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Krebsmedikamente verursachen aber 13,2 Prozent der Arzneimittelausgaben in Deutschland.

Gesundheitsbranche

Kosten für Medikamente steigen stark

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Deutsche Krankenkassen gaben so viel für Medikamente aus wie noch nie. Die teuersten Therapien kosten bis zu 747.000 Euro pro Jahr und Patient.

Die deutschen Krankenkassen haben im vergangenen Jahr mit fast 40 Milliarden Euro so viel für Arzneimittel ausgegeben wie nie zuvor. Verantwortlich für den Kostenanstieg, der 2017 mit 3,7 Prozent gut doppelt so hoch ausfiel wie die Inflationsrate, sind patentgeschützte Arzneien, insbesondere gegen Krebs, Erkrankungen des Immunsystems und schwere virale Infekte.

So entfallen zwar nur 0,2 Prozent der verordneten Tagesdosen auf Krebsmedikamente, sie verursachen aber 13,2 Prozent der Arzneimittelausgaben, wie der Arzneimittelverordnungsreport des AOK-Bundesverbands und der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft zeigt. Der Kostenanteil patentgeschützter Medikamente von rund 18,5 Milliarden Euro im Jahr 2017 sei in den vergangenen 20 Jahren von 33 auf 45 Prozent der gesamten Arzneimittelausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gestiegen, sagte der Heidelberger Pharmakologe und Mitherausgeber des Report, Ulrich Schwabe, am Donnerstag in Berlin.

Allein die Ausgaben für die 20 führenden Patentpräparate im Jahr 2017 bezifferte Schwabe mit sieben Milliarden Euro: ein Plus von 16,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bei elf der 34 neuen Arzneien, die 2017 in Deutschland zugelassen wurden, liegen die Jahrestherapiekosten laut Report zwischen 101.000 und 747.000 Euro. Sind diese Kosten angemessen? Sehr häufig nicht, lautet die Antwort Schwabes. So ist nur für zwei der elf teuersten Neupräparate ein erheblicher oder beträchtlicher Zusatznutzen nachgewiesen, für drei weitere ein geringer. Im Umkehrschluss bedeutet das: Sechs der extrem kostspieligen patentgeschützten Medikamente sind medizinisch nicht besser als schon vorhandene.

Frühere Preissenkungen für Medikamente

Gleichwohl können sie in Deutschland im ersten Jahr nach der Zulassung zu Preisen auf den Markt gebracht werden, die die Hersteller frei festlegen können und die von den Krankenkassen zu zahlen sind. Erst nach einem Jahr erfolgt eine Kosten-Nutzen-Bewertung, was in der Regel beträchtliche Preissenkungen zur Folge hat. Eine zentrale Forderung des Reports lautet daher, dass der aus der Kosten-Nutzen-Analyse ermittelte Preis künftig vom ersten Verkaufstag an gelten sollte.

Ausreichen wird dies laut Report aber nicht, um den Ausgabenanstieg zu bremsen. Ein besonders hochpreisiges Segment bilden etwa die Biologica, die mit bio- und gentechnischen Verfahren hergestellt werden. Sie verursachten 2017 der GKV Nettokosten von 11,3 Milliarden Euro. Der durchschnittliche Wert pro Verordnung lag mit 600 Euro zehnmal so hoch wie im Schnitt aller Arzneimittel.

Pharmafirmen tricksen

Zwar kommen nach Ablauf des Patentschutzes billigere Nachahmerprodukte, die Biosimilars, auf den Markt. Die Preise für diese Präparate liegen aber auch nur gut zehn Prozent unter denen für die Originalprodukte – und das hat seinen Grund: Die großen Biosimilar-Hersteller sind nämlich die großen Hersteller der Originalmedikamente. Nur 3,8 Prozent aller Biosimilars liefern unabhängige Unternehmen. Die Großen konkurrieren also mit sich selbst, wenig überraschend auf hohem Preisniveau.

Als anfällig für überhöhte Preise haben sich laut Report auch sogenannte Orphan Drugs erwiesen, die zur Therapie extrem seltener Krankheiten eingesetzt werden. Orphan Drugs sind trotz der geringen Patientenzahlen durchaus attraktiv für die Hersteller, da sie lukrative Konditionen genießen. Um diese Privilegien zu nutzen, wird getrickst: Die Pharmafirmen verengen die therapeutischen Einsatzmöglichkeiten ihres neuen Präparats so weit, bis sie nur noch für 0,05 Prozent der Patienten in der EU infrage kommen und somit die Orphan-Drug-Grenze unterschreiten.

Ergebnis sind sprudelnde Gewinne: 2017 lagen die Gewinne der Pharmafirmen vor Steuern und Abgaben 3,5-mal so hoch wie in der Autobranche. Zu hoch, findet AOK-Vorstandschef Jürgen Litsch: „Die Beitragszahler sind nicht dazu da, Pharmafirmen ihre Traummargen zu finanzieren.“

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