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„Die effizienteste ,Rechenmaschine’ ist das menschliche Gehirn.“

Künstliche Intelligenz

„Da kommt ein Tsunami“

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Remi El-Ouazzane, Chef der Sparte künstliche Intelligenz bei Intel, über autonom fahrende Schiffe, Fortschritte in der Medikamentenentwicklung und die Chancen für Mittelständler.

Wenn es richtig kompliziert wird, steigt bei Remi El-Ouazzane die Stimmung. Der Experte für künstliche Intelligenz (KI) schildert im Interview mit leuchtenden Augen die Möglichkeiten, die höchst avancierte Software bietet – etwa wenn es um die Entwicklung neuer Medikamente geht. Der Manager, der beim US-Chiphersteller Intel arbeitet, weiß aber auch, dass künstliche Intelligenz für viele Unternehmen radikale Umbrüche bedeuten wird: „Da kommt ein Tsunami“, sagt El-Ouazzane. Der deutsche Mittelstand werde sich deswegen in den nächsten fünf Jahren komplett umstrukturieren müssen.

Herr El-Ouazzane. Alle reden von künstlicher Intelligenz. Ist dieser Hype berechtigt?
Der Gebrauch des Begriffs nimmt tatsächlich manchmal inflationäre Züge an. Aber der Einsatz von künstlicher Intelligenz in beinahe jedem Geschäftsfeld hat seine Berechtigung. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir machen mit dem Triebwerk- und Schiffstechnikhersteller Rolls-Royce gerade große Seeschiffe autonom.

Wann werden diese Schiffe starten?
Die reguläre Fertigung soll 2025 beginnen. Wir testen aber bereits zwei autonom fahrende Schiffe, die unter anderem mit Ultraschall- und Thermosensoren sowie visuellen System mit hoher Auflösung arbeiten. Daraus entstehen dreidimensionale Landkarten mit Hindernisse und Gefahren für die Schiffe. Der Autopilot des Schiffs wird mit diesen Daten gefüttert. Das ist wirklich High-End-Technologie, denn auf dem Schiff befindet sich im Prinzip ein komplettes Rechenzentrum. Es ist total unabhängig, braucht keinerlei Funk- oder Satellitenverbindung, um sich zu bewegen.

Autonome Mobilität ist also auf den Meeren schon viel weiter als auf der Straße?
Die Situation auf dem Meer ist mit dem Straßenverkehr kaum zu vergleichen: Autos haben es mit einem erheblich dichteren Umfeld zu tun und sie müssen erheblich schneller reagieren können. Bei Schiffen kommt es hingegen darauf an, sehr vorausschauend zu navigieren.

Und wie sieht der Einsatz von künstlicher Intelligenz in Unternehmen aus?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus der Pharmabranche. Wir haben mit Novartis ein Projekt gestartet, das bei der Entwicklung neuer Medikamente die Wirkungsweisen einzelner Stoffe testet. Tests, für die bislang ein halber Tag gebraucht wurde, lassen sich nun in 30 Minuten absolvieren. Die Vorteile für das Unternehmen sind offensichtlich: Sie sparen in der Entwicklung nicht nur Geld. Fast noch wichtiger ist, dass sie die Geschwindigkeit erhöhen. Dieses Prinzip kann man auf Innovationen für beinahe alle Industriegüter ausdehnen.

Remi El-Ouazzane ist der Chef der Sparte für Künstliche-Intelligenz-

Produkte beim Chiphersteller Intel. Mit der Übernahme des IT-Unternehmens Movidius im Jahr 2016 kam El-Ouazzane zu dem US-Konzern.

Der gebürtige Franzose hat Universitätsabschlüsse in den Fächern Halbleiter-Physik und Ökonomie.

Er hat 15 Jahre bei dem Hightech- Konzern Texas Instruments in verschiedenen Manager-Positionen gearbeitet. 2013 wechselte er zu dem kalifornischen KI-Spezialisten Movidius, wo er den Posten des Vorstandschefs inne hatte.

Künstliche Intelligenz als Produktivitätsturbo?
Und zwar in zweierlei Hinsicht. Ja, es geht um Zeit, um Prozesse zu analysieren, und um die Verringerung von Fehlern. Letzteres wird künftig in der industriellen Fertigung eine entscheidende Rolle spielen. Sie können mit künstlicher Intelligenz etwa bei der Fertigung von Einspritzpumpen für Automotoren oder von Displays für Smartphones die Zahl der Komponenten mit Fehlern im Vergleich zu herkömmlichen Verfahren maßgeblich verringern. Im Energiesektor wird KI immer häufiger für Simulationen benutzt, etwa um Gas- oder Ölvorkommen zu finden – solche Systeme sind bereits im Einsatz.

Wie sieht es bei der Stromversorgung aus?
Beim Steuern von Stromnetzen – um Überlastungen und Engpässe zu vermeiden – befinden wir uns in einer frühen Phase. Dieses Feld wird erkundet, es ist aber noch nicht im Einsatz. Aber das wird ganz bestimmt kommen, um im Zuge der Energiewende die zunehmend stärker schwankende Produktion von Wind- und Sonnenstrom zu bewältigen.

Wie gehen Unternehmen den Weg in die neuen Welten an?
Wir sehen generell zwei Trends: Große Konzerne arbeiten daran, künstliche Intelligenz selbst zu entwickeln, um sie als eine zentrale Komponente in ihr Kerngeschäft einzubauen. Andere Unternehmen versuchen, über Berater oder durch die Übernahme von Start-ups den Pfad in die KI-Welt zu finden.

Ist der Computer schon besser als der Mensch?
Nein, bei weitem nicht. Die effizienteste „Rechenmaschine“ – sowohl was Energiebedarf als auch Größe angeht – ist das menschliche Gehirn. Der größte Unterschied ist, dass Computer mit einem zentralen Speicher arbeiten, das Gehirn ist dezentral mit Milliarden von Schaltstellen organisiert. Wissenschaftler versuchen, die Architektur des Gehirns ansatzweise nachzubauen. Doch wir kennen derzeit noch weniger als zehn Prozent der Funktionsweisen des Gehirns. Gleichwohl arbeiten wir bei Intel an Neuro-Chips, die sich selbst trainieren können.

Marktforscher prognostizieren einen Markt für KI-Anwendungen von mehreren Hundert Milliarden Dollar jährlich. Vielfach wird von einer neuen industriellen Revolution gesprochen. Gehen Sie auch so weit?
Es gibt tatsächlich viele Analogien zur Einführung der Dampfmaschine. Ich will es nicht übertreiben. Aber KI ist ein massiver Game Changer. Wir haben gerade erst begonnen, die Effekte zu erkennen.

Wie wird dies die Arbeitswelt verändern? Die Angst vor massiven Jobverlusten geht um.
Wer nur mit Jobabbau argumentiert, macht es sich zu einfach. Die Arbeitswelt als Ganze verändert sich. Doch das hatten wir auch schon in der Vergangenheit. Schauen Sie sich an, wie viele Menschen vor 50, 60 Jahren in der Landwirtschaft gearbeitet haben und wie viele es heute noch sind. Daran können Sie auch ein Grundkonstante erkennen: Veränderungen bedeuten vor allem Produktivitätsgewinne. Das wird auch künftig entscheidend sein. Dies bedeutet aber auch: Neben Arbeitsplätzen, die verschwinden, werden viele neue entstehen.

Aber gibt es nicht einen großen Unterschied zu früheren industriellen Revolutionen? Der aktuelle Umbruch verläuft erheblich schneller als alle Revolutionen zuvor.
Diese Beobachtung ist richtig, es gibt eine Beschleunigung. Aber das hat auch positive Effekte. So haben beispielsweise wir im Gesundheitssektor zu wenig Radiologen. Aber wie wäre es, wenn ein Radiologe mit KI die Zahl der täglichen Untersuchungen verzehnfachen könnte?

Muss aber dennoch nicht die Politik stärker die technologischen Entwicklungen beobachten, um rechtzeitig reagieren zu können? Beispielsweise wenn es um die Umschulung von Beschäftigten geht.
Ich stimme zu. In einer sich schneller verändernden Arbeitswelt braucht es eine deutlich höhere Aufmerksamkeit, um die Qualifikation von Beschäftigten zu sichern – auch von staatlicher Seite.

Was empfehlen Sie dem Chef eines deutschen mittelständischen Automobilzulieferers? Sollte er jetzt einen Wissenschaftler für künstliche Intelligenz einstellen, um zukunftsfähig zu werden?
Das ist eine sehr gute Frage. Und meine Antwort ist ein klares Ja. Besonders in industriellen Prozessen steht eine gigantische Automationswelle bevor. Mittelständische Unternehmen in Deutschland sind häufig hoch spezialisiert. Sie haben ein enormes Know-how, eine sehr tiefe Kenntnis ihres Geschäftsfeldes und eine riesige Menge von Daten über all dies. Das ist in der Tat eine äußerst ideale Konstellation. Die Aufgabe des KI-Experten muss nun sein, mit den Ingenieuren des Unternehmens gemeinsam an Konzepten zu arbeiten, die die Fertigung optimieren.

Wo stehen wir in diesem Prozess?
Die Unternehmen müssen diese Transformation genau jetzt starten. Je schneller, umso besser. Denn es wird sich sehr schnell zeigen, dass damit Wettbewerbsvorteile realisiert werden.

Aber gerade Mittelständler scheuen die Konsequenzen. Sie müssten Beschäftigte entlassen. Ihre gesamte Organisation umbauen und zunächst einmal viel Geld in die Hand nehmen. Und häufig ist zu hören, dass man dafür keine Zeit habe, weil man produzieren muss.
Ich kann das gut verstehen. Es existiert leider kein Zauberstab, mit dem man alles augenblicklich auf den neuesten Stand bringt. Aber erstens gibt es aus meiner Sicht keine Alternative dazu. Wer sich nicht bewegt, bringt sein Unternehmen in Gefahr. Da kommt ein Tsunami. In den nächsten fünf Jahren wird sich der deutsche Mittelstand komplett umstrukturieren. Und zweitens gibt es IT-Firmen, die genau auf solche Transformationen im Mittelstand spezialisiert sind. Berührungsängste sind unbegründet.

Interview: Frank-Thomas Wenzel

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