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Fischerei: Korruptionsprozess in Namibia beginnt

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Von: Johannes Dieterich

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Neben dem Tourismus, Uran und Diamanten ist der Fischexport die Haupteinnahmequelle von Namibia.
Neben dem Tourismus, Uran und Diamanten ist der Fischexport die Haupteinnahmequelle von Namibia. © imago/ZUMA Press

In Windhuk beginnt die gerichtliche Aufarbeitung des größen Korruptionsskandals in der jungen Geschichte Namibias. Es geht um die wertvollen Fischereirechte des Landes.

Zweieinhalb Jahre nach der Enthüllung des größten Korruptionsskandals in der 32-jährigen Geschichte Namibias nimmt der Prozess gegen zwei ehemalige Minister des südwestafrikanischen Staats sowie vier weitere Mitangeklagte in der namibischen Hauptstadt Windhuk langsam Fahrt auf. Noch geht es lediglich um die Anträge der Inhaftierten auf Freilassung nach Zahlung einer Kaution. Doch schon jetzt wird die Strategie der Verteidigung deutlich: Sie versucht, den ehemaligen Chef des Namibia-Geschäfts des isländischen Fischkonglomerats Samherji, Jóhannes Stefánsson, als „psychisch kranken Rauschgiftsüchtigen“ und „Kriminellen“ zu diskreditieren.

Der Isländer hatte den Skandal ins Rollen gebracht, als er seinen Job kündigte und mehr als 30 000 in seinem Besitz befindliche Dokumente der internationalen Enthüllungsorganisation „Wikileaks“ zukommen ließ. Stefánssons Angaben zufolge brachte der isländische Fischereikonzern, der auch in Deutschland Geschäftsinteressen verfolgt, die namibische Bevölkerung um Einnahmen in Höhe von Hunderten Millionen US-Dollar.

Den Unterlagen des Whistleblowers zufolge ließ sich die isländische Firma Betrug, Geldwäsche sowie Korruption zu Schulden kommen, indem sie die inzwischen im namibischen Volksmund als „Haifische“ bezeichneten Verantwortlichen für Fischereirechte mit vergleichsweise kleinen Beträgen bestach (insgesamt zehn Millionen US-Dollar) – darunter die ehemaligen Minister für Fischereiwesen, Bernhard Esau, und für Justiz, Sacky Shangala.

Namibia: Skandal um Fischereikonzern aus Island

Gleichzeitig soll die isländische Firma auch wesentlich größere Beträge am namibischen Fiskus vorbei über Scheinfirmen ins Ausland geschleust haben: Sie soll Rechnungen gefälscht und Finanztransfers falsch deklariert haben, wie aus den Unterlagen Stefánssons hervorgeht. Samherjis isländischer Generaldirektor, Thorsteinn Mar Baldvinsson, wurde zwar vorübergehend suspendiert, befindet sich mittlerweile jedoch wieder im Amt. Einem Auslieferungsbegehren Namibias gab Island bislang nicht statt.

Stefánssons Kalkulationen zufolge haben Samherji und ihre namibischen Tochterfirmen zwischen 2012 und 2019 mehr als 120 Millionen US-Dollar Profit erwirtschaftet. Samherjis Umsatz soll sich auf mehr als 500 Millionen Dollar belaufen haben, bei einem Fangvolumen von fast 600 000 Tonnen Fisch, vor allem Makrelen. Insgesamt werden in dem kalten und fischreichen Atlantik vor Namibia jährlich rund 500 000 Tonnen Fisch gefangen. Neben dem Tourismus, Uran und Diamanten ist der Fischexport die Haupteinnahmequelle des Staats, der einen der größten Wohlstandsunterschiede der Welt aufweist. Ein Drittel der Namibier:innen lebt unter der Armutsgrenze.

Fishrot-Skandal: Dreckige Geschäfte mit Fangquoten

Nach der Unabhängigkeit der einstigen deutschen Kolonie und des späteren „Protektorats“ Südafrikas suchte die neue, von der Befreiungsbewegung Swapo gebildete Regierung sicherzustellen, dass die bisher wirtschaftlich vernachlässigte schwarze Bevölkerungsmehrheit in den Genuss von Fischereirechten kommt. Deshalb müssen ausländische Unternehmen mit lokalen Firmen Joint Ventures eingehen, wenn sie an die vom Staat vergebenen Fangquoten kommen wollen.

Im Fall des im Volksmund „Fishrot“ - fauliger Fisch - genannten Skandals hatten die sechs Haifische, unter anderem auch Justizminister Shangala, Firmen gegründet, die bei der Vergabe von Fangquoten bevorzugt behandelt wurden. „Es war unmöglich, an den Haifischen vorbei an Quoten zu kommen“, sagt Whistleblower Stefánsson.

Ein Teil des isländischen Schmiergelds soll auch der regierenden Swapo zugekommen sein. In Namibia wird sogar der Verdacht erhoben, dass Präsident Hage Geingob selbst von den Machenschaften wusste. Eine handgeschriebene Notiz des Justizministers soll belegen, dass er aus den Zuwendungen Samherjis umgerechnet 50 000 US-Dollar an die Swapo weitergeleitet hatte. Damit sollen während der jüngsten Wahlen Stimmen gekauft worden sein.

Das Kalkül der Regierungspartei ging allerdings nicht auf: Bei der Abstimmung im November 2019 rutschte Präsident Geingob von 84 Prozent (2014) auf 56 Prozent ab: Der Fischrott-Skandal war kurz vor den Wahlen bekannt geworden.

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