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Konflikt um Land

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Von: Hannes Koch

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Indigene mit Geschosshülzen, die laut der Gruppe der Guarani-Kaiowá von einem Angriff eines Farmers stammen.
Indigene mit Geschosshülzen, die laut der Gruppe der Guarani-Kaiowá von einem Angriff eines Farmers stammen. © Marcos Weiske

Die Agravis Raiffeisen AG in Münster importiert Agrarprodukte angeblich von einer brasilianischen Genossenschaft, die in gewalttätige Landkonflikte mit Indigenen verwickelt ist. Ein Fall für das Lieferkettengesetz, das bald wirksam wird.

Hiesige Unternehmen müssen sich ab Januar verbindlicher um die Menschenrechte bei ihren ausländischen Lieferanten kümmern. Welche Herausforderungen das neue Lieferkettengesetz für die Firmen mit sich bringen kann, zeigt der Fall des Agrarhändlers Agravis aus Münster. Ihm wird vorgeworfen, unter anderem Soja von Farmer:innen aus Brasilien zu beziehen, bei denen es zu gewalttätigen Konflikten um Land kommt.

Die Christliche Initiative Romero (CIR), eine entwicklungspolitische Organisation aus Münster, stellt den Fall so dar: Ende Mai habe ein Farmer einen Anwohner der indigenen Gruppe der Guarani-Kaiowá erschossen, als dieser an der Grenze des indigenen Siedlungsgebietes Holz hackte. Dadurch sei im Ort Amambai im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul nahe Paraguay eine alte Auseinandersetzung wieder aufgebrochen: der Konflikt zwischen Großgrundbesitzer:innen, Farmer:innen und Indigenen um die Nutzung desselben Landes. Letztere hätten dann einige Gebiete besetzt – „friedlich“, wie CIR erklärt. Daraufhin hätten Polizei und Farmer:innen mindestens zwei Protestierer:innen erschossen und neun verletzt.

Der Zusammenhang zu Deutschland: Agrarhändler Agravis importiert Soja von der Genossenschaft Coamo, deren Mitglieder bei Amambai große Felder bearbeiten. Nach Angaben von CIR tragen sich die Konflikte auf Land zu, wo Soja und Mais für Coamo und damit potenziell auch für Agravis angebaut werden.

Unter anderem Interviews mit Anwohner:innen würden das belegen. Die Aktivist:innen fordern nun, dass der Futtermittelhändler Verantwortung übernimmt und künftig dafür sorgt, dass es nicht zu Menschenrechtsverletzungen in seiner Lieferkette kommt – wie es das Lieferkettengesetz verlange.

Mit 7,3 Milliarden Euro Umsatz (2021) und 6400 Beschäftigten ist der börsennotierte Konzern Agravis Raiffeisen AG Deutschlands zweitgrößter Agrarhändler.

Auf Anfrage der FR leitete Agravis eine Erklärung von Coamo weiter. Darin heißt es: „Der Besitzer des umstrittenen Landes ist kein Mitglied der Genossenschaft.“ Außerdem würden die Produkte, die die Firma verkaufe, nicht auf „irregulärem“ Land hergestellt, also nicht auf indigenen Flächen, die sich die Farmer:innen widerrechtlich angeeignet haben.

Mehr wollte das Unternehmen nicht zu dem Konflikt sagen. So steht Aussage gegen Aussage.

Aber reicht diese sparsame Reaktion der Firma aus? In wenigen Monaten, wenn das Lieferkettengesetz wirksam wird, wohl nicht mehr.

„Grundsätzlich gilt, dass Unternehmen identifizierte Risiken und Vorfälle sowie ergriffene Maßnahmen veröffentlichen müssen“, sagte Markus Löning. Der ehemalige Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung betreibt eine Beratungsfirma für Unternehmensverantwortung.

Menschenrechtliche Risiken

„Das Lieferketten-Sorgfaltspflichten-Gesetz nennt Landrechte als eines der menschenrechtlichen Risiken, die Unternehmen zu beachten haben“, erklärte Löning. Das betreffe direkte Zulieferer, unter bestimmten Umständen auch deren Vorlieferanten. „Die wesentliche Pflicht ist es, Risiken zu verringern oder Vorfälle zu beenden, soweit der nötige Einfluss da ist.“

Vor diesem Hintergrund sagte Dominik Gross von CIR: „Wir gehen wir davon aus, dass Coamo keine ausreichenden Präventionsmaßnahmen vorgenommen hat und damit Coamo und Agravis gegen das Lieferkettengesetz verstoßen.“ Der deutsche Agrarhändler müsse „angemessene Abhilfemaßnahmen“ treffen, um die Menschenrechtsverletzungen „zu minimieren oder zu beenden“. Wenn das nicht helfe, könnten auch die Geschäftsbeziehungen zu Coamo infrage stehen.

Von Januar 2023 an müssen sich alle hiesigen Firmen mit mehr als 3000 Beschäftigten an das Lieferkettengesetz halten. Unter anderem die Rechte auf Arbeitssicherheit, Gewerkschaftsfreiheit, fairen Lohn, Land und sauberes Trinkwasser der Arbeiter:innen und Anwohner:innen von Zulieferern in aller Welt sind dann besser geschützt. Die deutschen Auftraggeber müssen die Risiken in ihren Lieferketten analysieren, wenn nötig verringern und öffentlich darüber berichten. Tun sie es nicht, drohen Bußgelder und Prozesse vor Gericht.

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