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Selbst Produkte, die als „ohne Tierversuche“ ausgezeichnet sind, sind häufig nicht frei davon.
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Selbst Produkte, die als „ohne Tierversuche“ ausgezeichnet sind, sind häufig nicht frei davon.

Kosmetikindustrie

Kosmetika: An Tieren getestet

  • VonBjörn Hartmann
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Tierversuche für kosmetische Produkte sind in der EU seit 2013 verboten. Trotzdem werden sie noch immer durchgeführt, denn Brüssel widerspricht sich selbst.

Wer in Europa Kosmetika kauft, kann sicher sein, dass die Produkte nichts enthalten, was in Tierversuchen getestet wurde. So will es die entsprechende EU-Richtlinie von 2013. Dennoch sind viele Lippenstifte, Cremes und andere Produkte nicht frei von Tierversuchen, wie eine Studie ergab. Ein Grund: Die EU-Gesetzgebung widerspricht sich selbst.

„Europäische Verbraucher können nicht davon ausgehen, dass die kosmetischen Produkte, die sie kaufen, ohne Tierversuche hergestellt wurden“, sagt Thomas Hartung, Professor für Toxikologie an der Johns Hopkins Universität in Baltimore, Spezialist für Alternativen zu Tierversuchen und einer der Autoren der Studie. Schlimmer noch: „Selbst Produkte, die als ,ohne Tierversuche‘ ausgezeichnet sind, können Stoffe enthalten, die in Tierversuchen getestet wurden.“

Die Kosmetikindustrie als Schuldige zu sehen, ist seiner Ansicht nach falsch. Sie beauftrage keine Tierversuche, sagt Hartung. „Die Industrie hat inzwischen festgestellt, dass die kosmetischen Produkte ohne Tierversuche nicht unsicherer werden.“ Das Problem ist eher die EU, die es doch eigentlich gut meinte.

Chemikalien, die in Europa verwendet werden, müssen bei der Europäischen Chemikalienagentur (Echa) registriert werden. Die Richtlinie dafür gilt seit 2007. Hartung und seine Kolleg:innen, unter anderem vom Europäischen Zentrum für alternative Methoden zu Tierversuchen (Caat-Europe) in Konstanz, haben sich diese Daten angesehen. Von rund 23 000 registrierten Chemikalien werden 3206 in der kosmetischen Industrie eingesetzt, aber nicht ausschließlich. Weil diese Stoffe zum Beispiel auch in Wandfarbe und Waschmittel verwendet werden, sind Tierversuche nach der EU-Chemikalien-Richtlinie möglich und wahrscheinlich, was die Verbots-Richtlinie aushebelt.

Zum anderen: „Es gibt eine widersprüchliche Gesetzgebung“, sagt Hartung. „Die EU hat Tierversuche für Chemikalien, die in Kosmetika verwendet werden, verboten. Gleichzeitig verlangt die Echa, dass für den Arbeitsschutz in der Herstellung der Chemikalien solche Tests gemacht werden müssen. Deshalb steckt die Industrie in einem Dilemma.“

419 Stoffe, so fanden die Studienautor:innen heraus, sind in der EU ausschließlich für Kosmetika registriert. 63 davon wurden an Tieren getestet – sogar nach dem EU-Tierversuchsverbot von 2013. Der Grund: Wenn die Echa fürchtet, dass der Stoff gefährlich für die Arbeiter ist, die ihn herstellen, kann sie Tierversuche anordnen. Das gleiche gilt, wenn unklar ist, welche Folgen eine Chemikalie für die Umwelt hat, ob sie etwa Fischsterben begünstigt, wenn sie in Gewässer gelangt.

„Letzter Ausweg“

„Als letzter Ausweg müssen Chemikalien manchmal an Tieren getestet werden, um mehr über die Wirkung dieser Stoffe zu erfahren“, heißt es bei der Chemiebehörde. Aber auch: Wer Stoffe registriert, dürfe „neue Tests nur dann durchführen, wenn alle anderen maßgeblichen und verfügbaren Datenquellen ausgeschöpft“ seien.

Allerdings kann die Behörde mit Sitz im finnischen Helsinki hartnäckig sein, wie der deutsche Duft- und Inhaltsstoffhersteller Symrise aus Holzminden erfahren musste. Die Echa zwang das Unternehmen 2018 nach langem Verfahren zu Tierversuchen bei zwei Stoffen, jegliche Einwände seitens Symrise wurden abgelehnt. Alternative Testverfahren waren in diesem Fall nicht zugelassen.

Die EU ist mit dem Verbot von Tierversuchen bei kosmetischen Produkten führend. Sie setzt sich auch weltweit dafür ein. In den USA sind Tierversuche erlaubt, um die Sicherheit von Inhaltsstoffen zu ermitteln, aber nicht verpflichtend. China, ebenfalls ein großer Markt für Kosmetik, verlangt Tierversuche – sowohl für im Land hergestellte, als auch eingeführte Produkte.

Das Caat-Europe in Konstanz will helfen, den Konflikt zwischen EU-Kosmetik-Richtlinie und den Regeln der Chemie-Richtlinie REACH aufzulösen. Auf Initiative des Instituts soll ein Aktionsbündnis aus Kosmetikherstellern, Verbraucher- und Tierschützern entstehen. Erste Kontakte gab es bereits.

Die Kosmetikbranche setzte im vergangenen Jahr rund 76,7 Milliarden Euro in Europa um. Größter Einzelmarkt war mit 14 Milliarden Euro Deutschland vor Frankreich mit 11,5 Milliarden Euro und Großbritannien mit 9,8 Milliarden Euro. Größte Hersteller weltweit sind das französische Unternehmen L’Oréal (unter anderem Garnier, Armani), der Mischkonzern Unilever (Dove, Duschdas) aus Großbritannien und die US-Firma Estée Lauder (Aveda, DKNY). In Deutschland steht Beiersdorf (Nivea, Eucerin) an der Spitze.

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