Die Aidablu der Reederei Aida Cruises vor dem Ostseebad Warnemünde – noch ohne Passagiere. Die Reedereien setzt jetzt auf Kurzreisen.
+
Die Aidablu der Reederei Aida Cruises vor dem Ostseebad Warnemünde – noch ohne Passagiere. Die Reedereien setzt jetzt auf Kurzreisen.

An Bord

Kreuzfahrtschiffe fahren wieder: Ohne Landgang und ohne Bar

  • vonHermannus Pfeiffer
    schließen

Die Schiffstouristik nimmt nach der Corona-Pause wieder Fahrt auf. Mit dem früheren Vergnügen an Bord der Luxusliner hat das wenig zu tun. Die Werftindustrie schöpft dennoch Hoffnung.

  • Nach langer Pause durch Corona dürfen die Kreuzfahrtschiffe den Hafen für Kurzreisen verlassen.
  • Die Corona-Pandemie hat die Kreuzfahrtbranche hart getroffen.
  • Noch immer sind Tausende Seeleute an Bord gefangen.

Eine Traumreise sieht anders aus. Alle Kabinen wurden vor Ankunft der Gäste desinfiziert; die Sonnenliegen auf dem Deck des Kreuzfahrtschiffes sind mit einem Abstand von zwei Metern platziert. Die Passagiere haben für ihre Anreise ein enges Zeitfenster zugewiesen bekommen, um größere Ansammlungen im Hamburger Terminal zu vermeiden. Das Einchecken erfolgt dann kontaktlos. Vor dem Zutritt zum Urlaubsschiff wird eine Messung der Körpertemperatur durchgeführt. „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser“, heißt es bei TUI Cruise.

Kaum scheint die Corona-Pandemie abzuklingen, wollen die großen Kreuzfahrtreedereien ihre Schiffe wieder losschicken. An diesem Freitag startet als erstes „Mein Schiff 2“ von Hamburg aus. Es gehört der Reederei TUI Cruise, einem Gemeinschaftsunternehmen des deutschen Reisekonzerns TUI und der amerikanischen Royal Caribbean Cruises, des weltweit zweitgrößten Kreuzfahrtkonzerns.

Corona: Gäste müssen sich auf einige Änderungen während der Kreuzfahrt einstellen

Die erste Fahrt führt nach Norwegen, dauert lediglich drei Tage und endet wieder in Hamburg. Aus Sicherheitsgründen begrenzt TUI Cruises die Kapazität an Bord auf maximal 60 Prozent. „Alles inklusive“ gibt es den Spaß für die etwa 1700 Gäste in der Doppelkabine ab 599 Euro.

Doch mit den Vor-Corona-Reisen hat die aktuelle Tour wenig gemeinsam. Buffets mit Selbstbedienung wird es auf der Reise nicht geben, an den Bars werden die Sitzplätze gesperrt, Poolparties fallen aus, das Unterhaltungsprogramm wird „klein, aber fein“. Landgänge sind gestrichen. Und die weiteren drei- bis viertägigen Kurzreisen im August bestehen ebenfalls ausschließlich aus Seetagen. Die Reederei spricht daher von „Blauen Reisen“.

In der Kreuzfahrtindustrie herrscht dennoch Aufbruchsstimmung. „Nach dem coronabedingten Stillstand sind nun die Weichen für eine Wiederaufnahme des Kreuzfahrtbetriebs gestellt“, freut man sich beim Dachverband Cruise Lines International Association (Clia).

Kreuzfahrt während Corona: Sicherheit von Passagieren und Crew soll an erster Stelle stehen

Bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie hatte kein Tourismussektor so viel Rückenwind gespürt: Mehr als zweieinhalb Millionen Passagiere wurden 2019 laut Clia allein in Deutschland gezählt – doppelt so viele wie vor einer Dekade. Weltweit gingen im vergangenen Jahr 30 Millionen Gäste an Bord. 2020 sollten es über 32 Millionen sein. Vor allem in Asien hoffte die noch von amerikanischen und europäischen Reedereien dominierte Branche auf zweistellige Zuwachsraten. Dann kam Corona.

Flaute

Die Meyer-Werft , eines der größten und modernsten Schiffbauunternehmen der Welt, hat seit Montag die Produktion am Stammsitz Papenburg für sechs Wochen fast komplett heruntergefahren.  Die Corona-Pandemie hat auch die Kreuzfahrtschiffbranche hart getroffen. Der Tourismus ist im Sinkflug, und neue Schiffe benötigt die Branche derzeit nicht – die Meyer-Werft muss in ihrem 225. Jubiläumsjahr kämpfen.

Doch nun heißt es wieder „Leinen los“. In einer konzertierten Aktion hatten am 9. Juli die wichtigsten Kreuzfahrer ihren Restart angekündigt. Hapag-Lloyd Cruises wird Ende Juli die „Hanseatic Inspiration“ auf Reise schicken. Für die maximal 150 Passagiere geht es in die dänische „Südsee“. Und Anfang August legt die „Aida Perla“ der Rostocker Reederei mit bis zu 2500 Gästen ab.

Unter der Federführung des Hamburger Senats hatten zahlreiche Behörden, Hafenadministrationen und der Kreuzfahrtverband gemeinsam einen Zehnpunkteplan für den Neustart erarbeitet. Damit sei Seetouristik auch in Zeiten von Corona möglich, macht Clia in Optimismus. In der Branche ist anderseits eine gewisse Bangigkeit zu verspüren. Die Sicherheit von Passagieren und Crews stehe an erster Stelle, heißt es. Und wie vor dem Start der Fußball-Bundesliga gibt es Zweifel, ob alles gutgeht.

Kreuzfahrt von Corona schwer getroffen: Rettungsplan ist in Arbeit

Kritik hagelte es bereits während der Corona-Pause. Umweltverbände, Grüne und Linke wiesen auf die Luftbelastung durch geparkte Pötte hin, deren Dieselmotoren Tag und Nacht laufen, um Strom für ihren Hafenbetrieb zu produzieren. Allein in Hamburg lagen zeitweilig sieben Kreuzfahrtschiffe fest. Bundestagsabgeordnete fordern eine Deckelung auf 5000 Passagiere.

In der Werftindustrie schnauft man dennoch durch. Auch wenn der Weltmarktführer, die Meyer-Werft im niedersächsischen Papenburg, die Lage durchaus kritisch sieht. Das Orderbuch war eigentlich auf Jahre gefüllt. Gerade läuft die Endausrüstung des 50. Kreuzfahrtschiffes. Doch weitere Aufträge werden neu verhandelt, und die Insolvenz eines größeren Kunden könnte Meyer ein gefährliches Leck schlagen. Bis 2023 sollten allein sieben Kreuzfahrtschiffe mit dem vergleichsweise emissionsarmen Flüssiggasantrieb gebaut werden. Am Montag begannen nun für die meisten Beschäftigten die auf sechs Wochen verlängerten Betriebsferien.

In der Zwischenzeit wird mit Politik und Gewerkschaft an einem Rettungsplan gefeilt. Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU): „Der Werftstandort in Papenburg ist für das gesamte Land Niedersachsen von herausragender Bedeutung.“ Bereits vor Wochen hat in Mecklenburg-Vorpommern die rot-schwarze Regierung von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) ein Rettungspaket für die MW-Werften an der Ostseeküste geschnürt. Der Tourismuskonzern Genting aus Asien hatte vor vier Jahren die drei früheren DDR-Flaggschiffe übernommen, um Traumschiffe für den asiatischen Markt quasi am Fließband zu produzieren.

Corona und Kreuzfahrt: Noch immer Tausende an Bord gefangen

Doch auch an Bord geht es um viel. Corona hat die mehr als 1,1 Millionen Seeleute, die auf den mehr als 300 Kreuzfahrtschiffen weltweit arbeiten, ins Mark getroffen. Noch immer sind Abertausende an Bord gefangen, weil sie nicht in ihre Heimatländer einreisen können. Und die meisten arbeiten mit einem Vertrag über zehn Monate oder sogar nur Halbjahreskontrakten. Ende offen.

Daniel Friedrich, Bezirksleiter IG Metall Küste, macht den Besatzungen lieber Mut: „Mittelfristig sehen wir für den Kreuzfahrtmarkt eine gute Perspektive.“ Mit einem gemeinsamen Kraftakt müsse man nun Schiffbau und Schifffahrt durch die Corona-Krise navigieren.

Nachdem die Tourismusbranche auch an Land durch die Corona-Lockerungen aufatmen konnte, leidet Österreich unter einem herben Rückschlag: In St. Wolfgang kommt es zu einer beunruhigenden Infektionswelle.

Kommentare