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Dirk Mittelstädt, Bürgermeister von Dobbertin in Mecklenburg-Vorpommern.

Interview

„Können wir es uns leisten, das nicht zu tun?“

Wie der Bürgermeister von Dobbertin, Dirk Mittelstädt, versucht, seine strukturschwache Gemeinde zu entwickeln.

Dirk Mittelstädt ist seit 2011 ehrenamtlicher Bürgermeister von Dobbertin in Mecklenburg-Vorpommern mit rund 1150 Einwohnern und ehrenamtlicher Amtsvorsteher von Goldberg-Mildenitz. Zum Amt gehören 36 Dörfer, teils mit nur fünf Häusern. Im Broterwerb ist Mittelstädt Kriminalbeamter in Vollzeit. 2015 hat er einen Master in Integrativer Stadt-Land-Entwicklung erworben.

Herr Mittelstädt, wie ist die finanzielle Situation Ihrer Gemeinde?

Wir haben seit langem ein Haushaltssicherungskonzept. Das geänderte Finanzausgleichgesetz in Mecklenburg-Vorpommern von 2009 hatte uns den Boden entzogen. Plötzlich gab es weniger Geld vom Land und gleichzeitig sollten wir mehr an den Landkreis überweisen. Obwohl wir nur unsere Pflichtleistungen wie Brandschutz und Verkehrssicherung erbracht hatten, betrug das Minus jedes Jahr 150.000 Euro. Mittlerweile sind wir in den schwarzen Zahlen. Der Haushalt beträgt rund 1,1 Millionen. Davon zahlt die Gemeinde 350.000 Euro an den Kreis und 180.000 Euro an das Amt. Etwa 5000 Euro beträgt unser Plus zum Jahresende.

„Wir haben jetzt nur noch einen Gemeindearbeiter, obwohl er einige Geräte, etwa die Motorsägen, aus Gründen des Arbeitsschutzes gar nicht allein bedienen darf.“

Dirk Mittelstädt, Bürgermeister

Wie haben Sie das geschafft?

Durch Umstrukturierung. Wir haben jetzt nur noch einen Gemeindearbeiter, obwohl er einige Geräte, etwa die Motorsägen, aus Gründen des Arbeitsschutzes gar nicht allein bedienen darf. Und wir haben keine Stelle mehr für die Touristeninformation. Für Investitionen haben wir ganz stark auf Fördergelder gesetzt.

Welche Rolle spielen Förderprogramme für ihre Gemeinde?

Ich beschäftige mich sehr intensiv damit, aber das ist für einen Ehrenamtler nicht einfach. Gemeinsam mit dem Amt suche ich nach geeigneten Töpfen. Grundlage dafür ist ein Fünf-Jahres-Plan, den wir ständig fortschreiben. Dort tragen wir ein, welche Projekte wir angehen wollen und suchen dann Programme dafür. Aber für viele Vorhaben kann ich keine Fördergelder abrufen.

Was ist der Grund dafür?

Es gibt oft keine passenden Programme. Wir wollten zum Beispiel eine neue Kita bauen. Unser Gebäude ist über 40 Jahre alt und die Wasserleitungen sind so marode, dass wir wegen der schlechten Trinkwasserwerte befürchtet haben, sie schließen zu müssen. Ein Neubau würde aber nicht gefördert, weil ein paar Kilometer weiter eine neue Kita gebaut worden ist. Wir durften unser Gebäude lediglich mit Fördergeldern sanieren. Die Kosten betragen rund eine Million Euro, der Eigenanteil 240.000 Euro. Cofinanziert vom Land werden davon 155.000 Euro. Bleiben für uns 85 000 Euro.

Aber soviel Geld können Sie ja unmöglich haben?

Nein, das läuft über eine Zwischenfinanzierung als Kassenkredit. Im Grunde eine von der Kommunalaufsicht geduldete Überziehung unseres Kontos.

Trotz Finanzknappheit leisten Sie sich eine Sporthalle für ihre zehn Vereine.

Manchmal lautet die Frage nicht: Können wir uns das leisten, sondern können wir es uns leisten, das nicht zu tun? Auch für die Sporthalle, die in einem desolaten Zustand war, haben wir keine Fördergelder bekommen. Nach der Schließung unserer Schule gab es dafür keinen Topf mehr. Wir haben mit Gemeindemitteln das Material gekauft und nach Feierabend haben unsere Elektriker aus den Vereinen die LED-Lampen installiert. Genauso haben wir es mit dem Sanitärtrakt und den Malerarbeiten gemacht.

Demnächst gibt es sogar ein Ärztehaus. Wie machen Sie das?

Wir haben als Gemeinde einen denkmalgeschützten Dreiseitenhof gekauft. Dort ziehen bald eine Praxis für Physiotherapie, ein Podologe, ein Sanitätshaus und eine Praxis mit mehreren Ärzten ein. Dafür haben wir Fördergelder bekommen. Den Eigenanteil finanzieren wir über einen Investitionskredit und rechnen die Mieteinnahmen dagegen. Das hatten wir zuvor schon mit einem Wohnprojekt für altersgerechtes Wohnen gemacht.

Interview: Juliane Schultz

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