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Kraftwerke machen zu wenig Kohle

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Von: Frank-Thomas Wenzel

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Noch unter Dampf: Das Braunkohlekraftwerk Weisweiler von Eon.
Noch unter Dampf: Das Braunkohlekraftwerk Weisweiler von Eon. © dpa

Der Betrieb vieler Kraftwerke rechnet sich nach Ansicht der Energiekonzerne nicht mehr. RWE und Eon legen deshalb mehrere Anlagen still. Grund ist auch der steigende Anteil von Energie aus erneuerbaren Quellen.

RWE-Chef Peter Terium hatte schlechte Nachrichten für seine Aktionäre: „Der Betrieb vieler Kraftwerke rechnet sich nicht mehr“, schreibt der Manager im Konzern-Zwischenbericht für das erste Halbjahr. Das zeige sich auch an den Geschäftszahlen für die ersten sechs Monate. Der Nettogewinn sank um ein Drittel auf eine Milliarde, da Kraftwerke in den Niederlanden heftig an Wert eingebüßt haben. Der maßgebliche Grund für die Nöte des Konzerns: Durch den Ausbau der erneuerbaren Energiequellen wird der Energiemarkt umgekrempelt.

Terium jedenfalls will jetzt so schnell wie möglich seine Kraftwerkskapazitäten herunterfahren. Noch in diesem Quartal sollen drei Gasturbinen in deutschen Kraftwerken eingemottet werden – „langfristige Konservierung“ heißt das bei RWE. Die Anlagen können bei steigender Nachfrage reaktiviert werden. In den Niederlanden sollen ein Gaskraftwerk Ende 2013 und ein Kohlekraftwerke 2016 stillgelegt werden. Außerdem will der Konzern in den nächsten zwölf Monaten Verträge für Nutzungsrechte von Kohlekraftwerken des Versorgers Steag nicht verlängern.

Alles in allen wird der Essener Konzern Kapazitäten von 4265 Megawatt vom Netz nehmen. Und das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Drei weitere Kohlekraftwerke stehen, wie es im Konzern heißt, unter „intensiver Beobachtung“. Schon fast entschuldigend schreibt Terium im Zwischenbericht, dass die Sache mit der mangelnden Rentabilität „die gesamte Branche“ treffe.

Doch damit hat er Recht. Der größere Konkurrent Eon hat in Europa bereits Anlagen mit einer Kapazität von 6500 Megawatt vom Netz genommen. Mehr als 11.000 Megawatt sollen es am Ende werden, betont Konzernchef Johannes Teyssen.

Geringere Nachfrage

Zwei Faktoren machen den Konzernen zu schaffen. Durch die Konjunkturkrise in vielen europäischen Ländern lahmt die Nachfrage nach Strom. Zudem muss die subventionierte Energie aus erneuerbaren Quellen bevorzugt in die Netze eingespeist werden. Besonders mittags fällt viel Sonnenstrom an, wenn gleichzeitig der Bedarf groß ist. Früher wurde die Nachfrage mit Elektrizität aus Gaskraftwerken gedeckt. Heute werden sie nicht mehr gebraucht. Allenthalben stünden zahlreiche Anlagen zur Disposition, die abgeschaltet würden, wenn die nächste Revision ansteht, erläutert ein Insider.

„Ich sehe seit Monaten die Entwicklungen auf dem Kraftwerksmarkt mit Sorge“, sagte Hildegard Müller, Geschäftsführerin der Branchenlobby BDEW, der FR. Zu den Stilllegungen komme eine „neue Eiszeit“ beim Bau neuer Kraftwerke. Sie fordert deshalb „ein Übergangsinstrument, das die Versorgungssicherheit gewährleistet.“ Der Hintergrund: In der Vergangenheit wurde immer wieder aus den Reihen der großen Konzerne die Gefahr eines Blackouts an die Wand gemalt. Das Szenario: Zuerst müssen Stromerzeuger konventionelle Kraftwerke wegen mangelnder Rentabilität abschalten. Doch wenn es kalt wird, die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, gehen die Lichter aus.

Diese Gefahr ist inzwischen gebannt. Die Bundesregierung hat im Juni die „Reservekraftwerksverordnung“ erlassen. Betreiber können seither dazu gezwungen werden, ihre Kraftwerke weiterlaufen zu lassen, wobei unter Aufsicht der Bundesnetzagentur dafür eine Aufwandsentschädigung ausgehandelt wird.

Die Gewerkschaft IG BCE hält von diesem Instrument wenig: „Das ist schlichtes Polizeirecht und keine Basis für eine dauerhafte Problemlösung.“ Auch für Müller ist das „Zwangsabschaltverbot keine adäquate Reaktion“. Vor allem bemängelt sie fehlende Transparenz. Der BDEW fordert, dass für die strategische Reserve ein Auktionsverfahren eingeführt wird: Anlagenbetreiber bewerben sich um die Reservekapazitäten. Der Günstigste kommt zum Zug. Bald nach der Bundestagswahl müsse dann in einem zweiten Schritt, so Müller, ein neues „Marktdesign“ angegangen werden, das erneuerbare und konventionelle Energie miteinander verschränke.

"Konzerne werden weiter schrumpfen"

Stromkunden werden Stromhersteller, sagt der Energieexperte des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Holger Krawinkel, und skizziert ein neues Energieversorgungssystem.

Herr Krawinkel, große Energiefirmen legen Kraftwerke. Sind die Konzerne noch zu retten?

Der Schrumpfungsprozess der Konzerne wird weitergehen. Das ist vergleichbar mit dem Verkehrssektor in den 50er und 60er Jahren, als die Eisenbahn durch das Auto abgelöst wurde. Dieser Prozess lässt sich nicht mehr aufhalten. Die Verbraucher sehen das auch so.

Wie meinen Sie das?

Wir haben eine Befragung gemacht, nach der nur noch 28 Prozent der Verbraucher meinen, die Stromerzeugung sollte eine Aufgabe der Stromkonzerne bleiben.

Und wer übernimmt dann die Rolle der Konzerne?

Knapp die Hälfte aller Verbraucher strebt an, sich selbst mit Strom zu versorgen. Neben den privaten Haushalten wollen das aber auch kleinere Gewerbebetriebe – gerade mittels Solarenergie, die immer günstiger wird. Die Entwicklung von Batteriespeichern wird diesen Trend noch beschleunigen.

Heißt das, dass RWE und Co. gänzlich verschwinden werden?

Die Energiekonzerne haben die Chancen im Vertrieb noch nicht erkannt – mit einer Kombination aus schlüsselfertigen Solaranlagen, Beteiligungen an Windparks, Batteriespeichern, der Steuerung der Elektrogeräte im Haus und einer Art Reststrom-Versicherung – falls der Wind nicht weht, die Sonne nicht scheint und die Batterie leer ist. In einer „Industrialisierung“ dieses Angebots liegt die Chance der Energiewirtschaft. Die Energieversorgung wandert in den Konsumgüterbereich, wie einst der Transport durch das Auto. Das neue Konsumgut heißt nicht mehr Kilowattstunde, sondern Autonomie oder Selbstversorgung. Darin steckt ein riesiges Potenzial auch für Stromkonzerne, das weit größer als die heutige zentrale Stromerzeugung ist.

Aber wir werden noch immer konventionelle Großkraftwerke brauchen, um die Versorgung zu sichern. Doch für die Konzerne lohnt es sich immer weniger.

Das Wirtschaftsministerium hat sich ein relativ raffiniertes Konzept ausgedacht, mit dem es auf die Androhung, Kapazitäten massiv stillzulegen reagiert: Legt ruhig still, aber im Zweifelsfall schreiten wir ein und verfügen, dass das Kraftwerk gegen eine Entschädigung für den finanziellen Aufwand weiterbetrieben werden muss.

Eine halbe Verstaatlichung von Kraftwerken.

Versorgungssicherheit ist nun einmal ein öffentliches Gut. Ich gehe aber davon aus, dass die großen Übertragungsnetzbetreiber über kurz oder lang dazu übergehen, solche Reservekapazitäten auszuschreiben oder diese Anlagen selbst zu betreiben.

Das vergrößert die Macht der Netzbetreiber massiv. Ist das nicht gefährlich?

Zur Kontrolle gibt es die Netzagentur, die jetzt schon die Versorgungssicherheit überwacht. Zudem geht es nicht um viel Geld. Das Vorhalten von Reservekapazitäten dürfte den Stromkunden künftig nur 0,2 oder 0,3 Cent pro Kilowattstunde kosten.

Die Trennung von Netz und Erzeugung sollte eigentlich mehr Wettbewerb bringen. Das würde wieder zurückgedreht.

Bereits heute sind die Netzbetreiber als natürliche Monopole für die Versorgungssicherheit zuständig – also dafür, dass zum Beispiel die Spannung im Stromnetz konstant bleibt. Die Erweiterung der Zuständigkeit ist gedanklich kein großer Schritt. Jetzt kommt als neues Betriebsmittel die Gasturbine hinzu, die das Stromsystem stabilisiert und damit den Blackout verhindert.

Ihr Konzept läuft auf ein neues Versorgungssystem hinaus. Ist das durchsetzbar?

Die Politik wird getrieben werden, und zwar durch die Verbraucher, die sich zunehmend Solaranlagen und Batteriespeicher kaufen oder mieten und das System von unten her verändern. Ich bin sehr optimistisch.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

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