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Ein Labor des Instituts Pasteur im westafrikanischen Senegal – ein von der Weltgesundheitsorganisation zertifizierter Impfstoffproduzent.
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Ein Labor des Instituts Pasteur im westafrikanischen Senegal – ein von der Weltgesundheitsorganisation zertifizierter Impfstoffproduzent.

Vor Merkel-Besuch bei Biden

US-Ökonom fordert Freigabe von Corona-Impfstoffpatenten

US-Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz widerlegt in seinem Beitrag für die Frankfurter Rundschau die zentralen Einwände gegen eine Freigabe von Patenten.

Viele Nichtregierungsorganisationen und mehr als 130 Staaten fordern die vorübergehende Freigabe der Patente auf Corona-Impfstoffe, damit die Vakzine weltweit so schnell wie möglich in ausreichendem Umfang produziert werden können. Einige Länder, auch Deutschland, sind dagegen. Der Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stiglitz, Professor an der Columbia University und Träger des Wirtschafts-Nobelpreises, setzt sich in seinem Beitrag für die FR mit zweien der wichtigsten Gegenargumente auseinander.

Gegenargument 1: Zur Herstellung der hochentwickelten Covid-19-Impfstoffe sind sehr spezialisierte Fachkräfte, eine gut funktionierende Infrastruktur und eine zuverlässige Kühlkette erforderlich. Also alles Voraussetzungen, die nur in wenigen Ländern zur Verfügung stehen.

Stiglitz: Zunächst einmal zu den wirklich alarmierenden Fakten. Erstens: Auch wenn aktuell 3,3 Milliarden Dosen der Vakzine verimpft worden sind, haben bisher nur ein Prozent der Menschen in den armen Ländern wenigstens eine Impfdosis erhalten. Und zweitens: Nach Unicef-Projektion werden weniger als sechs Milliarden der zehn bis 14 Milliarden Dosen, die 2021 benötigt werden, im Rahmen der aktuellen Produktionspläne hergestellt werden. Es gibt also ein massives Unterversorgungsproblem.

Angesichts dieser Tatsachen können wir nur von Glück reden, dass die weit verbreitete Annahme, Hersteller in Entwicklungsländern seien der Aufgabe der Herstellung komplexer Vakzine einfach nicht gewachsen beziehungsweise es gebe dort keine geeignete Infrastruktur, nicht zutrifft. Nehmen wir das Beispiel des Serum Institute in Indien. Seit über einem Jahrzehnt hat diese Firma einen erheblichen Anteil am weltweiten Angebot von Non-Covid-19-Impfstoffen. Viele Deutsche und Amerikaner greifen darauf zurück. Außerdem wurde Anfang der 2000er Jahre seitens der US-amerikanischen Biomedical Advanced Research and Development Authority sowie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in die Herstellung von Grippeimpfstoffen in Zentren auf der ganzen Welt investiert. Als Folge dieser vorausschauenden Investition gibt es heute State-of-the-Art-Impfstoffhersteller in Pakistan (Getz), Bangladesch (Invicta), Ägypten (Vacsera), in Südafrika (Aspen und Biovac), Senegal (Institut Pasteur) und anderswo. Darüber hinaus listet die WHO 19 Hersteller aus mehr als einem Dutzend Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika auf, die ihr Interesse an einem Auf- und Ausbau der mRNA-Impfstoffproduktion bekundet haben.

Corona-Impfstoff kann weltweit produziert werden

Was den meisten Menschen im Westen nicht bewusst ist: Diese Firmen können auch die weltweit verwendeten, biotechnologisch produzierten Impfstoffe für die Viruserkrankung HPV sowie Aids-Medikamente herstellen – und längst nicht nur klassische, chemisch einfach zusammengesetzte Tabletten.

Nicht jedes Land hat einen dieser hochentwickelten Pharmahersteller, aber die Welt braucht nicht in jedem Land einen, um das Gesamtangebot zu erhöhen und um die globale Nachfrage zu decken.

Insbesondere angesichts der vierten Welle des Coronavirus muss sichergestellt werden, dass in jeder Region der Welt zumindest einige Hersteller Zugang zu den Rezepturen und Technologien erhalten, um das Gesamtangebot an die Nachfragezentren anzugleichen und sicherzustellen, dass es keine Versorgungslöcher gibt. Wie immer wieder auch von deutscher Seite betont wird, ist bekanntermaßen niemand vor dem Virus sicher, bis alle sicher sind.

Weltweite Impfstoffproduktion rettet Leben

Das Aussetzen aller Einschränkungen für die Verbreitung des geistigen Eigentums an den Impfstoffen ist der einzige sich anbietende Weg, wenn es schnell gehen soll. Ja, das erfordert natürlich auch einen Technologietransfer sowie zusätzliche Finanzmittel, um in die jeweilige Produktion samt der dazu gehörigen Lieferketten zu investieren.

Die jetzt aufgestellten Behauptungen – ganz gleich ob über fehlendes, hinreichend geschultes Personal, eine schwache Infrastruktur oder mangelhafte Kühlketten – sind identisch mit den Behauptungen aus den frühen 2000er Jahren. Damals drängten Entwicklungsländer auf eine Freigabe der Patente für HIV-Aids-Medikamente. Die damals aufgestellten Vermutungen und Behauptungen erwiesen sich als falsch. Auch ausgeklügelte biologische HIV-Aids-Behandlungen, die eine Kühlkette erfordern, werden jetzt in diesen Weltregionen hergestellt, vertrieben und eingesetzt. Und sie retten Leben unter anderem in ganz Afrika, Lateinamerika und Südostasien.

Joseph Stiglitz war von 1997 bis 2000 Chefökonom der Weltbank.

Gegenargument 2: Aber wird ein vorübergehender, also keineswegs permanenter Verzicht auf geistiges Eigentum nicht die Anreize der Pharmaunternehmen untergraben, weitere Innovationen zu entwickeln, so dass beim nächsten Mal, wenn wir sie brauchen, keine Wunderwaffe wie mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 bereitsteht?

Stiglitz: Es ist wichtig, diese gesamte Debatte richtig einzuordnen. Die sicherlich bahnbrechenden mRNA-Impfstoffe sind das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung. Diese wurde aber von Wissenschaftlern auf der ganzen Welt vorangetrieben, deren Institute und Aktivitäten wiederum zumeist von Regierungen finanziert wurden. Die einschlägige Forschung beruht hingegen nicht – so wie es das jetzt gern aufgestellte Narrativ vorgibt – auf Forschungsleistungen, die durch die Erträge großer Pharmaunternehmen finanziert wurden.

Ein wichtiger und konkreter Beleg hierfür ist, dass ein Teil des geistigen Eigentums, das dem Moderna-Impfstoff zugrunde liegt, den National Institutes of Health in den USA gehört. Und die Innovationen von Biontech, welche der US-Konzern Pfizer fast weltumfassend lizenziert hat, wurden von der deutschen Regierung sowie auch von EU-Mitteln unterstützt. Die großen Pharmafirmen sahen die mRNA-Forschung schlicht nicht als profitabel an.

Corona-Impfstoff-Forschung für Pharafirmen nicht profitabel

Vielmehr waren es seit Ende der 1980er Jahre hartnäckige Wissenschaftler, die weltweit an Universitäten forschten. Die Forschung zur Verwendung synthetischer Boten-RNA oder mRNA zur Behandlung oder Vorbeugung von Krankheiten begann 1978 in Ungarn mit der bahnbrechenden Forschung von Professorin Katalin Karikó. Sie und ihr langjähriger Mitarbeiter Dr. Drew Weissman von der University of Pennsylvania mussten sich um Stipendien für ihre Forschung bemühen.

Seit diesen frühen Tagen arbeiten Forscher aus der ganzen Welt, darunter auch in der Türkei, Thailand, Südafrika, Indien, Brasilien, Indien, Argentinien, Malaysia und Bangladesch, an mRNA-basierten Gesundheitstechnologien. Während die US-Firma Moderna mit erheblicher Unterstützung der US-Regierung seit mehr als einem Jahrzehnt an dieser Plattform forscht, haben also auch andere in verschiedenen Teilen der Welt daran gearbeitet.

All diese staatlich finanzierten Wissenschaftler waren und sind wohl nur sehr selten vom Streben nach persönlichem Reichtum motiviert. Ihnen geht es um das bestmögliche Ergebnis, die Anerkennung und gegebenenfalls den wissenschaftlichen Aufstieg.

Das alles macht vor allem eines deutlich: Es ist kein Naturgesetz, dass hochgradig innovative Forschung von gewinnorientierten Investoren finanziert wird oder werden muss. Wir dürfen auch nicht außer Acht lassen, dass es die Steuerzahler waren, die Milliarden an die Pharmakonzerne überwiesen, um Impfstoffe zu entwickeln. Während der Pandemie haben Regierungen mehr als 112 Milliarden US-Dollar an Pharmaunternehmen überwiesen, hauptsächlich für die Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen.

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