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Eine Studie der Uni Texas kam zu dem Ergebnis, dass der große Bitcoin-Preisanstieg 2017 großteils Ergebnis von Manipulationen war.

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Der Bitcoin ist wie entfesselt: Innerhalb weniger Wochen hat er seinen Wert verdoppelt. Sollten Anleger jetzt einsteigen?

Betrachtet man einen Börsenkurs wie ein Elektrokardiogramm, dann war die Lage des Bitcoin seit Dezember stabil. Stabil auf Ruhepuls. Nach dem hektischen Auf und Ab seit Juli 2017 schien sich die bekannteste aller Kryptowährungen zu beruhigen, oder anders gesagt: das Interesse daran ebte ab. Scheinbar.

Denn seit Ende April schießt der Kurs wieder in die Höhe und zwar ganz so, als ob dem Patienten eine Adrenalin-Spritze verpasst worden wäre. Von weniger als 4000 Euro ging es in kürzester Zeit Richtung 8000 Euro. Am Dienstag notierte der Bitcoin nur noch rund 200 Euro von dieser Marke entfernt. Diese Kursexplosion erinnert an die Rally im Sommer vor zwei Jahren, als die Kryptowährung zeitweise rund 20 000 Euro wert wahr.

Nun ist die Phantasie zurück im Markt, wie es im Sprech der Anleger häufig heißt. Allenthalben werden neue Kursziele ausgerufen, darunter sehr hohe, die den Markt weiter stimulieren dürften. Mark Yusko, Chef der US-Investitionsberatung Morgen Creek, sieht zum Beispiel das Potenzial, dass ein Bitcoin in einem Jahrzehnt eine halbe Million US-Dollar Wert sein könnte. Andere Prognostiker sagen voraus, dass in näherer Zukunft bis zu 50 000 Dollar drin sein könnten.

Diesen Vorhersagen sollte allerdings mit großer Vorsicht begegnet werden, schließlich fällt es den Marktbeobachtern schon schwer, den aktuellen Kursanstieg fundiert zu erklären. Was auch immer vorgebracht wird, überzeugt nicht endgültig. Da ist zum Beispiel die Erklärung, dass fallende Börsen zu einer Flucht der Anleger in den Bitcoin und andere Kryptowährungen führten, die – trotz ihrer hochspekulativen Natur – plötzlich als sichere Häfen gelten sollen. Andere glauben, dass die Consensus 2019, ein bloß dreitägiges Branchenevent Mitte Mai, die Nachfrage stimuliert habe.

Am überzeugendsten ist allerdings die Erklärung, die zugleich am unbefriedigsten ist: Die Kurse steigen, weil sie steigen. Und weil sie einmal angefangen haben zu steigen, steigen sie weiter: ein neuer Spekulationszyklus wurde in Gang gesetzt. Dahinter können sich auch große Player verbergen, die mit ihren Käufen bewusst das Signal in den Markt gegeben haben, dass es wieder aufwärts gehe. Mehrere Untersuchungen sind in der Vergangenheit zu dem Ergebnis gekommen, dass der Kryptowährungsmarkt aufgrund seiner Intransparenz extrem anfällig für Manipulationen ist. Eine Studie der Uni Texas kam zu dem Ergebnis, dass der große Bitcoin-Preisanstieg 2017 großteils Ergebnis von Manipulationen war.

Der auf Wirtschaftsblasen spezialisierte US-Ökonom Nouriel Roubini warnt vor Kryptowährungen: „Sie sind in Bezug auf Wertspeicherung nicht stabil.“ Durch den Crash, der auf den Preisanstieg 2017 folgte, hätten „Millionen von Menschen … ihr letztes Hemd verloren.“

Das alles besagt nicht, dass Kryptowährungen nicht die Zukunft der Finanzwirtschaft sein können. Die zugrundeliegende Blockchain-Technologie enthält einige vielversprechende Möglichkeiten, zum Beispiel die dezentrale Abwicklung von Finanzgeschäften. Auch könnte der Bitcoin im Wert durchaus steigen, unter anderem deshalb, weil die Stückzahl limitiert ist – unabhängig von der Nachfrage. Aber für den gewöhnlichen Anleger ist es viel zu früh, sein Geld in Kryptowährungen zu tauschen.

Mitspekulieren im Krypto-Kasino darf nur, wer sein ganzes eingesetztes Geld – ohne dass es ihn juckt – verlieren kann.

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