auf einem Teppich auf einem Parkplatz in seinem Wohnort Ipsach – und kauft sich mit Hilfe der Kreditkarte seines Vaters, der seinen Sohn für verrückt hält, seine ersten Bitcoin. Zehn Stück für insgesamt 15 Euro. Aktueller Wert: knappe 367.000 Euro. Der Anfang seiner „Krypto-Karriere“ ist gemacht.

Fortan steckt er immer wieder kleine Beträge in Bitcoin. Und dessen Wert steigt und steigt. Ende Dezember 2012 dann macht er seinen ersten größeren Deal. Für 1000 Bitcoin zu 13,53 Dollar je Stück zahlt er 11.126 Euro. Und verkauft sie zehn Monate später für 134.404 Euro. Im Jahr 2016 steigt er auch in Ethereum ein, die nach Bitcoin zweitwichtigste Kryptowährung,

Seine Familie merkt von alldem nichts. Sein Vater habe gedacht, er daddele am Computer. Seine Brüder hätten zwar gewusst, dass er „trade“, aber sie hätten es nicht verstanden. Sich Gewinne auszahlen lassen, etwas mit dem Geld machen kann Yousuf nicht, denn er hat kein Bankkonto. Wie es überhaupt möglich gewesen sei, dass er als Minderjähriger gehandelt habe? „Heute wäre das so nicht mehr möglich“, antwortet Yousuf. Aber damals sei das noch problemlos gegangen, der Markt für Kryptowährungen sei vollkommen unreguliert gewesen.

Im Dezember 2017 ist Dadvan Yousuf zum ersten Mal Millionär

Mit 17 beginnt Yousuf, seinen Handel zu automatisieren. Er entwickelt eine Software, die selbstständig Kryptowährungen kauft und verkauft. Im Dezember 2017 dann wird er zum ersten Mal Millionär. „Das war ein surrealer Moment. Aber zwei Tage später war ich kein Millionär mehr. Die Kurse brachen ein“, sagt er und lacht wieder. „Da habe ich verstanden, dass ich diversifizieren muss. Zum Beispiel auch Aktien und Immobilien kaufen muss.“ Alleine sein Immobilienportfolio umfasse inzwischen 50 Millionen Euro, sagt er.

Erst im Jahr 2020 beginnt er damit, sich Geld auszahlen zu lassen. Wieso so spät, wo er die Familie doch viel früher aus der Armut hätte befreien können, frage ich ihn. Er habe das genau vorbereiten wollen, sagt er. Auch mithilfe der Medien seine Geschichte verifizieren lassen wollen. „Ich hatte Angst, dass ich verhaftet werde. Ein Flüchtling aus dem Irak, der plötzlich so viel Geld hat – das ist verdächtig“, sagt er. Er habe alle Unterlagen zusammengesammelt, um seine Geschäfte belegen zu können. Dennoch gerät er später kurzfristig unter Geldwäscheverdacht. Schweizer Banken stehen Kryptowährungen skeptisch gegenüber, am Ende wählt er für sich eine Bank in Liechtenstein.

Seine Eltern ziehen im vergangenen Jahr in ein Haus mit Pool und Garten um. Yousuf selbst wohnt monatelang im „Dolder“, einem der bekanntesten Fünf-Sterne-Hotels der Schweiz. Nachdem er jahrelang nur als geduldeter Flüchtling in der Schweiz lebte, bieten ihm mehrere Kantone den Schweizer Pass an, wenn er dort Steuern zahlt. Inzwischen hat er den Pass – und kann so eben Silvester in der Dominikanischen Republik verbringen. Mit dem irakischen Pass wäre das schwierig gewesen.

Dadvan Yousuf: Die Schweiz bietet dem Bitcoin-Millionär sofort den Pass an

Wütend macht ihn das nicht, dass er erst jetzt, wo er reich ist, den Schweizer Pass bekommen hat. Er habe dem Land viel zu verdanken. „So ist halt die Welt“, sagt er. Und schwärmt: „Weihnachten war ich mit meiner Familie in Paris. Das war sehr schön. Ich kann meiner Familie nun schöne Dinge ermöglichen.“ Ich kann seiner Stimme anhören, wie glücklich ihn das macht. Die staatliche Unterstützung, die seine Familie in den vergangenen Jahren erhalten hat, habe er der Schweiz zurückgezahlt, erzählt er.

Und was kommt nun für den 21-Jährigen, der ja scheinbar schon alles erreicht hat? Seine Ausbildung zum Bürokaufmann schließt er 2021 zwar ab – dann wird ihm der Abschluss jedoch wieder aberkannt, „da ich zu wenig in Präsenz da war. Ich dachte, ich muss vor allem zu den Prüfungen kommen“, sagt Yousuf. Besonders schlimm ist das für ihn sicherlich nicht.

Geschäftlich ist er gut unterwegs. Er ist bei einem jungen Unternehmen namens Crowdlitoken eingestiegen, dessen Chef er jetzt ist. Menschen sollen darüber, einfach formuliert, auch kleinste Anteile an spezifischen Immobilien erwerben können. Er will außerdem binnen 1,5 Jahren eine große Krypto-Mining-Farm in der Nähe von Basel aufbauen, die nur mit erneuerbaren Energien – mit Solar- und Wasserkraftenergie – betrieben wird. Sogenannte Kryptominer sind diejenigen, die sämtliche Transaktionen im Kryptowährungsbereich aufzeichnen, verifizieren und verbuchen. Ein großer Kritikpunkt am Kryptomining ist der enorme Energieverbrauch.

Dadvan Yousuf will Kryptowährungen nur mit Erneuerbaren Energien schürfen

„Ich gehe davon aus, dass Länder nach und nach das Mining von Kryptowährungen verbieten werden, außer es wird mit erneuerbaren Energien gemacht“, sagt Yousuf. „Ich möchte da gerne einen Stein ins Rollen bringen.“ Dass die Regierung des Kosovo Anfang des Jahres bekanntgab, dass sie das Schürfen von Kryptogeld verbieten will – da es die knappen Energiereserven des Landes auffresse – zeigt, dass Yousuf mit seiner Annahme Recht haben könnte. In den vergangenen Jahren waren die Strompreise im Kosovo vergleichsweise niedrig, das hatte zu einem Boom beim Kryptoschürfen geführt.

Yousufs Herzensprojekt aber ist die Dohrnii-Stiftung – benannt nach der biologisch unsterblichen Quallenart Turritopsis dohrnii – , die er im vergangenen Jahr gegründet hat und die inzwischen 50 Beschäftigte hat. Sie soll die größte Wissensplattform für Kryptowährungen weltweit werden, sagt Yousuf. „Kryptowährungen sind immer mehr akzeptiert. Aber das Wissen darüber ist ungleich verteilt. In der Schulzeit lernt man leider kaum etwas über wirtschaftliche Zusammenhänge, über Investitionsmöglichkeiten, über Kryptowährungen“, klagt er.

Noch im Januar soll die Dohrnii-App an den Start gehen, mit der Menschen weltweit sich kostenlos und spielerisch zu Kryptowährungen informieren und fortbilden können. Zudem sollen sie bei der Stiftung auch durch Künstliche Intelligenz gesteuerte Finanzberatung erhalten – „wir bauen den Menschen ein Portfolio zusammen aus Aktien, Kryptowährungen und anderem. Es ist einfach unfair, dass momentan nur Beratung bekommt, wer viel Geld hat“, sagt Yousuf. Eine eigene Kryptowährung, den Dohrnii, hat er ebenfalls in Leben gerufen. Diese soll zu einer der „Top 10“ Kryptowährungen der Welt werden.

Millionär Dadvan Yousuf: Bescheidenheit ist nicht sein Ding

Dabei ist es nicht so, dass Yousuf vorbehaltlos für Kryptowährungen wirbt. Es gebe etwa 15.000 Kryptowährungen am Markt, viele davon seien unseriös. Und Kryptowährungen seien auch nur als Beimischung im Portfolio geeignet – „außer man entscheidet sich, dass man ziemlich schnell ziemlich viel Geld verdienen will. Aber dann muss man sich bewusst sein, dass man auch viel verlieren kann“, warnt er.

Ich frage ihn, was sein großes Ziel ist. „Ich will dafür sorgen, dass es keine Armut auf der Welt gibt“, antwortet er umgehend. Das ist nicht gerade bescheiden. „Man bekämpft Armut nicht, indem man eine Milliarde spendet. Man bekämpft Armut nur durch Wissenstransfer. Finanzwissen ist so wichtig. Du kannst aus zehn Dollar ein Vermögen machen, ich bin der lebende Beweis dafür“, erklärt er sich.

Dadvan Yousuf: Um das Interview mit der Frankfurter Rundschau hat der Millionär selbst gebeten

Welcher Eindruck bleibt nach dem Gespräch mit Yousuf? Viele Menschen würden ihn vermutlich als „Angeber“ bezeichnen. Bescheidenheit ist nicht sein Ding. Er redet gerne und sichtlich stolz über das, was er erreicht hat. Doch möchte man den Begriff wirklich verwenden, dann sollte man ihn zu „sympathischer Angeber“ umformulieren. Denn die Freude, mit der Yousuf seine Geschichte erzählt, ist tatsächlich ansteckend. Und er hat offensichtlich auch guten Grund, auf sich stolz zu sein.

Seine absolute Überzeugung, die Welt von Armut befreien zu können, mag vermessen sein – doch dieser jugendliche Optimismus ist durchaus beeindruckend. Das Gespräch mit ihm wurde übrigens nicht geführt, weil die Frankfurter Rundschau ihm hinterhertelefoniert hat – so wie Gespräche mit Prominenten häufig zustande kommen. Yousuf selbst hat die FR kontaktiert. Er schrieb: „Ich würde gerne ein Interview mit Ihnen führen, um meine Botschaft ,Finanzielle Bildung ist ein Menschenrecht‘ noch lauter in die Welt rauszuschicken. Ich würde meine Geschichte gerne noch mehr publik machen, um allen Flüchtlingen und Migranten auf der ganzen Welt zu sagen: Alles ist möglich – gebt niemals auf!“ (Nina Luttmer)

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