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Der Tagebau Welzow-Süd in der Lausitz fördert Jahr für Jahr 20 Millionen Tonnen Rohbraunkohle.

Kohle-Ausstieg

Der weite Weg raus aus der Kohle

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Zwischen Hoffen und Bangen: Nach dem Kohleausstieg versuchen Anwohner wie Kumpel in der Lausitz und am Niederrhein zu verstehen, was der Kompromiss für ihre Zukunft bedeutet.

An dem Tag, an dem es endlich wieder Hoffnung gibt, für sein Haus, seinen Hof, seine Heimat, ist Norbert Winzen unfassbar wütend. Ein Nachbar hat ihn gerade angerufen. Die Bagger stehen jetzt auf seinem Acker. Sie haben Gräben ausgehoben, Wälle aufgeschüttet. „Das dürfen die nicht“, sagt Winzen. „Die verstoßen damit gegen das Gesetz.“

„Die“, das sind Arbeiter des Energieriesen RWE. Präzise: Von dessen Tochter RWE Power, der früheren Rheinbraun AG. Das Unternehmen betreibt den Braunkohletagebau Garzweiler, eine gigantische Grube zwischen, Erkelenz, Grevenbroich und Jüchen am Niederrhein. Schon ein gutes Dutzend Ortschaften sind in dem nicht enden wollenden Loch verschwunden.

Winzen wohnt in Keyenburg, sein Ort ist als nächstes dran. Beziehungsweise sein Acker, denn der liegt noch außerhalb des 700-Einwohner-Dörfchens, praktisch direkt an der Abbruchkante. RWE will die Fläche schon länger haben, Winzen will sie nicht hergeben. Er kämpft um sein Zuhause, einen denkmalgeschützten rheinischen Vierkanthof, in dem er mit Mutter, Schwager, Schwester und insgesamt sieben Kindern lebt. Elf Menschen und drei Generationen unter einem Dach – ein Haus, in dem das möglich ist, bekomme die Familie nie wieder, sagt Winzen. Deshalb ist der Acker wichtig, er schützt das Haus vor den Baggern. Und deshalb ist der 54-Jährige auch so aufgebracht, dass RWE trotz des noch laufenden Enteignungsverfahrens Fakten schafft. „So geht das hier seit Jahren“, sagt Winzen. „Es ist der reinste Psychoterror.“

Klimaforscher Mojib Latif über den Kohle-Ausstieg

Kohle-Ausstieg: Was die Kommission vereinbart hat und was die Politik noch klären muss

Dass nun die Kohlekommission im fernen Berlin einen Ausstiegsplan aus der Braunkohle beschlossen hat, das schnell Kraftwerke abgeschaltet und Umsiedlungen dadurch überflüssig werden sollen, daran mag Winzen noch nicht so recht glauben. „Mag ja sein, dass das in einigen Jahren so kommt, aber was ist, wenn RWE bis dahin alle unsere Lebensgrundlagen zerstört hat?“

Gut 600 Kilometer weiter östlich ist auch bei Wolfgang Rupieper die Stimmung angespannt. Der 71-Jährige lebt in Cottbus, er ist Vorsitzender des Vereins „Pro Lausitzer Braunkohle“. „Es gab doch längst ein Ausstiegsdatum“, sagt Rupieper. „Durch den Kohlekompromiss verlieren die Reviere nun mindestens zehn Jahre.“ Außerdem würden die Revisionsklauseln neue Unsicherheiten schaffen. „Was machen wir denn, wenn jetzt die Kohlekonzerne sagen, unter diesen Bedingungen investieren wir nicht mehr“, fragt der Vereinsvorsitzende.

Rupieper ist eigentlich Wessi, er stammt aus Bochum, wuchs in einer Bergarbeiterfamilie auf. Das Zechensterben und den Niedergang des Ruhrgebiets hat er hautnah miterlebt, ehe er 1991 rübergemacht hat in den Osten. „Die Braunkohle ist eine Ankerindustrie des Wirtschaftsraumes Lausitz“, sagt Rupieper nun. Er fürchtet jetzt, dass Cottbus das gleiche Schicksal drohen könnte, wie der Partnerstadt Gelsenkirchen. Arbeitslosigkeit, Überalterung, Verfall.

Deutschland am Tag nach dem historischen Kohlekompromiss. Noch versuchen alle zu verstehen, was da am Samstagmorgen in Berlin verkündet worden ist. Das Land steigt aus der Braunkohle aus, auch mit der Verstromung importierter Steinkohle soll endgültig Schluss sein. Spätestens 2038 soll das letzte Kohlekraftwerk vom Netz.

Es ist eine bedeutende, wenn nicht gar eine epochale Entscheidung. Sie beendet ein Kapitel Industriegeschichte und schlägt ein neues auf. Wenn es gut läuft. Sie soll dabei helfen, dass Deutschland seine ehrgeizigen Klimaziele erreicht. Und sie wird das Leben von Tausenden, womöglich gar Zigtausenden Menschen beeinflussen.

Wie die meisten wichtigen Entscheidungen führt sie erst einmal zu Unsicherheit. Viele Menschen fragen sich, was das nun für sie heißt. Mitarbeiter der Kohleunternehmen fürchten um ihre Jobs, Anwohner von Tagebauen hoffen, dass Sie in ihren Häusern bleiben dürfen. Umweltschützer glauben, dass die Beschlüsse nicht reichen, um das Klima zu retten. Wirtschaftsvertreter fürchten dass sie allemal reichen, um der deutschen Industrie einen Schlag zu versetzen. Es gibt so viele Meinungen wie Perspektiven. Vielleicht sogar noch ein paar mehr.

Samstagmorgen, nur Stunden bevor Norbert Winzen und Wolfgang Rupieper über ihre Zukunft nachdenken, sitzt in Berlin ein ehemaliger Politiker auf einem Podium und ist ziemlich zufrieden mit sich. Ronald Pofalla, früherer Kanzleramtschef, heutiger Bahnvorstand und immer noch Kanzlerinnen-Vertrauter hat gerade verkündet, dass die Kohlekommission sich auf einen Abschlussbericht geeinigt hat. Um viertel vor fünf am Samstagmorgen, nach einer 22-stündigen Marathon-Sitzung. Man sieht Pofalla an, dass er nicht geschlafen hat, trotzdem lächelt er. Formell ist er nur einer von vier Co-Vorsitzenden der Kommission „Wachstum, Strukturwandel, und Beschäftigung“, die alle nur „Kohlekommission“ nennen. Inoffiziell war Pofalla der Chef. Er hat die Verhandlungen vorangetrieben, an ihm haben sich alle anderen ausgerichtet. Der erfolgreiche Abschluss der Kommission, er ist vor allem sein Erfolg.

Pofalla weiß das, aber er ist schlau genug, es nicht auszusprechen. Stattdessen verteilt er Lob. „Schwerstarbeit“ sei geleistet worden, ein „historischer Kraftakt“. Es sei „keine Selbstverständlichkeit“ was die Kommission da geschaffen habe, nämlichen einen „gesamtgesellschaftlichen Konsens“. Damit habe sie ihre Aufgabe erfüllt, sagt Pofalla. „Es ist geschafft.“

Tatsächlich war nicht unbedingt damit zu rechnen, dass sich die 28 stimmberechtigten Mitglieder auf einen gemeinsamen Ausstiegspfad aus der Kohle verständige würden. Und dass sie das gemeinsam tun. Lediglich die Lausitzerin Hannelore Wodtke stimmt gegen den 336-seitigen Abschlussbericht. Die Vertreter der Umweltverbände Greenpeace, BUND und Deutscher Naturschutzring widersprechen in einem Sondervotum dem finalen Ausstiegsdatum 2038. Ansonsten aber herrscht Einigkeit über das, was jetzt zu tun sein wird.

Der Abschlussbericht hat am Ende allerdings nur beratenden Charakter, in ein Gesetz gegossen ist noch nichts. Die Bundesregierung wird Vorschläge machen, entscheiden muss am Ende der Bundestag. Vor allem über die Milliardenzahlungen. Auch deshalb sind so viele Fragen noch offen. Auch deshalb herrscht so große Unsicherheit.

„Lange halten wir die Unsicherheit nicht mehr aus“, sagt Tagebau-Anwohner Norbert Winzen. Wir müssen endlich wissen, wie es jetzt weitergeht“, sagt Braunkohle-Anhänger Rupieper. Zumindest in dieser Frage herrscht zwischen den beiden – trotz aller Gegensätze – Einigkeit.

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