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Die Wirtschaftselite tagt und plaudert in Davos: Statt Wohlfühlatmosphäre herrscht bei vielen Managern Unsicherheit vor.

Davos

Die Krise lässt sich nicht wegzaubern

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos fahren die Teilnehmer genauso unsicher ab, wie sie gekommen sind.

Von HANNES KOCH

Davos. Es klingt ein bisschen, als wolle er die Welt neu erschaffen. Wenn Klaus Schwab spricht, hört es sich an, als ließe sich - wäre man nur guten Willens - eine Art Paradies auf Erden einrichten. Alle Menschen würden sich an den Händen fassen und endlich das tun, was getan werden muss, um den Planeten zu einem besseren Ort zu machen.

Schwab (70), der hochgewachsene, hagere Gründer und Organisator des Weltwirtschaftsforums im Schweizer Bergort Davos, liebt eine Sprache, in der es von allumfassenden Vokabeln nur so wimmelt. In seiner Eröffnungsrede forderte er Manager, Wissenschaftler und Spitzenpolitiker auf, einen "ganzheitlichen Ansatz" zu wählen, keines der von ihm identifizierten 36 Weltrisiken - darunter Klimawandel, Terror und Bevölkerungswachstum - außer Acht zu lassen, die "wirkliche Kooperation aller Stakeholder" anzustreben und die "Weltwirtschaft wieder aufzubauen".

Kein leichtes Programm für fünf Tage. Morgen endet das 39. World Economic Forum, der informelle Weltgipfel der Wirtschaftselite. Aber wenn der gebürtige Ravensburger Schwab auf Englisch mit sehr deutschem Akzent zu den Mächtigen dieser Welt spricht, schafft er eine weiche Atmosphäre, die den harten Alltag für eine Weile vergessen lässt. Sinnfragen dürfen gestellt werden. Die Entscheidungsträger genießen den ungezwungenen Rahmen. Sie kommen nicht im Business-Outfit, sondern ohne Krawatte und tragen Schuhe mit Profilsohlen.

In diesem Jahr aber zeigten sich deutlich die Grenzen, die Schwabs Herangehensweise gesetzt sind. Wenn er versuchte, die Finanzkrise wegzureden, quasi hinfortzuzaubern, wollte das nicht funktionieren. Die Krise erwies sich als hartnäckig, sie blieb.

Anders als das Motto des diesjährigen Forums - "Die Welt nach der Krise gestalten" - suggeriert, sind die Turbulenzen nicht vorbei. Es kann sogar sein, dass sie noch zunehmen. Nouriel Roubini, Ökonomie-Professor aus New York, nannte ein Szenario, das seiner Einschätzung nach mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent eintreten könne: "Dem Abschwung würde eine lange Depression folgen, die mit der japanischen Erfahrung vergleichbar wäre." Bislang lag Roubini mit seinen Annahmen richtig. Als einer der ersten hatte er vor zwei Jahren das heraufziehende Unheil prognostiziert.

Und Roubini stand in Davos nicht alleine da. Unterstützung bekam er von Medien-Unternehmer Rupert Murdoch. "Die Leute sind traumatisiert, die Krise wird sich noch verschärfen, die Werte verfallen weiter", sagte Murdoch.

Innerhalb der Business-Community fehlt ein Konsens, wie man reagieren soll. Nicht einmal eine Mehrheitsmeinung existiert. Allenfalls deutet sich schemenhaft an, dass Kooperation und Multilateralismus angesichts der aktuellen Malaise für wichtiger gehalten werden als früher.

Einen "Mangel an Kooperation" beklagte in Davos etwa Ferit Sahenk, der Chef der türkischen Dogus Gruppe. Er forderte "mehr Multilateralismus", mehr Zusammenarbeit zwischen Staaten, um zu einem die Ökonomie stabilisierenden Rahmen zu kommen. "Und wie bitte soll dieser Multilateralismus aussehen?", fragte Stephen Roach, Asien-Chef der in der Krise gestrauchelten früheren Investmentbank Morgan Stanley.

"Wir brauchen einen Hund, der beißt und nicht nur bellt", verlangte Roach, da es keine Institutionen gibt, die eine gemeinsame Aufsicht über die Finanzmärkte ausüben könnten. "Haben Sie diesen Hund schon getroffen?", hakte der Moderator nach. Antwort des Morgan-Stanley-Managers: "Nein, nirgendwo." Darauf das Schlusswort des Moderators: "Diese Session war nicht lustig. Trotzdem, Folks, habt ein schönes Davos."

Die Bankchefs wissen nicht weiter. Sie sind tief verunsichert. Mehrere Institute stehen am Abgrund. Es bleibt ihnen nichts übrig, als die verhasste Intervention des Staates zu akzeptieren - in der Hoffnung, baldmöglichst wieder auf sie verzichten zu können. Ein positives Verhältnis zur neuen Regulierung durch die Politik zu entwickeln, gelingt nur den wenigsten.

Hinzu kam beim Wirtschaftsforum, dass die Interessengegensätze zwischen den wichtigen Staaten trotz aller Harmonie-Bestrebungen - natürlich - bestehen blieben. Aus den großen Schwellenländern Russland und China kamen die Regierungschefs Wladimir Putin und Wen Jiabao nach Davos und stellten sich der Debatte - allerdings in gewissen Grenzen.

Als Schwab den chinesischen Premier vor großem Auditorium fragte, wie viel Prozent Wachstum das Land brauche, um die sozialen Spannungen im Griff zu behalten, gab Wen Jiabao die Wachstumserwartung für 2009 bekannt. Das Ziel von acht Prozent wurde allgemein als beachtenswert und ehrgeizig eingestuft - vor Beantwortung der Frage hatte sich der Chinese damit gedrückt.

Nach solchen Übungen wurden auch die Grenzen des neuen Multilateralismus deutlich. Weder Wen Jiabao noch Putin wollten darauf verzichten, auf den USA herumzuhacken, die mit keinem hochrangigen Amtsträger vertreten waren. Die chinesische Premier merkte süffisant an, dass es ein Problem darstelle, wenn ein Land zu viel konsumiere und zu wenig spare. Unausgesprochen blieb: Dieses Problem habe China ja nicht.

Putin spottete darüber, wie die damalige US-Außenministerin Condoleezza Rice vor einem Jahr in Davos die Aussichten der amerikanischen Wirtschaft schöngeredet habe. "Nur zwölf Monate später existiert die Wall Street nicht mehr", amüsierte sich der russische Ministerpräsident mit gewohnt starrer Miene.

Vollends scheiterte Schwabs Friedensmission am Donnerstag Abend. In der Diskussion über den Nahost-Konflikt hielt Israels Präsident Schimon Peres eine leidenschaftliche Rede über die Notwendigkeit des Krieges in Gaza. Als der türkische Ministerpräsident Tayyib Erdogan antworten wollte, drehte ihm der Moderator das Mikrofon ab - aus Zeitgründen, wie er sagte. Erdogan verließ darauf den Saal mit den Worten: "Ich komme nicht mehr nach Davos, weil sie mich nicht sprechen lassen." Allerdings relativierte er diese Aussage später.

Schließlich liegt es auch am Charakter des Weltwirtschaftsforums selbst, dass Schwabs Weltbeglückungsfantasien nur mäßigen Widerhall fanden. Viele Unternehmensvertreter stehen dem, was der Spiritus Rector als "unser aller Agenda" bezeichnet, eher gleichgültig gegenüber. Sie nutzen das Treffen in den Alpen als eine Plattform für ihre eigenen Interessen. Vor morgens bis abends rennen sie von einem Business-Meeting zum nächsten. Ein Mitarbeiter der Rockefeller-Vermögensverwaltung sagte, als er um 23.30 Uhr den Shuttlebus zum Hotel bestieg: "Davos bringt jede Menge sehr reiche Leute zusammen und schickt sie erschöpft nach Hause zurück."

Andere betrachten Davos als Bildungsurlaub. Sie suchen sich ein paar der zahlreichen Workshops heraus, die über Konsumkritik, Nachhaltigkeit, Lateinamerika oder Gesundheitspolitik gehalten werden. Man reist nach Davos, um mal etwas anderes zu hören - und um Ski zu fahren. Das Wintersportgebiet der Parsenn ist schließlich eine Attraktion.

Wenn es normalerweise heißt "business as usual", so lautete das inoffizielle Motto des Wirtschaftsforums in diesem Jahr eher "crisis as usual". Es wird schon irgendwie weitergehen.

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