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Anti-Kohle-Protest: Umweltaktivisten in Australien sehen das Great Barrier Reef in Gefahr.  

Fridays for Future

Kohlemine in Australien: Blauer Brief für Siemens

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  • Thomas Magenheim-Hörmann
    Thomas Magenheim-Hörmann
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Ein umstrittenes Kohle-Projekt in Australien bringt die Aktivisten von Fridays for Future auf die Straße - und den Weltkonzern unter Druck.

Siemens, schür kein Feuer!“ So überschreibt die „Fridays for Future“-Bewegung ihre Aktion gegen den Münchner Weltkonzern. Für den heutigen Freitag hat sie zu Demos an Siemens-Standorten in Deutschland aufgerufen, um gegen die Beteiligung des Unternehmens am Bau einer riesigen Kohlemine in Australien zu protestieren. In mehr als 30 Städten – von Greifswald bis Bad Tölz und von Hannover bis Stuttgart – wollen die Aktivisten mobilmachen. In München erhält die Firmenzentrale Besuch von den jugendlichen Aktivisten. Dort ist auch eine 24-stündige Mahnwache geplant. Illustriert ist der Aufruf im Internet mit einer Fotomontage: Koala und Känguru vor einem brennenden australischen Wald.

Die Mine, um die es geht, sei „eines der umstrittensten Bauprojekte weltweit“, heißt es in Mails, die FfF-Anhänger dieser Tage in Serie an Siemens-Chef Joe Kaeser schreiben. „Während Sie in Deutschland versprechen, Verantwortung für unser Klima zu übernehmen und bis 2030 klimaneutral werden zu wollen, unterstützen Sie in Australien ein rückwärtsgewandtes Vorhaben und die Zerstörung unseres Planeten und unserer Zukunft.“ Kaeser fordern sie auf, die Beteiligung an dem Projekt zu beenden.

Der Protest richtet sich gegen ein gigantisches Bergbauvorhaben im australischen Bundesstaat Queensland. Der indische Adani-Konzern will dort ab 2021 Kohle abbauen, das Projekt ist Mitte vorigen Jahres trotz heftiger Proteste von Umweltschützern von der Regierung in Canberra genehmigt worden, und der Bau hat inzwischen begonnen. Aus der „Carmichael-Mine“ will Adani im Endausbau jährlich 60 Millionen Tonnen Kohle fördern, teils im Tagebau, teils im Untertageabbau. Die Mine wäre damit eine der weltweit größten Kohleabbaustätten der Welt. Die geförderte Kohle soll in den Export nach Indien gehen, wo beim Verbrennen dann pro Jahr fast 80 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangen würden – knapp ein Siebtel der australischen Emissionen, die 2018 rund 532 Millionen Tonnen betrugen. Die Mine soll bis zu 60 Jahre lang betrieben werden.

Der Münchner Konzern ist am Bau der Mine nicht direkt beteiligt. Er liefert die Signaltechnik für die neue, 200 Kilometer lange Eisenbahntrasse, die die Abbaustätte mit der nordostaustralischen Küste verbindet. Dort, im Hafen von Abbot Point, wird die Kohle dann auf Schiffe Richtung Indien verladen. Besonders umstritten ist dieser Teil des Projekts, weil der neue Großhafen am Rande des Naturschutzgebietes um das Great Barrier Reef entsteht, das durch die erhöhten Temperaturen des Meerwassers bereits stark geschädigt ist. Umweltschützer fürchten, dass die Fahrten der Kohleschiffe durch das Riff, das zum Weltnaturerbe zählt, dieses weiter zerstören und viele Meerestiere schädigen werden.

„Fridays for Future“ sind übrigens nicht die einzigen Kritiker, die sich auf Siemens kaprizieren. So gibt es auf der Aktionsplattform „Change.org“ Petitionen, mit denen unter anderem die Aktivisten der Gruppe „Extinction Rebellion“ den Konzern dazu bringen wollen, die Beteiligung an dem Minenprojekt zu stoppen. Und in München klebte vor ein paar Wochen ein Aktivist seine Hand an ein Fenster in der Siemens-Zentrale in München, um auf die Adani-Beteiligung aufmerksam zu machen.

Das Adani-Projekt steht prototypisch für die Diskrepanz zwischen den Klimaschutzerfordernissen, wie sie im Paris-Abkommen verankert sind und von praktisch allen Staaten der Welt unterzeichnet wurden, und der oft gegenläufigen Energiepolitik vieler Regierungen. Um das Limit der globalen Erwärmung auf 1,5 bis zwei Grad zu halten, müsste die Förderung fossiler Rohstoffe – und dabei vor allem die der besonders klimaschädlichen Kohle – bereits in diesem Jahrzehnt deutlich heruntergefahren werden. Die meisten Förderländer allerdings planen für 2030 Produktionsmengen, die deutlich über dem eigentlich noch Zulässigen liegen, wie das UN-Umweltprogramm Unep unlängst in einer Untersuchung vorrechnete – bei Kohle fast die dreifache Menge, wenn 1,5 Grad angepeilt werden.

Kaeser ist die Macht, die „Fridays for Future“ mittlerweile entfaltet, durchaus bewusst. Der Siemens-Chef hat bereits im Dezember auf die Proteste reagiert. Auf Twitter schrieb Kaeser, er nehme die Sorgen ernst und werde sich die Sache genau anschauen. „Ansichten und Entscheidungen könnten sich ändern, oder auch nicht. Aber ihr verdient eine Antwort.“ In einer Pressemitteilung ließ der Konzern wissen, man habe Verständnis, „dass sich viele Menschen gerade für dieses Projekt so besonders interessieren und einsetzen“. Siemens verfolge aber „im Kampf gegen den Klimawandel einen deutlich breiteren Ansatz“ und arbeite daran, „dass Menschen weltweit Zugang zu einer bezahlbaren und zuverlässigen Stromversorgung haben“. Das Unternehmen verteidigt seine Beteiligung an fossilen Kraftwerksprojekten in aller Welt, für die es zum Beispiel Turbinen liefert, ausdrücklich. Mit modernster Technik habe man zum Beispiel 2018 den Kunden geholfen, „ihre Emissionen um mehr als 600 Millionen Tonnen zu reduzieren“.

Insgesamt ist Adani kein unbedeutender Siemens-Kunde. Angaben zum Volumen des Auftrags bei Adani machte der Konzern nicht. Der Auftrag hat dem Vernehmen nach einen Wert von 20 Millionen Euro, was bei jährlich 87 Milliarden Euro Siemens-Umsatz eine sehr überschaubare Größenordnung ist. So könnte Kaesers Daumen angesichts des drohenden Imageverlustes doch noch nach unten gehen.

Deutsche Bank und Commerzbank haben sich ausdrücklich einer Finanzierung des Minenprojekts in Australien verweigert. Auf Assekuranzseite tun das Allianz, Munich Re und Hannover Re. Sie haben sich dazu bekannt, keine Kohleminen zu versichern und auch als Anleger nicht mehr in Kohle zu investieren.

Wie sich Siemens letztlich entscheidet, könnte Kaeser am Freitag brühwarm Luisa Neubauer mitteilen. Für diesen Tag hat er die 23-jährige Hamburgerin, die hierzulande das Gesicht von „Fridays for Future“ ist, zu einem Vieraugengespräch eingeladen.

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