+
Sieht sein Unternehmen in der Verantwortung: Joe Kaeser. 

Siemens

„In der Krise und in Notfällen muss der Staat Zugriff haben“

  • schließen

Siemens-Chef Joe Kaeser über Corona-Hilfe und wachsenden chinesischen Einfluss.

Der Hautpflegekonzern Beiersdorf stellt Desinfektionsmittel zur Verfügung, der Chemieriese BASF hat mehr als 100 Millionen Atemschutzmasken organisiert, Siemens startet nun einen Hilfsfonds - in der Corona-Krise engagieren sich manche Konzerne gesellschaftlich. Siemens-Chef Joe Kaeser erklärt im Interview, was er mit dem Hilfsfonds erreichen will, in den er aus eigener Tasche eine Million Euro eingezahlt hat, und warum er von einem Gehaltsverzicht des Vorstands wenig hält.

Herr Kaeser, Siemens richtet einen Corona-Hilfsfonds ein. Was genau wollen Sie erreichen?

Dieser Hilfsfonds ist Teil eines größeren Programms, mit dem Siemens Betroffenen der Corona-Krise weltweit helfen will. Beispielsweise organisieren wir seit einigen Wochen bereits Schutzmasken für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen. Und wir helfen den Herstellern von Atemmasken bei der Beschleunigung des Hochlaufs der Produktion. Wir machen unsere 3D-Druckplattformen zugänglich und ermöglichen unseren medizinisch ausgebildeten Mitarbeitern auf freiwilliger Basis und bei Fortzahlung ihres Lohns, in Gesundheitseinrichtungen mitzuarbeiten. Mit dem jetzt ins Leben gerufenen Hilfsfonds wollen wir die Folgen der Pandemie für Gesundheitseinrichtungen und Betroffene mit großzügigen Sachspenden abfedern und Testkapazitäten erhöhen.

Wie genau soll der Fonds gefüllt werden?

Siemens begreift sich als Teil der Gesellschaft und deshalb ist es uns auch sehr wichtig, dass wir in dieser Krise unseren Beitrag leisten ohne die unternehmerischen Interessen zu vernachlässigen. Jede Spende eines Mitarbeiters verdoppelt Siemens und lässt das Geld dem Fonds zukommen. Alles ist natürlich freiwillig und soll nur diejenigen ansprechen, die in dieser historischen Krise helfen wollen und können.

Dann sollte der Vorstandsvorsitzende mit gutem Beispiel vorangehen. Geschieht das auch?

Der gesamte Vorstand unterstützt das Projekt. Jeder zahlt einen erheblichen Betrag in den Hilfsfonds ein. Und da die Mitarbeiter ein Interesse und ein Recht haben, zu wissen, was der Chef hier tut, habe ich meinen Beitrag offengelegt.

In der Krise wird auch über Gehaltsverzicht debattiert. Warum entschließen Sie sich als Vorstand nicht auch dafür?

Wir haben uns ganz bewusst für einen Hilfsfonds entschieden. Geringere Vorstandsgehälter vergrößern doch nur den Gewinn des Unternehmens und davon profitiert nur eine Interessengruppe. Wir wollen in dieser Krisenzeit den Betroffenen der Pandemie helfen. Deshalb haben wir uns für einen Hilfsfonds entschieden, der die Bedürfnisse der allermeisten Stakeholder adressiert.

Sie haben jüngst sinngemäß gesagt, kein Siemens-Mitarbeiter werde durch die Corona-Krise seinen Job verlieren. Gilt das auch für den Fall, dass wir länger mit den Folgen der Pandemie zu tun haben werden?

Ich habe gesagt, dass wir bei kurzfristigen Schwankungen keine Jobs abbauen wollen. Aktuell beobachten wir die Situation und sind überzeugt, mit Kurzarbeit und anderen Mitteln die negativen Folgen der Wirtschaftskrise gut abfedern zu können.

China öffnet sich bereits wieder und startet wirtschaftliche Aktivitäten früher als Europa oder die USA. Wird China nach Corona noch mächtiger sein?

Chinas Wirtschaft hat nach einem drastischen Einbruch anscheinend wieder Fuß gefasst. Ob dieses eine dauerhafte Erholung ist, wissen wir aber noch nicht. Auch China ist an die Globalisierung gebunden und davon abhängig, dass auch die Volkswirtschaften in Europa und den USA nicht in der Krise stecken bleiben. Wir müssen also abwarten. Es ist zu früh für finale Bewertungen.

In dem Zusammenhang wird immer wieder vor chinesischen Übernahmen von Unternehmen in Europa gewarnt. Sehen Sie die Gefahr auch?

Auch wenn das schmerzhaft ist: Hier sollten für alle die gleichen Rechte gelten, und damit wäre es in Ordnung, wenn chinesische oder andere ausländische Unternehmen deutsche Firmen akquirieren. Allerdings müssen diese Regeln in beide Richtungen gelten. Und das ist heute nicht automatisch der Fall. Wenn aus einer systemischen Ungleichheit Vorteile für eine Region entstehen, dann müssen wir handeln.

Was meinen Sie damit genau?

Jedes Land oder jede Wirtschaftsgemeinschaft muss systemrelevante, kritische Infrastruktur absichern. In der Krise und in Notfällen muss der Staat darauf Zugriff haben. Das kann zum Beispiel jetzt in der Corona-Krise auch für gesundheitsrelevante Unternehmen gelten.

Interview: Gordon Repinski

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare