1. Startseite
  2. Wirtschaft

Rekordinflation in Großbritannien: Druck auf Boris Johnson wächst

Erstellt:

Von: Sebastian Borger

Kommentare

Oppositionsführer Starmer (links) mit Premier Johnson.
Großbritannien: Oppositionsführer Starmer (links) fordert von Premier Boris Johnson eine Abgabe auf exzessive Gewinne, um der steigenden Inflation entgegenzutreten. © Justin Tallis/afp

Großbritannien: Die Regierung um Boris Johnson steht wegen Rekordinflation und explodierenden Energiekosten in der Kritik – weist aber alle Schuld von sich.

London – Eigentlich pflegt Martin Lewis das Image als cooler Finanzberater der Nation. Seine wöchentliche E-Mail haben 7,5 Millionen Menschen in Großbritannien abonniert, bis zu vier Millionen schauen sich die nach ihm benannte „Money Show“ im Kommerzsender ITV an. Der vielfache Millionär genießt also hohen Einfluss.

Umso erstaunlicher kam zu Wochenbeginn ein emotionaler Ausbruch des 50-Jährigen. Die Vorschläge der Aufsichtsbehörde Ofgem zur zukünftigen Regulierung des Energiemarktes stellten eine „richtige Schande“ (a fucking disgrace) dar, fand Lewis. Für die Wortwahl entschuldigte er sich später, die Kritik behält er bei: „Wenn wir eine katastrophale Krise der Lebenshaltungskosten durchleben und Menschenleben auf dem Spiel stehen, sollte die Behörde vor allem an Tarifsenkungen interessiert sein.“

Großbritannien kämpft mit Inflation: Kritik an Regierung um Boris Johnson wird laut

Seit Monaten warnt die Opposition vor immer höheren Lebenshaltungskosten, und immer mehr neutrale Marktbeobachter:innen wie Lewis machen sich die Kritik an Regierung und Aufsehern zu eigen. Die Preise für Gas und Strom stiegen zuletzt um 54 Prozent, bei einzelnen Tarifen sogar um 200 Prozent. Im deregulierten Markt sind zwei Dutzend Anbieter pleitegegangen, mit schlimmen Folgen für die Konsument:innen. Am Mittwoch erschreckte die Statistikbehörde ONS das Land mit einer weiteren Hiobsbotschaft: Neun Prozent betrug die Inflation im April, stieg damit auf eine Marke, die zuletzt 1982 erreicht wurde.

Die konservative Regierung von Premier Boris Johnson hat eine Entlastung ärmerer Haushalte von Heizungs- und Stromkosten angekündigt, verweigert sich aber einer Initiative von Labour-Oppositionsführer Keir Starmer. Dieser forderte am Mittwoch (18. Mai) im Unterhaus erneut eine Sondersteuer auf exzessive Gewinne von Mineralöl-Konzernen von BP und Shell, die ungeahnte Milliardenprofite einstreichen konnten. „Ihr Zögern hat enorme Konsequenzen“, hielt Starmer dem Regierungschef vor. Steuererhöhungen würden zukünftige Investitionen schmälern, sagte Johnson.

Inflation in Großbritannien: Bankgouverneur gibt „apokalyptische Warnungen“ ab

Wie auf anderen Politikfeldern auch, beispielsweise bei den überwiegend negativen Brexitfolgen, suchen die Torys gern Sündenböcke, um von der eigenen Verantwortung abzulenken. So sieht sich die britische Zentralbank zunehmender Kritik von den Konservativen ausgesetzt, die seit zwölf Jahren die Regierung stellen. Die Bank of England (BoE) habe seit längerem die Inflationsgefahr unterschätzt und nicht rechtzeitig gehandelt, behaupten unisono frühere Minister wie Liam Fox oder Robert Jenrick. Zu den Kritikern zählen aber auch ehemalige Zentralbanker wie deren Ex-Chefökonom Andrew Haldane oder Experten wie Charles Goodhart und Adam Posen, die früher dem Monetärausschuss angehörten, welcher die monatlichen Zinsentscheidungen zu treffen hat. Der Leitzins werde rasch auf bis zu fünf Prozent steigen müssen, wenn die Bank ihr Inflationsziel von zwei Prozent erreichen wolle.

Hingegen setzt die derzeitige Führungsriege auf Abwarten und erhöhte den Zinssatz zu Monatsbeginn maßvoll um einen Viertelpunkt auf ein Prozent. Im Parlament gab Bankgouverneur Andrew Bailey zu Wochenbeginn „apokalyptische Warnungen“ ab, was die zukünftige Preisentwicklung für Lebensmittel betrifft. Verantwortlich dafür seien aber externe Schocks, an denen er nichts ändern könne.

Die britische Wirtschaft hat wie kein anderes vergleichbares Industrieland eine Berg- und Talfahrt hinter sich. Durch die Corona-Maßnahmen erlitt die Insel den schwersten Einbruch aller führenden Volkswirtschaften, wuchs dafür im vergangenen Jahr um ordentliche 7,5 Prozent. Inzwischen gehört das im Winter noch flotte Wachstum schon wieder der Vergangenheit an, im März ging das Bruttoinlandsprodukt um 0,1 Prozent zurück.

Großbritannien: Druck auf Regierung um Boris Johnson wächst

Gewiss haben Politiker:innen und Wirtschaftsbosse in London wenig Einfluss auf Trends, die der gesamten Weltwirtschaft zusetzen. Dazu zählt die anhaltende Störung des globalen Handels, erst durch die Pandemie, mittlerweile vor allem durch Russlands Überfall auf die Ukraine, aber auch durch Chinas wenig erfolgreiche Null Covid-Politik.

Immer größer wird der Druck auf Finanzminister Rishi Sunak, die Abgabenlast der Bürger:innen zu verringern. Der Aspirant auf Johnsons Nachfolge hatte erst im März einen Nachtragshaushalt vorgelegt, für den er in der Öffentlichkeit vor allem Prügel bezog – nicht zuletzt für sein Versprechen, „in zwei Jahren“, also nah am nächsten Wahltermin, die Einkommensteuer zu senken. Dabei hat die Steuerbelastung auf der Insel zuletzt den Höchststand der vergangenen 75 Jahre erreicht.

Schon ist von zusätzlichen Zuschüssen für besonders Bedürftige die Rede. Und Eingeweihte im Regierungsviertel haben wenig Zweifel daran, dass Sunak und Johnson schon bald die Labour-Sondersteuer für Mineralölkonzerne in die Tat umsetzen werden, nicht ohne die Initiative lautstark für sich zu reklamieren. (Sebastian Borger)

Auch interessant

Kommentare