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Am Donnerstag kostete ein Dollar knapp sieben türkische Lira. afp

Türkische Lira

Kollaps nicht ausgeschlossen

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Die türkische Währung stürzt weiter brutal ab. Ökonomen sprechen schon vom „perfekten Sturm“.

Wenn in der Türkei von Terrorismus die Rede ist, ist die Lage ernst. „Finanzterrorismus auf frischer Tat ertappt“, titelte die regierungsnahe türkische Zeitung Yeni Safak am Wochenende. Ausländische Spekulanten wollten die Landeswährung Lira in den Abgrund treiben, schrieb das Blatt. Die Lira war zuvor auf einen historischen Tiefstand gefallen. Für einen Dollar musste mit 7,27 Lira so viel wie nie zuvor gezahlt werden. Seit Jahresbeginn hatte die Währung um fast 20 Prozent abgewertet. Am Montag hieb Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan in die gleiche Kerbe. „Wir sind uns der heimtückischen Ziele hinter den Fallen bewusst, die unserem Land und unserer Wirtschaft gestellt werden“, erklärte er im türkischen Fernsehen.

Das Währungsdesaster wird in Ankara als Folge von Finanzmanipulationen am Börsenplatz London bezeichnet, wo Spekulanten angeblich gezielt gegen die Lira wetten. Deshalb verbot die türkische Finanzaufsicht am vergangenen Freitag den drei ausländischen Großbanken BNP Paribas, Citibank und UBS, mit der Lira zu handeln. Einerseits führte dies zu einer deutlichen Kurserholung, andererseits rief das Handelsverbot an den Märkten ein verheerendes Echo hervor. Der Schritt grenze an „eine Kriegserklärung an ausländische Banken“ und signalisiere, dass der türkischen Zentralbank die Instrumente zur Verteidigung der Lira ausgingen, twitterte der bekannte Londoner Finanzstratege Timothy Ash.

Zwar reagierte die Finanzaufsicht auf die internationale Kritik und nahm das Verbot am Montag zurück, erklärte aber, dass die Ermittlungen gegen die Banken fortgesetzt würden. Dass die Verbotskorrektur dem Lira-Kurs nicht entscheidend aufhalf, unterstreicht die Analyse von Ökonomen, die die Währungsschwäche nicht als Folge ausländischer Spekulationen, sondern vor allem sich rapide verschlechternder wirtschaftlicher Rahmenbedingungen im Land werten – aufgrund der Coronakrise, aber auch struktureller Faktoren. Mit Ausgangssperren und selektiven Quarantäne-Geboten gelang es zwar, die hohe Zahl neuer Corona-Infektionen etwas einzudämmen. Doch erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF), dass die türkische Wirtschaft 2020 um fünf Prozent schrumpfen wird.

Die türkischen Exporte sind im April um 41 Prozent gegenüber dem Vorjahr gefallen, denn der wichtigste Ausfuhrmarkt EU wurde von Corona-Schließungen hart getroffen; die Auslandsverschuldung ist auf fast 60 Prozent gestiegen. Vor allem aber schmelzen die ohnehin geringen Währungsreserven der Zentralbank und türkischer Staatsbanken wegen massiver Stützungskäufe für die Lira weiter dahin. Die Reserven seien um mehr als 20 Milliarden Dollar auf fast 50 Milliarden Dollar im Mai „zusammengebrochen“, heißt es in einer viel zitierten Studie der Commerzbank; nach Abzug von Verbindlichkeiten sollen sie nur noch rund 28 Milliarden Dollar betragen. Internationale Investoren haben seit Jahresbeginn acht Milliarden Dollar aus der Türkei abgezogen.

Noch einen Tag vor dem Banken-Bann hatte der Finanzminister und Erdogan-Schwiegersohn Berat Albayrak versucht, Investoren bei einer Videokonferenz zu beruhigen und erklärt, dass die offiziellen Währungsreserven der Türkei ausreichten, um die in den kommenden zwölf Monaten fälligen Schulden- und Zinszahlungen von insgesamt rund 172 Milliarden Dollar zu decken. Normalerweise ein Betrag, den sich die Türkei leisten kann, da die Exporte im letzten Jahr 180 Milliarden Dollar erreichten und der Tourismus 35 Milliarden Dollar erwirtschaftete.

Doch jetzt besitzen die Währungshüter kaum noch Feuerkraft, um weitere Angriffe auf die Lira abzuwehren. Fachleute führen die Lira-Talfahrt aber nicht nur auf die Corona-Krise zurück, sondern auch auf den geldpolitischen Kurs der Notenbank. Sie hat aufgrund Direktiven Erdogans ihren Leitzins trotz der zugleich abwertenden Lira immer weiter reduziert – von 24 Prozent im Juli 2019 auf jetzt 8,75 Prozent. Zwar könnten die niedrigen Zinsen und die schwache Währung den Export als wichtigste Quelle für Fremdwährungsreserven jetzt ankurbeln, doch ausgerechnet das verhindert die Corona-Krise.

Als Indikator für die Notlage werteten die Märkte nicht nur das Vorgehen gegen die drei Großbanken, sondern auch den gescheiterten Versuch Albayraks, die US-Notenbank Fed vergangene Woche um sogenannte Swap-Kredite für frische Dollars zu bitten. Eine andere Möglichkeit, um die dringend benötigte Liquidität bereitzustellen, wäre ein IWF-Kredit. Doch Erdogan schließt dies bisher kategorisch aus, denn das würde eine strenge Austeritätspolitik bedeuten und seine uneingeschränkte Kontrolle über die türkische Wirtschaft unterbinden.

Bisher ist nicht zu erkennen, woher die Rettung kommen könnte. Am Montag ließ Erdogan Einkaufszentren wieder öffnen, Mitte Juni soll auch der Tourismus wieder hochgefahren werden – Rechnungen mit vielen Unbekannten. Ökonomen der Commerzbank und des Finanzdienstes Bloomberg sprechen bereits von einem „perfektem Sturm“, der sich über der Lira zusammenbraue, mit unabsehbaren Folgen für die türkische Wirtschaft. Selbst ein Kollaps scheint nicht mehr ausgeschlossen.

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