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Auf der Suche nach Lösungen: Der Internationale Währungsfonds tagt ab heute in Washington.

Konjunktur

Wie wir das Wirtschaftswachstum noch retten können

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Der IWF korrigiert seine Prognose nach unten – die Ideen zur Rettung des Wachstums werden immer kreativer.

Der Frühling ist da. Die Temperaturen steigen, die Tage werden länger und die Pflanzen grüner. Man stelle sich die Enttäuschung vor, wenn die Meteorologen nun ankündigen würden, der Sommer falle aus, der Herbst stehe schon vor der Tür und der Winter nahe. In einer ähnlichen Situation befindet sich die europäische Wirtschaft – und mit ihr die Europäische Zentralbank (EZB). Ökonomen stehen vor einem Rätsel – und lassen zu seiner Lösung alte Tabus fallen.

Laut ökonomischer Theorie ähnelt der Konjunkturzyklus dem Ablauf der Jahreszeiten: Der Krise (Winter) folgt der Aufschwung (Frühling), an den sich Boom (Sommer) und Abschwung (Herbst) anschließen. Doch in Europa scheint der Sommer dieses Mal auszufallen: Obwohl der Boom noch gar nicht da ist, geht es mit der Konjunktur langsam bergab. Prognosen werden reihenweise nach unten korrigiert.

Der Abschwung kommt zu früh – und bringt die Zentralbank in Bedrängnis. Sie hat in der Krise die Zinsen massiv gesenkt und für Milliarden Euro Anleihen gekauft, um das Zinsniveau weiter zu drücken. Das sollte die Kreditaufnahme stärken und Investitionen fördern. Der Aufschwung sollte dann die Arbeitslosigkeit senken, die Nachfrage stärken. Auf den folgenden Anstieg der Inflation hin wollte die Zentralbank dann die Zinsen langsam anheben und so den nächsten Abschwung einleiten. So der Plan. Doch in Europa blieb der Aufschwung lahm, die Inflation steigt nicht – und nun kommt der verfrühte Abschwung, obwohl die EZB noch voll im Krisenmodus ist. Das Problem ist nicht auf Europa beschränkt. „Die hartnäckig niedrige Inflationsrate“, nannte US-Zentralbankchef Jerome Powell jüngst „eine der großen Herausforderungen unserer Zeit.“

Warnung vor galoppierender Inflation ist lange passé

Das sorgt für allgemeine Verwirrung. Alte Gesetzmäßigkeiten gelten nicht mehr. Noch vor Jahren warnte eine ökonomische Theorie-Schule davor, Null-Prozent-Zinsen und Anleihekäufe würden zu explodierender Geldmenge und damit galoppierender Inflation führen. Doch nichts geschah. Andere Ökonomen erhofften sich von der ultralockeren Geldpolitik einen kräftigen Aufschwung mit „gesunder“ Inflation. Doch auch das ist nicht eingetreten.

Die Niedrigzinsen brachten keinen Boom und die sinkende Arbeitslosigkeit keine Inflation. Der Konjunkturzyklus scheint tot und die allmächtigen Zentralbanken machtlos. Das, so Patrick Artus von der französischen Bank Natixis, erklärt die Nervosität an den Finanzmärkten: Die Anleger „haben auf Grund der neuartigen ökonomischen Mechanismen kein klares und stabiles Bild der wirtschaftlichen Entwicklung mehr“.

Um sich auf den Abschwung vorzubereiten, greifen Zentralbanken nun zu Notmaßnahmen. Sowohl in den USA als auch in der Euro-Zone sind angekündigte Leitzinserhöhungen für dieses Jahr abgesagt worden, die EZB bleibt vorerst bei null Prozent. Ursprünglich geplant war auch der Verkauf von Anleihen – immerhin haben sie die Bilanz der EZB auf 4700 Milliarden Euro anschwellen lassen, das entspricht 40 Prozent des BIP der Euro-Zone. In den USA erreicht die Fed 20 Prozent, in Japan sind es sogar 100 Prozent. Doch inzwischen ist statt Abbau der Bilanz eine weitere Aufstockung denkbar. „Die EZB wird vielleicht gezwungen sein, ihre Käufe wieder aufzunehmen“, so Jacob Funk Kierkegaard vom Peterson Institute in Washington.

Um Unternehmen und Konsumenten zur Geldausgabe zu bewegen und so die Konjunktur anzukurbeln, greifen Ökonomen zu immer radikaleren Vorschlägen. So schlug ein Arbeitspapier des Internationalen Währungsfonds (IWF) jüngst Negativ-Zinsen vor – und zwar nicht nur für Bankkonten, sondern auch für Bargeld. Bargeld solle kontinuierlich an Wert verlieren und damit das Sparen unattraktiv machen. Damit wird einer Idee neues Leben eingehaucht, die vor 100 Jahren der Sozialreformer Silvio Gesell vorantrieb – und die ebenso lange heftig bekämpft wurde.

Die Geldpolitik allein dürfte aber überfordert sein mit der Aufgabe, die nächste Krise zu verhindern. Große Aufmerksamkeit erhalten daher inzwischen Argumente gegen staatliche Sparsamkeit. „Die Zentralbank könnte ein bisschen Hilfe von den Finanzministern gebrauchen“, plädiert ABN-Amro-Ökonom Nick Kounis für höhere Defizite. Galten vor ein paar Jahren höhere Schulden noch als Teufelswerk, so hat sich nun der Wind gedreht – nicht wegen der theoretischen Stichhaltigkeit der Argumente, sondern wegen der praktischen Notwendigkeit: Der Abschwung droht.

Angesichts der niedrigen Zinsen für Schulden seien höhere Defizite kaum ein Problem, so Olivier Blanchard, ehemaliger IWF-ChefÖkonom. Entscheidend sei weniger die Schuldenhöhe als vielmehr die Finanzierbarkeit der Schuld. Und da der Zins unter der Wirtschaftswachstumsrate liege, könnten höhere Defizite für den Staat eine lohnende Anlage sein. Ein starker Anstieg des Zinses – und damit Finanzierungsprobleme in der Zukunft – seien kaum zu erwarten, so Blanchard.

Larry Summers: geldschwemme drückt Zinsniveau

Das glaubt auch Larry Summers, Harvard-Professor und ehemaliger Chefökonom der Weltbank und oberster Wirtschaftsberater von Präsident Barack Obama. Sein Argument: Die Zinsen bleiben dauerhaft niedrig, da der Privatsektor zu hohe Ersparnisse aufgebaut hat. Daraus resultiert ein Überangebot an Anlagemitteln, die Geldschwemme drückt das Zinsniveau seit Langem: So lag der reale Globalzins – also der Zins abzüglich Inflationsrate – Anfang 80er Jahre noch bei sechs Prozent. Bis zum Vorfeld der letzten Finanzkrise war er auf drei Prozent gesunken und beträgt derzeit noch etwa ein Prozent. Dass der Zins überhaupt so hoch und nicht stark negativ ist, liegt laut Summers am Staat, der über Verschuldung Ersparnisse aufsaugt und so das Zinsniveau stützt. Insofern seien staatliche Defizite nicht nur schädlich, sondern notwendig.

Summers schließt daraus: „Regierungen sollten gegenüber Defiziten toleranter werden, ebenso wie gegenüber unkonventioneller Geldpolitik oder strukturellen Methoden, Investitionen zu fördern.“

Zu den strukturellen Methoden könnte auch sogenanntes Helikopter-Geld gehören: Blanchard hält es für denkbar, dass die Zentralbank neues Geld schafft und es dem Staat leiht, der damit Infrastrukturprojekte finanziert.

Die praktische Politik ist in ihren Überlegungen zwar noch nicht so weit wie die ökonomischen Theoretiker. Doch auch hier ist Bewegung in die Diskussion gekommen: In Deutschland wird inzwischen von vielen Seiten die kürzlich noch gefeierte Schuldenbremse kritisiert. Angesichts des niedrigen Zinsniveaus „spricht wenig für die Beibehaltung der Schuldenbremse in ihrer bisherigen Ausgestaltung“, so Michael Hüther vom arbeitgebernahen Institut IW.

In der Euro-Zone steigen bereits die Defizite: Italien, Frankreich, Spanien – „alle großen und hochverschuldeten Länder geben derzeit mehr Geld aus, als mit

Regeln für nachhaltige öffentliche Finanzen vereinbar ist“, stellt

Clemens Fuest vom Ifo-Institut fest. Die EU-Kommission dürfte sich angesichts der Lage nachsichtig zeigen.

Und auch andernorts wird versucht, den Abschwung per Kredit aufzuhalten: Chinas Budgetdefizit wird dieses Jahr 4,5 Prozent der Wirtschaftsleistung erreichen nach 3,5 Prozent im letzten Jahr. In den USA ist die Neuverschuldung dank massiver Steuersenkungen bereits explodiert, Washington machte im Februar mit 234 Milliarden Dollar das höchste Februar-Defizit seiner Geschichte. Dazu passend erlebt in den USA die Modern Monetary Theory einen Aufschwung, laut der der US-Staat so viel Geld ausgeben darf, wie er für sinnvoll hält. Denn sollte die Inflation steigen, kann er das Geld über Steuern ja wieder einsammeln.

Auch das zeigt den derzeit offensichtlich geltenden Zusammenhang von Theorie und Praxis: Nicht die ewig geltenden Gesetzmäßigkeiten der ökonomischen Theorie weisen der Politik den Weg. Sondern die praktischen Notwendigkeiten verschaffen den zu ihnen passenden Theorien Geltung. Im Herbst muss man sich warm anziehen, auch wenn laut Kalender noch Frühling ist.

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