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Der ehemalige Wirecard-Chef ist verschwunden.

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Der Krimi ist lange nicht zu Ende

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    vonThomas Magenheim-Hörmann
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Der gefeuerte Wirecard-Manager Jan Marsalek ist eine Schlüsselfigur des Skandals. Er ist möglicherweise auf den Philippinen. Dort sind 1,9 Milliarden Euro verschwunden.

Jan Marsalek war lange Jahre die rechte Hand des ehemaligen Wirecard-Chefs Markus Braun. Zudem ist er für das Asiengeschäft des um seine Existenz bangenden Dax-Konzerns zuständig gewesen, wo das Epizentrum aller mutmaßlichen Betrügereien liegt. Der philippinische Justizminister Menardo Guevarra vermutet ihn im ostasiatischen Inselstaat, meldeten mehrere Medien. Er sei vom 3. bis 5. März dort gewesen und es gebe einige Hinweise, dass er vor kurzem zurückgekehrt sei und sich noch immer dort aufhalte, erklärte der Minister.

Gegen Marsalek ermittelt seit Anfang Juni die Staatsanwaltschaft. Ob gegen ihn ein Haftbefehl wie gegen Braun vorliegt, lässt die Justiz offen. Es gilt als wahrscheinlich, womit der von Wirecard gefeuerte Manager auf der Flucht wäre.

Marsalek will auf den Philippinen angeblich wichtige Dokumente beschaffen, die zur Aufklärung des Falls beitragen können, will die „Süddeutsche Zeitung“ erfahren haben. Ein Auslieferungsabkommen mit Deutschland haben die Philippinen nicht. Die philippinische Einwanderungsbehörde habe „Merkwürdiges“ zu Marsalek in der Datenbank gefunden, erklärte Guevarra ohne genauer zu werden. Auch philippinische Behörden ermitteln im Wirecard-Skandal.

Auf Treuhandkonten der beiden philippinischen Banken BDO und BDI sollten eigentlich gut 1,9 Milliarden Euro lagern, die Wirecard als Sicherheit für bargeldlose Zahlungsdienstleistungen dienen. Die Konten existieren aber nicht. Dokumente, die ihre Existenz zunächst bestätigt haben, erwiesen sich als Fälschung. Die enorme Geldsumme ist bislang unauffindbar.

Der in München zeitweise inhaftierte Ex-Chef des Zahlungsdienstleisters ist indessen seit Dienstagnachmittag wieder auf freiem Fuß. Er habe dafür fünf Millionen Euro Kaution hinterlegt und muss sich nun wöchentlich bei der Polizei in München melden, teilten die Behörden mit. Zuvor hatte Braun einen Großteil seiner einst sieben Prozent Aktienanteil am von ihm mitgegründeten Konzern trotz herber Kursverluste seit voriger Woche verkauft. Das geht aus einer Wirecard-Pflichtmitteilung an die Börse hervor. Braun, den Wirecard einmal zum Milliardär gemacht hat, ist gemessen am verkauften und noch existierenden Anteilsbesitz immer noch Multimillionär.

Indessen hat die deutsche Finanzaufsicht Bafin ihre Strafanzeige gegen Wirecard erweitert. Anfang Juni hatte sie bei der Staatsanwaltschaft München Anzeige wegen irreführenden Aussagen in zwei Wirecard-Pflichtmitteilungen erstattet. In einer Nachtragsanzeige zieht die Bafin nun auch die Bilanzen der Jahre 2016 bis 2018 in Frage. Es bestehe der Verdacht, dass dort Umsätze und Vermögensgegenstände überhöht und damit falsch dargestellt worden sind. Das deckt sich mit Erkenntnissen von Wirtschaftsprüfern und Staatsanwälten.

Das Schicksal von Wirecard selbst könnte sich indessen diese Woche entscheiden. Im Fokus steht dabei ein Ende Juni auslaufender Kredit eines Bankenkonsortiums über zwei Milliarden Euro. Sollte er nicht verlängert werden, droht Wirecard ein existenzgefährdender Liquiditätsengpass.

Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete am Mittwoch, dass die Banken Wirecard einige Tage Aufschub geben wollen. Sie wollten zunächst die langfristige Überlebensfähigkeit des Unternehmens prüfen. Die Beratungsfirma FTI ist dem Vernehmen nach im Auftrag der Kreditgeber dabei, Wirecard zu durchleuchten.

Möglicherweise reicht ein Entgegenkommen der Banken aber nicht mehr aus. Denn nach Bloomberg-Informationen wenden sich erste Wirecard-Kunden vom Unternehmen ab. Genannt werden unter anderem ein Fahrdienstleister aus Singapur und der französische Telekomkonzern Orange.

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