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In einer Studie der Bertelsmann Stiftung raten Experten, von derzeit 1400 Krankenhäusern nur 600 größere und bessere zu erhalten. Nur Kliniken mit großen Fachabteilungen und vielen Patienten hätten ausreichend Erfahrung für eine sichere Behandlung, lautet ein Hauptargument.

Gesundheitsversorgung

Viele Krankenhäuser verzichtbar? Studie sorgt für Aufreger erster Güte

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Mehr als die Hälfte der Kliniken in Deutschland sind verzichtbar, behauptet eine Studie. Kritiker warnen vor einem Kahlschlag.

Mit einem Aufreger erster Güte hat die Bertelsmann-Stiftung am Montag aufgewartet: Sie schlägt vor, mehr als die Hälfte der Krankenhäuser in Deutschland zu schließen. In Zukunft solle es weniger, dafür aber größere Kliniken geben, heißt es in der Untersuchung, die vom Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) im Auftrag der Stiftung erstellt wurde. In der gesundheitspolitischen Szene löste der radikale Reformvorschlag eine hitzige Debatte aus.

„Eine Reduzierung der Klinikanzahl würde zu einer besseren medizinischen Versorgung der Patienten in Deutschland führen“, erläuterte Bertelsmann-Gesundheitsexperte Jan Böcken am Montag die Studie. Viele Krankenhäuser in Deutschland seien derzeit schlecht ausgestattet und verfügten aufgrund zu geringer Patientenzahlen in vielen Behandlungsgebieten nicht über die notwendige Erfahrung, um Eingriffe bestmöglich durchzuführen. Mit größeren Häusern, so Böcken, ließen sich viele Komplikationen und Todesfälle vermeiden. „Ebenso gingen damit eine bessere Ausstattung, eine höhere Spezialisierung sowie eine bessere Betreuung durch Fachärzte und Pflegekräfte einher.“

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Krankenhäuser - Weniger ist mehr 

Der Analyse wurden die 1364 Kliniken zugrundegelegt, die in den Krankenhausplänen der Bundesländer verzeichnet sind. Insgesamt gibt es in Deutschland 1942 Krankenhäuser, darunter aber zum Beispiel auch psychiatrische Kliniken, die in der Studie nicht berücksichtigt wurden. Den Autoren zufolge verfügen 666 deutsche Kliniken über 100 Betten oder weniger. Das führe zu niedrigen Behandlungszahlen und in der Folge zu einer unzureichenden Behandlungsqualität wegen fehlender Erfahrung der Ärzte.

Auch bemängeln die Studienautoren, dass in kleinen Häusern nicht genügend Mediziner vorhanden seien, um zum Beispiel rund um die Uhr einen HNO-Facharzt bereitzuhalten. Weiter führe der Wettbewerb der Krankenhäuser um Patienten und Fehlanreize in der Vergütung dazu, dass mehr behandelt werde, als eigentlich nötig sei. Etwa fünf Millionen Patienten könnten zudem statt stationär auch ambulant operiert werden. Das alleine entspreche der Kapazität von rund 500 mittelgroßen Kliniken.

Bemängelt wird von den Experten auch die technische Ausstattung. So verfügte 2017 zum Beispiel jede dritte Klinik nicht über einen Computertomografen und 61 Prozent nicht über ein Gerät für die Koronarangiographie. „Oft fehlt sowohl die Ausstattung als auch die Erfahrung, um typische Notfälle wie Herzinfarkt und Schlaganfall zu versorgen.“

Ein schnell zu erreichendes Krankenhaus, das schlecht ausgestattet und dessen Personal wenig spezialisiert sei, sei für Patienten weniger wertvoll als ein Haus, das etwas weiter weg liege, dafür aber eine gute Versorgungsqualität biete, so die Studienautoren. Dabei gebe es gerade in den Ballungsräumen Potenzial, kleinere Häuser zu schließen und die Versorgung in größeren zu bündeln.

Bundesweit könnte die Zahl der Krankenhäuser auf weniger als 600 sinken

Am Beispiel der Region Köln-Leverkusen zeigen die Autoren, dass auf 24 der 38 Häuser verzichtet werden könnte. Bundesweit könne die Zahl auf weniger als 600 sinken, dabei sei bereits berücksichtigt, dass auf dem Land die Wege zur nächsten Klinik nicht zu lang werden sollten.

Auf die Studie gab es am Montag sehr unterschiedliche Reaktionen. „Studien, die einen Konzentrationsprozess mit einer derart drastischen Zahl von Krankenhausschließungen befürworten, werden der Situation und dem Bedarf vor Ort nicht gerecht“, sagte Verena Göppert, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Städtetags, der Frankfurter Rundschau. Eine wohnortnahe Grundversorgung, eine zeitnahe Notfallversorgung und Spitzenmedizin in den Häusern der Maximalversorgung müssten gewährleistet bleiben.

„Erschütternd“, nannte der Sozialexperte des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Uwe Lübking, die Untersuchung. „Mich hätte eher die Modellregion Uckermark oder Schwäbische Alp interessiert.“ In vielen Regionen mangele es bereits heute an niedergelassenen Ärzten. „Wenn da die Krankenhäuser schließen, ist überhaupt nichts mehr da“, so Lübking. Zu bedenken seien auch Notfallsituationen. „Da sind wir gemeinsam mit dem Deutschen Roten Kreuz der Auffassung, dass wir heute schon zu wenige Krankenhausbetten haben.“ Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, sprach von einer „Zerstörung von sozialer Infrastruktur in einem geradezu abenteuerlichen Ausmaß“.

Grundlegende Diskussion über zukünftige Gesundheitsversorgung in Deutschland nötig

Für eine stärkere Zentralisierung sprach sich der Verbraucherzentrale Bundesverband aus. „Eine grundlegende Diskussion über die zukünftige Gesundheitsversorgung in Deutschland ist notwendig“, sagte Gesundheitsexperte Kai Vogel. Ausschlaggebend für eine qualitätsgesicherte Versorgung der Patienten seien eine gute technische Ausstattung der Häuser und erfahrene Ärzte. „Hier gibt es in der Praxis spürbare Unterschiede. Der Vorschlag der stärkeren Zentralisierung ist daher richtig und im Sinne der Patienten, da er dazu beiträgt die Versorgung zu verbessern“, so Vogel. Zugleich müsse die regionale Versorgung und die Erreichbarkeit im Notfall gesichert sein.

Auch der Spitzenverband der Krankenkassen reagierte positiv auf die Studie. „Inhaltlich teilen wir viele Aspekte“, so eine Sprecherin. „Gerade in den Ballungszentren haben wir zu viele Kliniken, die sich Konkurrenz um Patienten und Personal machen.“

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