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Die „Star Wars“-Geldmaschine gehört von nun an zum Disney-Dienst.

Streaming

Krieg der Serien

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Apple und Disney greifen mit ihren neuen Plattformen die Branchenriesen Netflix und Amazon Prime Video an. Doch ein größeres Angebot bedeutet nicht unbedingt mehr Vielfalt.

Der Wettbewerb um die bunten TV-Bilder wird härter: Apple und Disney haben ihre eigenen Streamingdienste gestartet – und fordern die Branchenriesen Amazon und Netflix heraus. Wenige globale Konzerne bestimmen künftig, welche Geschichten die ganze Welt hört und sieht. Ist die kulturelle Vielfalt in Gefahr?

Eins ist klar: Die alte TV-Welt stirbt – und globale Milliardenkonzerne wollen sie neu erfinden. Vor einigen Tagen hat Apple in 100 Ländern, darunter Deutschland, seinen Streamingdienst AppleTV+, gestartet – mit überschaubarem Angebot zwar, aber mit um so größeren Ambitionen. Der Disney-Konzern erweitert in den USA sein Angebot mit Disney+. Im Frühjahr 2020 kommt der Streamingdienst auch nach Deutschland. Weitere US-Anbieter stehen in den Startlöchern.

Das private lineare Fernsehen kämpft ums Überleben – Streaming ist das Modell der Zukunft. Zu bequem, zu reichhaltig ist das Angebot, um daran zu zweifeln.

In der Branche ist bereits vom „Streaming War“ die Rede. Es ist ein kreativer Krieg um die Aufmerksamkeit eines verwöhnten Publikums – und um die besten Geschichtenerzähler. Der große Verlierer heißt Hollywood, denn der Exodus von Autoren, Stars und Filmemachern hin zu den Streamern ist atemberaubend. Der neue Film von Martin Scorsese etwa – „The Irishman“ mit Robert de Niro, Al Pacino und Joe Pesci – ist eine Netflix-Produktion. Er startete am Donnerstag.

Netflix war bisher das popkulturelle Schlemmerbüffet der Stunde. Der Streaming-Pionier dominierte die Welt des abrufbaren Fernsehens. Die Firma führte das „Golden Age of Television“ zu voller Blüte, verhalf dem Selektivglotzen zum Durchbruch und machte die TV-Hochglanzserie endgültig zur kulturell einflussreichsten Erzählform der Gegenwart.

Der Gründer und Chef von Netflix, Reed Hastings, genießt stets milde lächelnd seine Rolle als Stachel im Pelz der alten Studios. Und nun? „Die Wettbewerber bedrängen uns, das wird spannend“, sagt der 59-Jährige. „Am Ende ist sicher kein Platz für 20 Streaminganbieter. Aber es werden mehrere sein. Wir müssen uns eben unverzichtbar machen.“

Öffentlich-rechtliche Sender bauen ihre Mediatheken aus

Vor kurzem hat die ARD ihre Mediathek aufgefrischt – diese sieht nun auch aus wie die globale Konkurrenz von Netflix bis Amazon. Die Oberfläche wirkt leicht und elegant mit großen Vorschaubildern, die Navigation ist deutlich komfortabler. Auch das ZDF hat seiner Abruf-Videothek ein zeitgemäßes Äußeres verpasst. Und eines haben beide sogar dem Streamingneuling Apple TV+ voraus: ARD und ZDF bieten eine Merkliste.

Die neuen Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender sind die Antwort des linearen Fernsehens auf den Siegeszug des Abruf-Fernsehens – und sie sind längst mehr als ein Notnagel für zu spät gekommene „Tatort“-Fans. Denn auch ARD und ZDF spüren den Wandel bei der TV-Nutzung. Der scheidende NDR-Intendant Lutz Marmor befand: „Unsere Mediatheken müssen sich viel stärker an den Bedürfnissen der Zuschauer orientieren.“

Im kommenden Jahr will die ARD erstmals 20 Millionen Euro in Inhalte investieren, die nur in der Mediathek zu sehen sein werden. Seit Jahren denken ARD und ZDF auch über eine gemeinsame Mediathek nach. Ein erster Vorstoß namens „Germany’s Gold“ war 2013 am Kartellrecht gescheitert.

Pro7-Chef Conrad Albert warb zuletzt wieder verstärkt für eine gemeinsame „Super-Mediathek“ der privaten und der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland – als Alternative zu globalen Konkurrenten wie Netflix, Amazon Prime oder Youtube.

Auch BR-Intendant Ulrich Wilhelm und Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner unterstützen den Plan grundsätzlich. Dafür müsste allerdings das Kartellrecht geändert werden.

Hastings ist kein Mann der Furcht. Der David ist zum Goliath geworden. Der Siegeszug von Netflix mit seinen 158 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten weltweit (in Deutschland dürften es fünf bis sechs Millionen sein) hat die schlafenden Riesen geweckt. „Disney+ ist das wichtigste Projekt meiner bisher 14-jährigen Amtszeit“, sagt Disney-Chef Bob Iger. Bis 2024 will er auf 60 bis 90 Millionen Abonnenten kommen. Und anders als bei Netflix ist das Arsenal von Disney prallt gefüllt mit heißer Eigenware: Marvel-Filme, Pixar-Klassiker, die „Star Wars“-Geldmaschine, die „Simpsons“, „Piraten der Karibik“ – all das gehört zum Disney-Dienst.

Apple dagegen startet bei Null. Der iPhone-Konzern will sein geschlossenes Ökosystem zur Verbesserung der Kundenloyalität mit Qualitäts-Entertainment füttern und gibt Käufern seiner Hardware AppleTV+ für ein Jahr kostenlos dazu. Bisher aber sind nur neun Serien abrufbar, darunter das bestürzend konventionelle Comedy-Drama „The Morning Show“ mit Jennifer Aniston und Reese Witherspoon über die Querelen hinter den Kulissen einer kriselnden TV-Show, die Weltraum-Reihe „For All Mankind“ von „Battlestar Galactica“-Macher Ron Moore, dazu „Dickinson“ mit Hailee Steinfeld („True Grit“) über die Jugend der Dichterin Emily Dickinson im 19. Jahrhundert und „See“, ein dystopisches Epos, in dem die Menschheit kollektiv erblindet. Ausgerechnet.

Eine Milliarde Dollar investiert Apple angeblich pro Jahr in eigene TV-Inhalte. Tausend mal eine Million. Das klingt nach viel. Aber Apple ist damit eher ein Karpfen im Hechtteich: Netflix gibt jährlich rund acht Milliarden Dollar für Inhalte aus, Amazon Prime Video vier Milliarden, der US-Konkurrent Hulu etwa drei und der Pay-TV-Kanal HBO zwei Milliarden Dollar – immer noch doppelt so viel wie Apple.

Mit seinen 13 Titeln wirkt das Angebot von Apple kümmerlich. Zum Vergleich: Bei Netflix stehen mehr als 1000 Serien und knapp 3000 Filme zum Abruf bereit, Amazon Prime Video kommt auf 600 Serien und 3400 Spielfilme. Quantitativ kann da nur Disney mithalten. Der Maus-Konzern gilt als Favorit im Überlebenskampf der Streaming-Riesen.

Was bedeutet das alles für den Zuschauer? Die Offensive der globalen Märchenerzähler wirkt zunächst wie eine gute Nachricht: Das Angebot steigt, die Zahl der Produktionen ebenso. Doch es ist eine falsche Freiheit. Denn es sind nur fünf US-Konzerne, die künftig die weltweite Fernsehmärchenwelt beherrschen: Amazon, Netflix, Apple, Disney und Warner (HBO). Und die schielen allein auf die nackten Zahlen, auch wenn sie öffentlich ihre Vielfalt feiern. Alle Storys, die für die großen Player interessant sind, müssen global funktionieren. Das heißt: Das Rezept für eine erfolgreiche Serie wird zur Vorlage für einheitliches, televisionäres Fast Food.

Und mehr noch: Apple und Disney wollen „sauber“ sein. Gerade erst stoppte Apple-Chef Tim Cook persönlich die geplante Serie „Vital Signs“ über die Hip-Hop-Ikone Dr. Dre, weil sie Orgienszenen und Kokainkonsum enthalten haben soll. Cook soll bei Dreharbeiten auftauchen und asexuelle Gewaltfreiheit fordern – auch bei Erwachsenenproduktionen.

Wenn aber Apple und Disney unanstößige, den Geschmacksgrenzen des US-amerikanischen Purismus folgende brave Massenware liefern, die auf Knopfdruck in 190 Ländern der Welt abrufbar ist, dann hat das Folgen. Dann definieren wenige kommerzielle Supermächte die Grenzen von Moral und Geschmack.

Apple-Manager Eddie Cue soll TV-Produzenten gar angewiesen haben, den Wachstumsmarkt China nicht in zu negativem Licht zu zeigen. Auch mussten TV-Macher auf Drängen des Konzerns religiöse Symbole wie christliche Wandkreuze vom Set entfernen. Die geplante Apple-Serie „Basterds“ wird nicht erscheinen. Richard Gere sollte darin einen Vietnam-Veteranen spielen, der einen privaten Rachefeldzug plant. Selbstjustiz? In einer Apple-Show? Das war Cook zu heiß. Apple kündigte die Verträge – trotz einer hohen Konventionalstrafe.

Wer heute große Geschichten erzählt, erzählt sie der ganzen Welt. Und so wird plötzlich aus vermeintlicher Vielfalt eng gefasste Einheitsware. Denn die ganze Kraft der Streamer konzentriert sich auf wenige offensiv vermarktete Hochglanzprodukte nach Schema F.

Kollektives Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom: Wie Netflix, Amazon Prime, DAZN und Co. unser Konsumverhalten verändern.

Plötzlich steht ein alter Vorwurf im Raum, den sich Disney schon in den Sechzigerjahren anhören musste: Entertainment-Imperialismus, kulturelle Verödung. Damals hieß es, Walt Disney beute die kulturelle Schatztruhe der Menschheit aus nach disneyfizierbarem Märchenstoff. Heute droht die Netflixisierung des Erzählfernsehens. Was lange ein Qualitätsmerkmal war, könnte zur Monokultur werden.

Richard Schickel schrieb schon 1968: „Die Disney-Maschinerie zwingt jedermann die gleichen lebensbestimmenden Träume auf. Unter kapitalistischen Vorzeichen betrachtet ist sie ein wahres Wunderwerk, in kultureller Hinsicht hingegen im Wesentlichen ein Grauen.“ Möglich, dass sich die Geschichte wiederholt.

Sicher ist: Der Markt wächst. Ein Drittel aller Deutschen nutzt bereits Streamingdienste. „Zeitversetztes Fernsehen wird immer wichtiger“, sagt Jörg Meyer vom TV-Dienstleister Zattoo. „Das Potenzial des Marktes ist noch lange nicht ausgeschöpft.“

Die Streamingdienste im Überblick

Amazon Prime: Neue Blockbuster
Amazon bietet auf seiner Plattform Prime Video Tausende Filme und Serien, darunter sehenswerte Eigenproduktionen wie „The Marvelous Mrs. Maisel“ oder „The Man in the High Castle“. Allerdings sind im Paket nicht automatisch alle Filme mit dabei, besonders neuere kosten nochmal eine einmalige Gebühr fürs Kaufen oder Leihen. Dafür findet man die neuesten Hollywood-Produktionen, und zwar meistens schon wenige Monate nach Kino-Start. Die Kosten liegen bei 7,99 Euro im Monat – dafür spart man die Versandkosten, wenn man etwas bei Amazon bestellt.

Apple TV+: Überschaubar
Apples TV+ ist der seit Langem angekündigte und seit dem 1. November verfügbare Streamingdienst des US-Konzerns. Zu Beginn gibt es nur ein überschaubares Angebot von neun selbst produzierten Serien und vier Filmen, es sollen aber monatlich neue Serien und Filme hinzukommen. Die Übersichtlichkeit und der Bedienkomfort lassen auch noch zu wünschen übrig. Preislich liegt Apple dafür aber auf einem recht niedrigen Niveau: 4,99 pro Monat – Käufer von Apple-Geräten erhalten das TV-Angebot ein Jahr gratis dazu.

DAZN: Sport en masse
Der Sport-Streamingdienst mit dem eigenartigen Namen (eine Ableitung von „The Zone“, gesprochen „Da Zone“), ist 2016 auf den deutschen Markt gekommen. Dazn zeigt 24 Sportarten. Neben Fußball unter anderem Basketball, Baseball, Boxen, Darts, Eishockey, Rugby, Tennis und Randsportarten wie Sportfischen. Der Dienst kostet 11,99 Euro im Monat, im Jahresabo 9,99 Euro monatlich.

Disney+: Star Wars exklusiv
Disney+ soll nach dem Start in den USA am 31. März 2020 auch nach Deutschland kommen. Der Hintergrund: Disney will die Vermarktung seiner Filme und Serien nicht mehr Netflix und Amazon überlassen, sondern selbst profitieren. Das bedeutet, dass Produktionen der hauseigenen Studios Pixar, Lucasfilm oder Marvel und damit beliebte Filme wie „The Avengers“ oder die neuen Teile der „Star Wars“- Reihe künftig ausschließlich auf Disney+ zu sehen sind. Die Kosten liegen bei 6,99 Euro pro Monat.

Joyn: Deutsche Mediatheken
Joyn ist der Name einer Plattform, auf der sich deutsche Sender zusammengeschlossen haben, um sich gemeinsam gegen die internationalen Branchengrößen zu behaupten. Joyn wurde 2017 von ProSiebenSat.1 und Discovery gegründet, damals zunächst unter dem Namen 7TV. Es umfasst die Mediatheken von derzeit zwölf Sendern und ist kostenlos.

Netflix: Riesiges Angebot
Netflix startete 1997 als Onlinevideothek – und ist heute der produktivste Streamingdienst sowie Vorbild für zahlreiche Nachahmer. Netflix will moderner als die Konkurrenz sein und achtet auf Diversität der Inhalte; der Streamingdienst begreift sich als liberales Sprachrohr der Branche. Es gibt zahlreiche Eigenproduktionen, wie „Stranger Things“ oder „Dark“, dazu kommen lizenzierte Filme und Serien. Beachtlich ist die große Auswahl an Dokumentationen. Das Abo gibt es ab 7,99 Euro pro Monat, für 15,99 Euro im Monat kann man Netflix auf vier Geräten gleich- zeitig in Ultra HD nutzen.

Sky: Hochwertige Serien
Sky, der Nachfolger von Premiere, bietet hochwertige Serien (zum Beispiel das viel gerühmte „Chernobyl“), Filme – und vor allem sehr viel Sport. Das Serien- und Filmpaket kosten je 9,99 Euro im Monat, das Sportpaket 29,99 Euro/Monat. Dazu gibt es flexiblere Tagestickets.

TV Now: Privates Fernsehen
TV Now ist das Portal der RTL-Gruppe mit ihren Sendern von Vox über N-TV bis Toggo. Eine werbefinanzierte Basisversion wird um eine Premiumvariante ergänzt (für 4,99 Euro/Monat).

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