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Die Menschen, die zuletzt ins Land kamen, waren zudem eher jünger, gesünder und erwerbsfähiger als erwartet.

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Krankenkassen droht 50-Milliarden-Loch: Kein Grund zur Panik

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Wissenschaftler sagen den Krankenkassen ein enormes Defizit voraus. Das sollte man ganz entspannt sehen. Die Analyse.

Es droht mal wieder was. Und diese Wortwahl ist meist ein schlechter Anfang für eine sachliche Diskussion. Denn wo etwas bedroht ist, ist die Panik nicht mehr weit. Und Panik führt zu unüberlegtem Handeln. Insofern ist es unglücklich, dass am Mittwoch nun wieder landauf, landab berichtet wurde, dass der gesetzlichen Krankenversicherung im Jahr 2040 eine Finanzlücke von 50 Milliarden Euro drohe.

Die Zahl bezieht sich auf eine Studie, die von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegeben worden ist. Wissenschaftler sollten vorhersagen, wie sich Einnahmen und Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung in den kommenden zwei Jahrzehnten entwickeln werden. Die Stiftung selbst verzichtet bei der Wiedergabe der Ergebnisse übrigens auf Alarmtöne. Das wäre auch nicht angebracht.

Warum? Zunächst, weil 20 Jahre ein langer Zeitraum sind. Denken Sie nur mal zurück, wie sie vor 20 Jahren auf das neue Jahrtausend angestoßen haben und was seither alles passiert ist. Zum Beispiel sind deutlich mehr Menschen nach Deutschland gekommen als erwartet.

Prognosen sollten mit Vorsicht behandelt werden

Diese Entwicklung hat frühere Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung über den Haufen geworfen. So sagte das Statistische Bundesamt 2004 bereits ab 2010 eine „spürbarer werdende Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung in Deutschland“ voraus. Und was meldeten die Statistiker in diesem Juni? Das hier: „In Deutschland leben mehr Menschen als je zuvor.“

Die Menschen, die zuletzt ins Land kamen, waren zudem eher jünger, gesünder und erwerbsfähiger als erwartet. Das hat dazu geführt, dass die Krankenkassen weniger ausgegeben und mehr eingenommen haben als erwartet. „Wir haben mit unseren bisherigen Prognosen danebengelegen“, räumte deshalb die Chefin des Spitzenverbandes der Krankenkassen, Doris Pfeiffer, im Sommer 2017 ein. Durch die neuen Krankenkassenmitglieder wurde sogar die Alterung des Versichertenkollektivs gestoppt.

Die Beispiele zeigen, dass alle Prognosen mit Vorsicht behandelt werden sollten, insbesondere dann, wenn sie versuchen, mit scheinbar perfekter Präzision – 50 Milliarden Euro! 2040! – Entwicklungen über sehr lange Zeiträume vorherzusagen. Sie sind zwangsläufig mit sehr vielen Unsicherheiten behaftet.

Es ist nicht möglich, die Gesundheitspolitik von heute an den Erfordernissen von 2040 auszurichten

In diesem Fall muss abgeschätzt werden, wie viele Menschen es bis dahin in Deutschland geben wird und wie gesund sie sein werden. Weitere wesentliche Faktoren sind der medizinische Fortschritt und die Angebotsentwicklung. Zudem muss die Wirtschaftskraft als Finanzierungsgrundlage der Gesundheitsversorgung prognostiziert werden - auch das keine einfache Aufgabe in Zeiten von Sprunginnovationen und massiven und schnellen Umbrüchen.

Das zeigt: Es ist gar nicht möglich, die Gesundheitspolitik von heute an den Erfordernissen von 2040 auszurichten. Der Wert solcher Prognosen liegt nicht darin, dass sie plakativ Zahlen in den Raum stellen. Sie zeigen idealerweise vielmehr Risiken und Chancen auf, mit denen die Gesundheitspolitik dann kontinuierlich arbeiten muss.

Dadurch werden häufig auch vermeintlich besorgniserregende Entwicklungen handhabbar. So ist der Bankrott des Gesundheitssystems schon oft vorhergesagt worden. Doch letztlich hat sich der Anteil der Gesundheitsausgaben an der Wirtschaftsleistung kaum verändert: von 10,1 Prozent zur Jahrtausendwende auf 11,5 Prozent 2017.

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