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Plastiktüten verstopfen in Monsun-Zeiten vielerorts Abwasserkanäle, was gefährliche Überflutungen auslösen kann.

Umweltschutz

Kommt doch in die Tüte

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Indien kippt sein ambitioniertes Verbot von Einweg-Plastik. Die Industrie hatte gedroht. Die Analyse.

Die Bilder von den gigantischen Müllstrudeln auf den Ozeanen haben die Weltöffentlichkeit aufgerüttelt. Eine ganze Reihe Regierungen versucht gegenzusteuern. Die EU hat eine Plastikstrategie aufgelegt, mit der einzelne Einwegprodukte verboten und das Recycling verbessert werden soll. Doch auch Entwicklungsländer sind aktiv geworden, darunter Bangladesch, Ruanda und Kenia, die Plastiktüten teils schon vor Jahren verboten haben. Ein großer Hoffnungsträger im Kampf gegen Einweg-Plastik erlebte jetzt jedoch einen Rückschlag: Indien. Die Regierung in Neu Delhi hat das Verbot gekippt, das in diesem Monat in Kraft treten sollte.

Regierungschef Narendra Modi hatte ein landesweites Aus für Einweg-Plastikprodukte, darunter Kunststoffbeutel, angekündigt – symbolträchtig zu dem Anfang Oktober begangenen 150. Geburtstag von Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi, der nicht nur für die Befreiung von der Kolonialmacht Großbritannien, sondern auch für ein „sauberes“ Indien als Voraussetzung für die Gesundheit der Bevölkerung eintrat. Doch die Berufung auf den legendären Vorkämpfer gegen die Verschwendung nützte nichts. Im letzten Moment sagte die Modi-Regierung das Projekt ab. Das Verbot gegen den Widerstand der Industrie durchzusetzen, sei nicht zu machen, hieß es zur Begründung.

Indien mit seinen rund 1,3 Milliarden Einwohnern verbraucht 15 Millionen Tonnen Plastik pro Jahr. Das sind pro Kopf etwa elf Kilogramm, also deutlich weniger als der weltweite Schnitt von 28 und weniger als ein Drittel des deutschen Konsums, der bei 38 Kilo liegt. Trotzdem ist der Ex- und Hopp-Kunststoff ein großes Problem, da es kein gutes Sammel- und Recyclingsystem gibt. Hinzu kommt, dass auf dem Subkontinent wie im Rest Asiens beim Einkaufen fast alles in Kunststoffbeutel („Sachets“) eingepackt wird, was offenbar als modern gilt.

Gerade Plastiktüten und andere Einwegprodukte vermüllen nicht nur die Straßen und die Landschaft, sie verstopfen in Monsun-Zeiten vielerorts Abwasserkanäle, was gefährliche Überflutungen auslösen kann.

Der Industrieverband protestierte gegen den Plastikbann, Hersteller drohten mit Job-Streichungen. Das wirkte, vor allem angesichts der schlechten Arbeitsmarkt-Bilanz der Modi-Regierung. Ganz aufgegeben haben Modi und seine Minister den Kampf gegen das Ex- und Hopp-System allerdings nicht. „Plastik ist eine große Gefahr für Gesundheit, Umwelt und Sauberkeit“, tönte der Regierungschef, „wir müssen das Ziel, Indien plastikfrei zu machen, bis 2022 erreichen.“ Das Verbot soll nun offenbar schrittweise für einzelne Produkte wie Kunststofftüten, Flaschen, Besteck und Strohhalme ausgesprochen werden, was Umweltexperten auch für eher durchsetzbar halten als die bisherige Strategie.

Für Modi, der mit seinem Plastikbann weltweit ein Zeichen setzen wollte, ist das Ganze trotzdem eine arge Schlappe. Der Premier präsentiert sich auf internationaler Bühne gerne als umweltbewusster Vorreiter und wird diesem Anspruch auch gerade beim Ausbau der erneuerbaren Energien gerecht – Indien schreitet hier weit ambitionierter voran als viele andere Entwicklungs- und Schwellenländer. Dass er nun in seiner zweiten Amtszeit auch beim Plastikproblem die Kurve noch kriegt, wäre zu hoffen.

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